ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2011Ambulante psychotherapeutische Versorgung: „Die Ergebnisse deuten auf eine Unterversorgung hin“

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Ambulante psychotherapeutische Versorgung: „Die Ergebnisse deuten auf eine Unterversorgung hin“

Bühring, Petra

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Im Durchschnitt warten psychisch Kranke zweieinhalb Monate auf ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten. Das ergab eine Studie.

Trotz der zunehmenden Bedeutung psychischer Störungen ist die Datenlage zur psychotherapeutischen Versorgung mit Richtlinienpsychotherapie mangelhaft. Die Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) will einen Beitrag zur Aufklärung der Versorgung leisten und führte eine fragebogengestützte Mitgliederbefragung durch. 2 497 Erwachsenen- und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (Rücklaufquote 33 Prozent) nahmen an der Studie teil, die unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Wasem, Lehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen, ausgewertet wurde.

„Bei aller Vorsicht deuten die Ergebnisse auf eine Unterversorgung mit ambulanter Psychotherapie hin“, sagte Wasem bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Die durchschnittliche Wartezeit auf ein Erstgespräch beträgt bei den befragten Therapeuten, die eine Warteliste führen (52 Prozent), mehr als 2,5 Monate. Am längsten warten die Menschen in einer Kleinstadt auf ein Erstgespräch (104 Tage), in ländlichen Regionen 69 Tage, in Großstädten dauert es immerhin noch 62 Tage.

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Im Vergleich der Studienergebnisse mit epidemiologischen Daten zeigt sich außerdem, dass Männer, alte Menschen und Menschen aus niedrigen sozialen Schichten unterdurchschnittlich an der Versorgung mit Psychotherapie teilnehmen. „Es wäre sinnvoll, die Hemmschwelle dieser Menschen zu untersuchen“, betonte Wasem.

Knapp 14 Prozent der Patienten nehmen nur probatorische Sitzungen oder die biografische Anamnese in Anspruch. Eine genehmigungspflichtige Therapie bei den befragten Therapeuten umfasst im Durchschnitt 46 Sitzungen, diese werden zu 83 Prozent ausgeschöpft. Bei 66 Prozent der Patienten, die das Höchstkontingent an genehmigungspflichtigen Sitzungen ausgenutzt haben, reicht dies nach Meinung der behandelnden Psychotherapeuten nicht aus.

In der Studie bestätigten sich das hohe Durchschnittsalter der Psychotherapeuten von knapp 52 Jahren und der zunehmende Frauenanteil in den jüngeren Altersgruppen. Während Männer im Durchschnitt 28 Behandlungsstunden pro Woche anbieten, sind es bei bei Frauen nur 23 Stunden. „Steigt der Frauenanteil weiter und ändert sich die Bedarfsplanung nicht, so kann dies zu einem geringerem Angebot an ambulanter Psychotherapie führen“, betonte Wasem.

Nur 52 Prozent der Patienten finden ihren Psychotherapeuten direkt durch die Zuweisung von Ärzten: überwiegend von Haus- und Kinderärzten (25 Prozent), gefolgt von Psychiatern und Nervenärzten (16,5 Prozent) und anderen. Besonders hoch ist der Anteil (23 Prozent) derjenigen, die sich selbst zuweisen oder aufgrund von Empfehlungen durch Freunde oder Bekannte handeln (15,6 Prozent).

Unzufrieden mit der Zusammenarbeit zwischen Haus- und Kinderärzten sowie Psychotherapeuten hinsichtlich der Medikation zeigen sich 24 Prozent der Befragten. Besonders hoch ist dabei der Anteil der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (34 Prozent). Um die Kooperation zu verbessern, aber auch um den Zugang für unterdurchschnittlich versorgte Patientengruppen zu erleichtern, hält Dieter Best, Bundesvorsitzender der DPtV ein Fortbildungskonzept für Hausärzte, Kinderärzte und Psychotherapeuten für sinnvoll.

Die Aussagen der Studie sind limitiert: Es handelt sich nicht um eine Zufallsstichprobe aus allen ambulant tätigen Psychotherapeuten, die Stichprobe bildet die Mitgliederstruktur der DPtV ab. In dem Verband sind circa 7 500 überwiegend verhaltenstherapeutisch orientierte Psychologische Psychotherapeuten organisiert. Das heißt, Psychoanalytiker und ärztliche Psychotherapeuten sind kaum abgebildet. Die Datenerhebung wurde zudem ohne externe Validierung durchgeführt.

Der DPtV-Vorsitzende Dieter Best will zur Verbesserung der Unter- und Fehlversorgung, die die Studie gezeigt hat, Vorschläge in das Verfahren zum GKV-Versorgungsgesetz einbringen: „Dazu gehört vor allem die Veränderung der Bedarfsplanung mit Anhebung der Verhältniszahlen benachteiligter, strukturschwacher und ländlicher Regionen.“

Petra Bühring

@Die Studie im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp11107

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