ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1997Corinne Wasmuht: „Skyline“ der Anatomie

VARIA: Feuilleton

Corinne Wasmuht: „Skyline“ der Anatomie

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Können junge Künstler heute überhaupt noch malen? Diese Frage stellt sich in zweifacher Hinsicht: Sie spricht die handwerklichen Fähigkeiten ebenso an wie die Wirksamkeit der künstlerischen Aussage in der heutige Zeit. Mit der breiten Akzeptanz von Minimal- und Concept-Kunst schien das Ende der klassischen Arbeit mit Pinsel und Farbe endgültig besiegelt. Auch die Bestrebungen nach neuen Vermittlungsebenen, wie sie die technischen Medien bieten, sprachen dafür. Inzwischen erscheint die Situation vielschichtiger. Nicht nur als bloßes Korrektiv zur Aktualität der Medienfusionen haben einige junge Künstler die "klassische" Malerei als geeignete Ausdrucksform entdeckt. Ihre Arbeiten sind vielfach großformatige Leinwand-Tafelbilder, die durch eine disziplinierte Maltechnik auffallen - wie Öl auf Holz und eine sorgfältige Grundierung. Eine Vertreterin dieser jungen Generation ist Corinne Wasmuht.
Thematisch behandelt die Düsseldorfer Künstlerin vorwiegend Motive aus Natur und Medizin, die sie mit Akribie recherchiert. Am Ende dieses umfangreichen Prozesses von Sammeln, Filtern und Verknüpfen steht ein Gemälde, welches das Gesehene als Destillat in noch nie gesehener Weise präsentiert. Bei dieser Arbeitsweise erscheint es logisch, daß es zu jedem Bild ein "Archiv" gibt, eine thematisch angelegte Sammlung von Bildern, die in das Gesamtwerk eingearbeitet werden.
Ein Beispiel für diese aufwendige Arbeitsweise aus dem Bereich der Medizin ist das Werk "Ohne Titel - mikroskopische Anatomie". Betrachtet man das dreiteilige Gemälde, glaubt man, daß es sich hierbei um die abstrakte Darstellung einer Großstadt-Skyline handelt. Tritt man näher heran, entpuppen sich die einzelnen "Häuser" und "Straßen" als histologische Schnitte des menschlichen Körpers. Jedes einzelne Gewebe - ob Netzhaut, Muskel oder Haut - ist dabei mit einer Präzision dargestellt, die den Anforderungen eines medizinischen Lehrbuchs durchaus entspricht. "Obwohl in den Bildern die abstrakte und strenge Ordnung der Montagetechnik stets präsent ist, pulsiert die Malerei aus einer visuellen Vielfalt heraus. Es ist eine Vielfalt, die sich in den schier endlosen und nur minimalen Variationen eines Grundmusters abspielt", erklärt Julian Heynen vom Krefelder Kunstmuseum. "Es herrscht eine solche Dichte, daß der erste - noch nicht geschulte - Blick vielleicht nur eine unklar modulierte Einförmigkeit wahrnimmt." Taucht man jedoch in die Bilder ein, gleicht keine Form der anderen mehr. Jedes Detail ist einzigartig, aber alle sind miteinander verbunden.
Dabei wendet sich die Genauigkeit der naturwissenschaftlichen Zeichnung nicht ausschließlich an den Verstand. Corinne Wasmuht nutzt ebenso emotionale und ästhetische Bedürfnisse nach Ordnung. Sie sieht die Welt unter veränderten Umständen und vermittelt ihre Wahrnehmung mit dem historischen Instrument der Malerei. Dieser Anachronismus gipfelt in einer zeitgenössischen avancierten Technik. Corinne Wasmuht gehörte im vergangenen Jahr zusammen mit Martin Gerwers und Dirk Skreber zu den Preisträgern "Malerei" des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie. Information: Johnen & Schöttle, Kamekestraße 21, 50672 Köln. Vera Zylka-Menhorn
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