ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2011Homosexualität: Offener Umgang gefordert
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Der Artikel von Frau Dr. Gisela Wolf „Gesundheitsversorgung: Barrieren für homosexuelle Patienten“ war längst überfällig. Wie wichtig dieser Artikel war und ist, zeigt sich an der Reaktion in Form eines Leserbriefes von Dipl.-Psych. Herrn Gerlach.

Ich gehe nicht mit Herrn Gerlachs Annahme konform, dass der Artikel zu einer „. . . ängstlichen, naiven und unkritischen Haltung gegenüber schwulen und lesbischen Patienten“ beiträgt. Im Gegenteil, der Artikel unterstützt den offenen Umgang mit dieser Thematik. Er ist bedeutsam hinsichtlich der Frage, wie sehr Homosexualität aufseiten der Patienten, der Ärzte oder Therapeuten noch immer tabuisiert wird oder werden muss, zum Schutze des Patienten oder zum Schutze des Arztes. Das „. . . hohe Ausmaß an pathologischer Scham“, das hier attestiert wird, sollte nicht die Homosexuellen treffen, sondern solche, die mit überholten Vorurteilen, unwissenschaftlichen Behauptungen und haarsträubenden Unterstellungen hausieren gehen. Konform gehe ich mit der Forderung nach mehr Forschung, vor allem weil ein hohes Ausmaß an unnötigem Leid existiert, dass Menschen zugefügt wird, die in ihrer Lebensführung diskriminiert und behindert werden, weil sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, was – wie man weiß – keine freie Wahl ist. Ganz zu schweigen von dem Unglück, dass vielen Unbeteiligten geschehen kann, wenn die Neigung nicht ausgelebt werden kann (wie Kindern oder Ehepartnern). Noch immer sind die Suizidraten unter jungen Homosexuellen erschreckend hoch, weil sie glauben, mit diesem Schicksal kein glückliches Leben führen zu können oder ihre Familie nicht beschämen möchten. Viele verschweigen sogar den wahren Grund und lassen betroffenes Schweigen zurück. Vergessen werden sollte ebenfalls nicht, dass in vielen Ländern Homosexualität noch immer mit der Todesstrafe bedroht wird.

Wenn wir an die Eltern vieler Homosexueller denken, so fällt hier die große Scham darüber und der Irrglaube auf, dass sie etwas falsch gemacht haben könnten. Ihnen wird ein großes Unrecht zugefügt, wenn sie „. . . die blockierte Bindung und Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil . . .“ verursacht haben sollen und damit eine „. . . ichdystone Sexualpräferenz . . .“. Das wollten sie ihrem Kind sicher nicht antun. Doch gerade die jüngste Forschung zeigt, wie schwierig es ist, ein Kind mit angeborenen homosexuellen Neigungen so zu erziehen, dass es frei und offen mit diesen leben kann. Wünschenswert ist, dass nicht nur erwachsene Söhne und Töchter stolz „Ich bin schwul, und das ist gut so!“ verkünden, sondern auch deren Eltern. Hiervon sind wir aber noch weit entfernt.

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Dipl.-Psych. Grit Ronneburg, 07743 Jena

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