ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2011Chronisches Erschöpfungssyndrom: Diagnostisch schwer zu fassen

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Chronisches Erschöpfungssyndrom: Diagnostisch schwer zu fassen

Meyer, Rüdiger

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Bei der bisher größten Therapiestudie zum chronischen Erschöpfungssyndrom erwiesen sich Psychotherapie und Sport als wirksam.

Eine Psychotherapie und leichte sportliche Übungen haben sich in der bisher größten Therapiestudie zum chronischen Erschöpfungssyndrom als wirksam erwiesen. Laut der Publikation im „Lancet“ erzielen bis zu 60 Prozent der Patienten eine Besserung, die aber nicht alle Beobachter überzeugt.

Keine Besserung durch Ruhe

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Die Chronic Fatigue Syndrome/Myalgic Encephalomyelitis (CFS/ME) wurde erstmals Ende der 50er Jahre in Großbritannien beschrieben. Sie hat viele Namen, von „Island-Erkrankung“ (in Großbritannien) bis zum „Syndrom fehlender natürlicher Killerzellen“ (in Japan), und ist diagnostisch schwer zu fassen, da es keine typischen Laborbefunde gibt. Die Diagnose basiert allein auf den klinischen Angaben der Patienten. Kennzeichnend ist eine chronische Erschöpfung, deren Beginn sich zeitlich benennen lässt. Die Erschöpfung ist nicht Folge einer körperlichen Überlastung und bessert sich nicht durch Ruhe. Über die Ursachen der CFS/ME gibt es keine klaren Erkenntnisse. Die Vermutungen reichen von einer psychischen Überlastung (quasi als Extremvariante eines Burn-outs) über neurologische Erkrankungen bis hin zu Virusinfektionen (wegen des akuten Beginns). Vor zwei Jahren war die Erkrankung mit murinen Retroviren (XMRV) in Verbindung gebracht worden, was aber inzwischen als widerlegt gilt.

Nichtsdestotrotz fordern einige US-amerikanische Patienten eine lebenslange antiretrovirale Therapie, die allerdings von den Kostenträgern in der Regel verweigert wird und für deren Wirksamkeit es keine medizinische Evidenz gibt. Als evidenzbasiert dürften allerdings künftig eine kognitive Verhaltenstherapie (Cognitive behavioural therapy, CBT) und ein spezielles Sportprogramm gelten, die als stufenweise Aktivierung (Graded exercise therapy, GET) bezeichnet werden. Die Patienten lernen von einem Psychologen Techniken, wie sie die Müdigkeitsanfälle frühzeitig erkennen und überwinden können. Bei der GET versucht ein Physiotherapeut die Patienten durch ein allmählich gesteigertes Bewegungsprogramm körperlich wieder fit für Beruf und Alltagsleben zu machen. Die GET entspreche der Physiotherapie, wie sie bei einer großen Zahl von Erkrankungen wie Rheuma, Herzerkrankungen, Diabetes und chronischen Schmerzen eingesetzt werde, berichtet das Medical Research Council, das zusammen mit der britischen Regierung die „Pacing, graded Activity and Cognitive behaviour therapy – a randomised Evaluation“ oder PACE-Studie durchgeführt hat.

An sechs Zentren hatten 620 Patienten an der Studie teilgenommen. Bei allen war die CFS/ME nach den Oxford-Kriterien diagnostiziert worden. Alle Patienten wurden von Spezialisten betreut, die den Patienten Medikamente gegen häufige Symptome, wie Schlaflosigkeit oder Schmerzen, verschrieben. In einen Therapiearm blieb es bei dieser Betreuung. In den drei anderen Armen nahmen die Patienten zusätzlich entweder an einer CBT, einer GET oder an einer APT teil. APT steht für „adaptive pacing therapy”. Es handelt sich um eine Variante der Beschäftigungstherapie, bei der die Patienten sich allmählich an die Bedingungen der Erkrankung adaptieren, statt zu versuchen, ihre Situation zu verbessern. Diese Therapie erwies sich als wirkungslos. Unter der GET kam es dagegen bei 61 Prozent der Patienten und unter der CBT bei 59 Prozent zu einer signifikanten Verbesserung der Müdigkeit und der körperlichen Funktion. Für Declan Mulkeen, dem Leiter des Forschungsprogramms beim Medical Research Council, steht damit fest, dass CBT und GET wirksam sind.

Die Stiftung „Action for ME“ warnte dagegen vor übertriebenen Erwartungen. In einer Umfrage der Stiftung hatten 82 Prozent der Patienten angegeben, dass die – in der aktuellen Studie wirkungslose – APT ihnen geholfen habe. Von der Wirkung der CBT und GET waren dagegen nur 50 und 43 Prozent überzeugt, während 34 Prozent sogar meinten, die – in der aktuellen Studie wirksame – GET habe ihnen mehr geschadet als genutzt.

Forschung wird fortgesetzt

Die Patientenorganisation „Association of Young People” begrüßte dagegen die Ergebnisse, da sie die Bedenken gegen die CBT und die GET entkräfte. Tatsächlich traten die von einigen Experten im Vorfeld befürchteten Verschlechterungen des körperlichen Zustands unter der GET oder CBT nur bei jeweils einem Prozent der Patienten auf und damit nicht häufiger als in der Kontrollgruppe.

Die Studie dürfte die Debatte um die Erkrankung nicht beenden, an der in Großbritannien 250 000 Menschen leiden. Auch die Therapieforschung wird fortgesetzt. Im Vergleich hierzu steckt die Beschäftigung mit der Erkrankung in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Rüdiger Meyer

1.
White PD, Goldsmith KA, Johnson AL et al.: Comparison of adaptive pacing therapy, cognitive behaviour therapy, graded exercise therapy, and specialist medical care for chronic fatigue syndrome (PACE): a randomised trial. Lancet, 2011; doi: 10.1016/S0140–6736(11)60096–2.
1.White PD, Goldsmith KA, Johnson AL et al.: Comparison of adaptive pacing therapy, cognitive behaviour therapy, graded exercise therapy, and specialist medical care for chronic fatigue syndrome (PACE): a randomised trial. Lancet, 2011; doi: 10.1016/S0140–6736(11)60096–2.

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