ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2011Hans-Jürgen Fränzer: Mächtige Ahnen

KUNST UND SEELE

Hans-Jürgen Fränzer: Mächtige Ahnen

Endreß, Heide

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Hans-Jürgen Fränzer ermöglicht die chronologische Einordnung der Kreidezeichnung mühelos: Das Bild der drei Teufel malte er am 17. Juli 1995, also mit 53 Jahren. Unmissverständlich erscheint in der zweiten Zeile zentral im Bild die volle Signatur, und unter dem Namen des Malers folgt Prominenz aus Politik und Sport: Ardolf Hidler, Helmud Rahn, Karl-Heinz Schellinger, . . . Moramet Alie. Dabei kümmert Fränzer weder die korrekte Schreibweise noch die „political correctness“. Die Reihung der Namen wirkt provokant, neben dem Bekanntheitsgrad scheint es für Fränzer um die Besessenheit zu gehen, mit der eine Vision der Omnipotenz bedingungslos, rücksichtslos und radikal verfolgt wird.

Die drei Teufel, gemalt mit bunter Kreide, präsentieren nicht nur eine diabolische Fratze, sondern auch drei verängstigte Kinder, die sich über ihre Teufelsmasken erschrecken. Foto: Eberhard Hahne
Die drei Teufel, gemalt mit bunter Kreide, präsentieren nicht nur eine diabolische Fratze, sondern auch drei verängstigte Kinder, die sich über ihre Teufelsmasken erschrecken. Foto: Eberhard Hahne

Hans-Jürgen Fränzer lebte 40 Jahre lang wegen einer chronischen Schizophrenie bis zu seinem Tod am 22. Januar 2011 im Wohnbereich des Alexianer-Krankenhauses Münster. Bei den früher üblichen Chefarzt-Visiten ließ er diesen herablassend regelmäßig wissen: „Gehört alles mir, hab’ ich alles gemacht.“ In seinem Größenwahn distanzierte er sich von Fragen nach seinem Befinden und kehrte die vordergründigen Machtverhältnisse um.

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So wie sich der Künstler durch die genaue Angabe des Datums, seines vollen Namens und seiner „mächtigen Ahnen“ seiner Existenz vergewissert, so bestätigt er seine Position durch die Wiederholung und Reihung der Motive im Bild; das ist ein Merkmal vieler Bilder von Fränzer, dessen reiches Werk mehr als 1 700 Bilder zählt: Dicke Sonnen, vier- bis sechszackige Sterne, Monde, Zigaretten, Tiere, Mischwesen, auch reine Schriftbilder mit den Namen prominenter Macht- und Siegerfiguren.

Die plakative prägnante Farbigkeit, der sichere schnelle Strich, die auf das Wesentliche reduzierte Formensprache, der unbekümmert-gewagte Ausdruck – diese Bilder üben einen starken Sog aus. Sie brennen sich dem Gedächtnis des Betrachters ein durch ihre magische Präsenz. Die drei Teufel präsentieren nicht nur eine diabolische Fratze, sondern gleichermaßen drei verängstigte Kinder, die sich über ihre Teufelsmasken erschrecken. Dieses Changieren zwischen zwei gegensätzlichen Polen macht den Reiz der Bilder aus. Auch der Patient Hans-Jürgen Fränzer verbarg hinter dem Größenwahn seine autistische Einsamkeit und war in diesem Widerspruch gefangen.

Dr. Heide Endreß
Oberärztin im Alexianer-Krankenhaus Münster

BIOGRAFIE HANS JÜRGEN FRÄNZER

Hans Jürgen Fränzer wurde 1942 in Gelsenkirchen geboren. Er schloss eine Maurerlehre ab. Mit 21 Jahren erkrankte er an Schizophrenie und lebte ab1970 im Wohnbereich Haus Kannen des Alexianer-Krankenhauses. Er starb am 22. Januar 2011 ebendort.

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