ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2011Börsebius: Kaffeesatzleser

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Börsebius: Kaffeesatzleser

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Die Erfahrung mache ich nun schon seit Jahrzehnten. Dickbändige Konjunkturberichte der Wirtschaftsweisen, ausführliche Studien zu Finanzmärkten, fette Analysen zu Aktien – egal, wohin ich schaue: Fehltritte en masse. Was habe ich nicht schon alles an Papierbergen, die allesamt mit wissenschaftlichen Szenarien abgesichert daherkommen, durchgeackert und zwölf Monate später feststellen müssen, dass sich die Realität in geradezu boshafter Weise einfach nicht um die Prognosen kümmern wollte. Was ist bloß los mit unserer Analystenzunft – ein Haufen von Versagern oder einfach nur Leute, die ihr Handwerk nicht verstehen?

Gottlob hat sich nun auch die Wissenschaft des – wirklich interessanten – Themas angenommen und die für mich nicht eben überraschende Erkenntnis gewonnen, dass es in der Tat mit der Prognosequalität im Bereich des Finanzmarkts nicht zum Besten steht oder genauer, es um sie eher schlimm bestellt ist.

Markus Spiwoks heißt der Wolfsburger Ökonom, der sich mit einem mehrköpfigen Forscherteam ans Werk gemacht und 160 000 Zinsprognosen aus 1 182 Vorhersagezeitreihen akribisch nachgeprüft hat. Gerade Vorhersagen über die Zinsentwicklung sind für eine optimale Investitionsentscheidung ziemlich wichtig, und das spätere Zutreffen der Aussage entscheidet im Zweifelsfall ganz alleine über Wohl und Wehe von Projekten und Arbeitsplätzen.

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Aber statt einen klaren analytischen Blick in die Zukunft zu werfen und ihn mit geeigneten Fakten zu belegen, bleiben die Analysten in ihrer Arbeit seltsam den tagesaktuellen Daten verhaftet und erklären, warum jetzt etwas stattfindet und nicht, wie möglicherweise aufgrund später relevanter Daten eine Aussage zu treffen ist. Oder einfacher formuliert, fallen die Zinsen, korrigieren die Experten ihre Prognosen nach unten, steigen die Renditen, werden die Zahlen nach oben genommen, in der Fachsprache halt extrapoliert. Sage und schreibe 98,5 Prozent der Prognosen orientierten sich laut Forscher Spiwoks an aktuellen Fakten und nicht an künftigen Markttrends.

Warum ist das so? Ein Grund ist sicher das kollektive Herdenverhalten, niemand mag sich zu sehr aus dem Fenster lehnen und sich mit einer Fehlprognose blamieren. Vermutlich ist auch hier die Unsitte des Abschreibens verbreiteter, als mancher so denkt. Lieber die gleiche langweilige Aussage abzugeben, als pointiert gegen den Strom zu schwimmen (mit der Konsequenz, eventuell unangenehm aufzufallen), scheint die Motivationslage der Auguren möglicherweise am treffendsten zu beschreiben.

Als nüchternes Fazit bleibt nur festzuhalten, dass Prognosen nur so lange gut sind, wie sie die – aktuelle – Realität beschreiben. Aussagen über die Zukunft abzuleiten, bleibt umso schwieriger, je länger der Zeithorizont angelegt ist. Oder noch einfacher: Kaffeesatzlesen hilft ähnlich gut oder schlecht. Betrüblich, aber wahr.

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