ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2011Psychoanalyse: Anregung zum kritischen Nachdenken

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Psychoanalyse: Anregung zum kritischen Nachdenken

Gerlach, Alf

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Schon der Titel des Buches, ein wörtliches Zitat aus einer therapeutischen Sitzung mit einer Patientin, weckt Spannung auf den Inhalt. Mathias Hirsch, der zu diesem Themenkreis mit Veröffentlichungen zum „Eigenen Körper als Objekt“ (1998) und „Eigenen Körper als Symbol“ (2002) hervorgetreten ist, entfaltet auch hier aus psychoanalytischer Perspektive das menschliche Verhältnis zum eigenen Körper mit den normalen, alltäglichen wie pathologischen Facetten. Dabei öffnet er den Blick immer wieder dafür, dass das Verhältnis zum eigenen Körper nicht nur im individuell-pathologischen Sinn gestört sein kann, sondern dass es eingebunden ist in gesellschaftliche Verhältnisse, die dem Körper immer wieder neue Bedeutungen zuschreiben und ihn für viele Menschen auch im Alltag unserer Kultur zum Objekt werden lassen, das gestaltet, verändert und manipuliert werden muss.

Im einleitenden Kapitel zur „Körperdissoziation“ führt Hirsch in die psychoanalytische Theorie der Entwicklung des Körper-Selbst ein, die auf die Begegnung mit einem äußeren Objekt angewiesen ist und durch dieses entscheidend modifiziert wird, in der Regel vor allem durch die Beziehungsgestaltung der Mutter zu ihrem Kind. Hier diskutiert er auch den psychoanalytischen Zugang zur Psychosomatik, bevor er Inszenierungen des Körpers, Selbstbeschädigung und Essstörungen, aber auch Hypochondrie und Dysmorphophobie ausführlich darstellt und aus psychoanalytischer Perspektive kommentiert. Dabei lassen seine Beispiele aus der therapeutischen Praxis den Leser sowohl an der inneren Dynamik der Patienten, die zu bestimmten Symptomen führt, als auch an der Begegnung der Patienten mit dem Therapeuten so teilnehmen, dass sich ein lebendiges Bild der verschiedenen Störungsmuster und ihre Bedeutung für den Symptomträger erschließt. Wo Hirsch nicht auf Beispiele aus seiner eigenen therapeutischen Praxis zurückgreifen kann, verwendet er öffentlich zugängliche Nachrichten, an denen sich exemplarisch Schönheitswahn oder Selbstbeschädigungstendenzen nachvollziehen lassen.

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Ein eigenes Kapitel hat Hirsch der Bedeutung von Kinderwunsch, Schwangerschaftsfantasien und dem Umgang mit der Schwangerschaft selbst gewidmet. Auch hier legt er den Schwerpunkt auf die unbewusste Dynamik des Verhältnisses zum eigenen Körper, die bestimmten Schwangerschaftswünschen und deren unbewusster Inszenierung zugrunde liegt.

Das Buch ist anschaulich und lebendig geschrieben und gehört in die Hand nicht nur jedes Psychotherapeuten und Psychiaters, sondern auch jedes Arztes, der in der täglichen Praxis mit den Krankheitsangeboten seiner Patienten konfrontiert ist. Obwohl psychoanalytische Konzepte dargestellt und diskutiert werden, ist das Buch auch dem Nichtpsychoanalytiker gut verständlich. Dort, wo es den individuell-pathologischen Rahmen verlässt und den alltäglichen „Wahnsinn“ der kulturell bedingten Inszenierungen des Körpers untersucht, regt es zu einem kritischen Nachdenken über bestimmte Aspekte des Medizinbetriebes an, zum Beispiel in den Kapiteln über Schönheitschir- urgie und Intimchirurgie. Alf Gerlach

Mathias Hirsch: „Mein Körper gehört mir . . . und ich kann mit ihm machen, was ich will!“ Dissoziation und Inszenierungen des Körpers psychoanalytisch betrachtet. Psychosozial-Verlag, Gießen 2010, 360 Seiten, 34,90 Euro

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