ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2011Hochschulmedizin: Einheit als wichtige Maxime

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Hochschulmedizin: Einheit als wichtige Maxime

Grifka, Joachim; Steiner, Udo

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Fotos: Fotolia/iStockphoto/Photothek
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Krankenversorgung, Forschung und Lehre – das funktionierende Zusammenspiel dieser drei Bereiche ist die Grundlage für eine leistungsfähige Hochschulmedizin.

Das Humboldt’sche Ideal eines Studiums, losgelöst von beruflichen Vorgaben, ist längst verlassen und würde den konkreten Versorgungsaufgaben der heutigen Medizin nicht gerecht werden können. Die Separierung der drei Bereiche Krankenversorgung, Forschung und Lehre ist immer wieder diskutiert worden, würde aber ebenso zu Fehlentwicklungen führen. Unter unseren heutigen Gegebenheiten kann nur die Einheit von Krankenversorgung, Forschung und Lehre eine leistungsfähige medizinische Versorgung sicherstellen.

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Es ist ganze zehn Jahre her, dass die Trennung von Krankenversorgung und Forschung mit abgegrenzten Professuren für klinische Medizin und Forschung befürwortet wurde. Auch separate Lehrprofessuren sind diskutiert worden. Anstoß zu solchen Tendenzen war unter anderem, dass die klinische Versorgung in der Regel mehr Zeit fordert als die Arbeit in anderen universitären Instituten und Lehrstühlen und dass zudem die Patientenversorgung oft mit Dringlichkeit ansteht. Dieser Umstand ist heute nicht günstiger geworden. Im Gegenteil ist in den letzten zehn Jahren noch ein erheblicher ökonomischer Druck hinzugekommen – durch die Einführung der Diagnosis Related Groups (DRGs), die Reduzierung der Landeszuschüsse und die Verselbstständigung der Universitätsklinika, die wirtschaftlich arbeiten müssen. Dieses Szenario und die Frage der weiteren Entwicklung waren Gründe für ein Hochschulsymposium anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Orthopädischen Klinik der Universität Regensburg, bei dem der „Triathlon von Krankenversorgung, Forschung und Lehre“ über drei Tage von renommierten Repräsentanten aus Politik, Berufspolitik, Wissenschaft und Forschung behandelt wurde (1).

Durch das geltende System der Krankenhausfinanzierung und die Einführung des DRG-Fallpauschalensystems sind alle Krankenhäuser unter verschärften wirtschaftlichen Druck geraten. Bei den Häusern, in denen die Kodierung ganz in den ärztlichen Aufgabenbereich verlagert wurde, ist der ohnehin zeitraubende bürokratische, patientenferne Aufgabenbereich weiter vergrößert worden. Ökonomischer Druck und überbordende Bürokratie sind zwei wesentliche Gründe, dass vor allem junge Ärzte die kurative Medizin verlassen. Der schon jetzt mit 5 500 offenen Stellen im Krankenhausbereich deutlich spürbare Ärztemangel wird weiter zunehmen. Denn die Zahl der aus dem Beruf altersmäßig ausscheidenden Ärzte steigt. Unterdessen ist der Anteil weiblicher Medizinstudierender auf fast 70 Prozent gestiegen, und man geht davon aus, dass die Lebensarbeitszeit von drei Frauen der von zwei Männern entspricht. Fortschritte der Medizin mit zusätzlichen Therapiemöglichkeiten und der demografische Wandel mit höherem Versorgungsbedarf einer größer werdenden Anzahl älterer Menschen sind dabei noch nicht einmal einbezogen.

Schnell umsetzbare, konkrete Maßnahmen zur Erhöhung der Attraktivität ärztlicher Tätigkeit im Krankenhaus und um Absolventen des Medizinstudiums in Deutschland und in der kurativen Medizin zu halten sowie die Arbeitszufriedenheit zu steigern, sind verschiedentlich dargestellt worden (2). Delegation und Substitution sind äußerst kritisch zu bewerten, wenn damit eine Qualitätseinbuße der Versorgung einhergeht. Sehr leicht wird daraus auch geschlussfolgert, dass ärztliche Tätigkeit einem Lehrberuf zugeordnet werden kann und nicht einer fundierten akademischen Ausbildung. Der Ansatz, ein reduziertes Studium für den Haus- und Landarzt zu fordern, geht in dieselbe Richtung. Wo sind nun bei dieser Ausgangslage Forschung und Lehre angesiedelt?

Forschung gibt Standorten die universitäre Prägung

Prof. Dr. med. Jürgen Schölmerich, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), beklagt, dass das Studium zwar berufsqualifizierende Kenntnisse vermittele, aber keine fundierte wissenschaftliche Grundausbildung und dass die Wertschätzung für Forschende fehle. Des Weiteren konstatiert er, dass seit der DRG-Einführung die Antragsstellung auf Forschungsförderung bei der DFG massiv abgenommen habe. Entsprechend fordert er die Fakultäten auf, Anreize für Forschung zu schaffen. Diesbezügliche Forderungen hat der Wissenschaftsrat (WR) schon 2004 und 2007 aufgestellt (3).

Wie sehr die Zukunftsfähigkeit einer Fakultät von forschungsförderlichen Strukturen abhängt, zeigt auch die Konzentration öffentlicher Geldgeber auf Zentren mit entsprechendem Forschungsprofil (Elitegedanke). Im Umkehrschluss stellt sich die Frage, ob die verbleibenden Fakultäten damit zu Lehranstalten werden. Denn Forschung gibt dem Standort ganz wesentlich die universitäre Prägung.

Lehrtätigkeit muss anerkannt und aufgewertet werden

Heute sind wir uns dessen bewusst, dass neben der Grundlagenforschung, die von Methodenwissenschaftlern koordiniert wird, vor allem die Versorgungsforschung aufgebaut werden muss, bei der Deutschland im internationalen Vergleich erhebliche Defizite hat. Auch die Grundlagenforschung kann nicht von klinischen Fragestellungen losgelöst sein, doch die Versorgungsforschung muss gezielt krankheitstypische und epidemiologische Fragestellungen behandeln. Eine Abkoppelung der Forschung vom klinischen Bereich ist damit undenkbar.

Das Bun­des­for­schungs­minis­terium, die DFG und der WR haben schon 2004 vor einer substanziellen Gefährdung der Forschung in der Hochschulmedizin gewarnt und den Ausbau der Forschungsförderung sowie zugleich eine Verbesserung der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses gefordert (4). Die politische Verantwortung für die Investitionen im Bereich der Hochschulkliniken liegt seit der Föderalismusreform 2006 allein bei den Ländern. Der Bund beteiligt sich nur noch bis 2019 durch Beiträge an der Finanzierung (Artikel 143 c Grundgesetz [GG]). Man muss abwarten, wie sich diese neue verfassungsrechtliche Situation auf die Finanzierung der Hochschulkliniken auswirkt.

Für die Lehre gilt Analoges wie für die Forschung. Wir brauchen eine Aufwertung und Anerkennung der ärztlichen Lehrtätigkeit, die auch klinische Notwendigkeiten und den aktuellen Forschungsstand vermittelt. Ein Hauptübel sehen der Medizinische Fakultätentag und die Hochschulrektorenkonferenz bei strukturellen und finanziellen Defiziten, die zu einer mangelnden Attraktivität der Hochschulmedizin und des Wissenschaftsstandorts Deutschland führen (5).

Als Konsequenz aus alledem ergibt sich, dass die Einheit von Krankenversorgung, Forschung und Lehre eine wichtige Maxime für eine erfolgreiche Hochschulmedizin ist, für die sich heute alle führenden wissenschaftlichen Institutionen und Gesellschaften aussprechen. Krankenversorgung, Forschung und Lehre sind verfassungsrechtlich miteinander verknüpft. Die Einheit von Forschung und Lehre, wie sie Artikel 5 Absatz 3 GG garantiert, kann nicht strukturell durchbrochen werden. Die forschungsbasierte Krankenversorgung steht in ganz besonderer Weise im Dienst des Grundrechts auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG). Wir können eine Stärke der deutschen Hochschulmedizin nutzen, wenn die drei grundlegenden Bereiche inhaltlich eng miteinander verwoben sind und aus einer Hand koordiniert werden. Finanziell muss eine korrekte Trennungsrechnung gewährleistet sein, wie dies beim Rhön-Klinikum AG als privatem Betreiber der Universitätskliniken Gießen und Marburg gelobt wird. Es versteht sich auch, dass die vom WR wiederholt gefordert leistungsorientierte Mittelvergabe endlich umgesetzt werden muss. Alle drei Bereiche bedürfen struktureller Verbesserungen, um die Hochschulmedizin attraktiv und konkurrenzfähig zu machen. In einem dem Primat der Ökonomie unterstellten Krankenversorgungssystem mit besonderen Aufgaben der Hochschulmedizin müssen sich die Länder auch ihrer Verpflichtung der Daseinsfürsorge stellen. Kein System kann überleben, wenn die finanziellen Grundlagen nicht gegeben sind.

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Joachim Grifka

Direktor der Orthopädischen Klinik für die Universität Regensburg im Asklepios-Klinikum Bad Abbach

Prof. em. Dr. jur. Udo Steiner,

Bundesverfassungsrichter a. D.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1111

Krankenversorgung, Forschung und Lehre – das funktionierende Zusammenspiel dieser drei Bereiche ist die Grundlage für eine erfolgreiche Hochschulmedizin.

1.
Abstracts vom Triathlon Hochschulmedizin unter: http://www-orthopaedie.uni-regensburg.de/Documents/abst_web.pdf.
2.
Grifka J: Wunsch und Wirklichkeit – Warum junge Mediziner deutschen (Universitäts-) Krankenhäusern den Rücken kehren. Forschung und Lehre 2010; 4: 232–34.
3.
WR: Empfehlungen zu forschungs- und lehrförderlichen Strukturen in der Universitätsmedizin“ (Drs. 5913–04), Januar 2004; WR: Allgemeine Empfehlung zur Universitätsmedizin (Drs. 7984–07), Juli 2007.
4.
Hochschulmedizin der Zukunft: Ziele und Visionen für die klinische Spitzenforschung; gemeinsamer Workshop von BMBF, DFG und Wissenschaftsrat, 10./11. Mai 2004, Berlin
5.
Richter-Kuhlmann E: Mehr Geld und verbesserte Strukturen. Dtsch Ärzteblatt 2004; 101 (26): A 1860–6). VOLLTEXT
1. Abstracts vom Triathlon Hochschulmedizin unter: http://www-orthopaedie.uni-regensburg.de/Documents/abst_web.pdf.
2. Grifka J: Wunsch und Wirklichkeit – Warum junge Mediziner deutschen (Universitäts-) Krankenhäusern den Rücken kehren. Forschung und Lehre 2010; 4: 232–34.
3. WR: Empfehlungen zu forschungs- und lehrförderlichen Strukturen in der Universitätsmedizin“ (Drs. 5913–04), Januar 2004; WR: Allgemeine Empfehlung zur Universitätsmedizin (Drs. 7984–07), Juli 2007.
4. Hochschulmedizin der Zukunft: Ziele und Visionen für die klinische Spitzenforschung; gemeinsamer Workshop von BMBF, DFG und Wissenschaftsrat, 10./11. Mai 2004, Berlin
5. Richter-Kuhlmann E: Mehr Geld und verbesserte Strukturen. Dtsch Ärzteblatt 2004; 101 (26): A 1860–6). VOLLTEXT

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