ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2011Studiengruppe nicht repräsentativ
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Mit Interesse habe ich die sehr gut fundierte Analyse über die Marathonlaufzeiten gelesen. Die Hauptaussage der Autoren – „gute Nachrichten für eine inaktive und alternde Gesellschaft“ – kann ich nicht teilen: Niemand stellt die wissenschaftlich gut abgesicherte Tatsache in Abrede, dass körperliches Training auch im 6. und 7. Dezennium eine erhebliche Leistungssteigerung bewirken kann. Die Autoren beschreiben in ihrer Arbeit aber in erster Linie ein soziologisches Phänomen: Sie analysieren einen kleinen bildungsnahen, gesundheitsbewussten, sportaffinen und mit zunehmendem Alter überwiegend männlichen Bevölkerungsanteil. Nach Eintritt in den Beruf und Familiengründung nimmt der Anteil der sporttreibenden Menschen einer Altersdekade an der jeweiligen Alterskohorte in der Gesamtbevölkerung stetig ab. Die Zahl der über 60jährigen Marathonläufer (n = 12 558 + x) an der Gesamtzahl über 60jähriger in der Bevölkerung (n = 21 186 785 im Jahre 2009 [1]) beträgt circa 0,6 Promille, also einem Marathonläufer stehen 1 600 inaktive Altersgenossen gegenüber. Besonders eklatant stellt sich das in dieser Studie bei den Frauen dar (Alter > 70 Jahre mit n = 62!). Demgegenüber werden die Bundesbürger kontinuierlich übergewichtiger (Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2005 [2]) und die Patienten in den unfallchirurgisch-orthopädischen Kliniken ständig älter und multimorbider (Bayerische Qualitätssicherung [3]). Eine laufende Studie zur Versorgungsqualität in Seniorenheimen kann aufgrund eines zu niedrigen Mini-Mental-State-Testergebnisses nur ein Drittel der Bewohner valide wissenschaftlich auswerten.

Die Beschreibung der Marathonfähigkeiten einer winzigen Untergruppe der Gesamtbevölkerung zeigt erstaunliche Leistungsdaten, erlaubt aber nicht den geringsten positiven Rückschluss auf die Gesamtbevölkerung. Hier sehen alle Daten eher düster aus. Enormes Verbesserungspotenzial liegt hier bei der Sportförderung von Frauen, bildungsferner Bevölkerungsschichten und Beschäftigten des primären und sekundären Sektors („blue collar workers“).

DOI: 10.3238/arztebl.2011.0206c

Prof. Dr. med. Michael A. Scherer

Amperkliniken – Akademisches Lehrkrankenhaus der

Ludwig-Maximilians-Universität München

Abteilung für Unfallchirurgie und Orthopädie

Krankenhausstraße 15

85221 Dachau

E-Mail: michael.scherer@amperkliniken.de

4.
Leyk D, Rüther Th, Wunderlich M, et al.: Physical performance in middle age and old age: Good news for our sedentary and aging society. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(46): 809–16. VOLLTEXT

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