ArchivDÄ-TitelSupplement: Geldanlage-MagazinSUPPLEMENT: Geldanlage 1/1997Die Tricks der Finanzhaie: Das liebe Geld und die böse Gier

SUPPLEMENT: Geldanlage

Die Tricks der Finanzhaie: Das liebe Geld und die böse Gier

Dtsch Arztebl 1997; 94(41): [14]

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LNSLNS Wer hätte nicht gerne einen Broker zum Freund? Wer wünschte sich nicht einen direkten Draht zu den Börsen der Welt? Sie wollten doch immer schon ganz schnell reich werden? Solche Wünsche verstehen dubiose Anlagevermittler meisterhaft zu wecken. Vor welchen Geschäften man sich hüten sollte, schildert im folgenden "Börsebius".
Auf welches Teufelszeug sie sich wirklich eingelassen haben, erfahren geprellte Kapitalanleger regelmäßig dann, wenn die "Kohle" weg ist und die Initiatoren mit ihr. Dann stellt sich heraus, daß die Firma mit einer ähnlich klingenden renommierten Bank überhaupt nichts zu tun hat, daß etwaige Bankgarantien noch nicht einmal das bedruckte Papier wert sind - und daß es sinnlos ist, dagegen zu klagen, denn bei einer Briefkastenfirma auf den Cayman Islands läßt sich keine müde Mark holen.
Perfekte Inszenierung
Es ist eine reine Schmierenkomödie, die Finanzhaie am Telefon aufführen, um an das gute Geld der Anleger zu kommen. Die Börsengeräusche kommen vom Tonband, das Rattern der Fernschreiber ebenso. So schaffen die Finanzhaie eine authentische Atmosphäre, die es ihnen erleichtert, Warenterminkontrakte, Diamanten, Schweinebäuche, Futures & Options und alle möglichen Phantasieprodukte zu verhökern. Meist läuft es so ab:
1. Akt: Auftritt des "Openers". Der Mann plaudert mit Ihnen ganz locker über Familiäres, tut, als kenne er sie schon lange. "Wir haben ja alle ein bißchen was Schwarzgeld auf die Seite getan. Der Staat kassiert sowieso zu viel vom bereits Versteuerten . . ." und sofort. "Vielleicht sollten Sie mal ein kleines Testgeschäft abschließen", schlägt er dann vor, "nur mal so zum Kennenlernen, dann werden Sie schon sehen, wie ehrlich wir es mit Ihnen meinen und wie gut wir sind." So etwas beruhigt, und schon hat der Opener einem einen kleinen Geldbetrag aus der Mütze geleiert. Hurra, keine Enttäuschung! Wer hätte das gedacht, es ist ein toller Gewinn dabei herausgesprungen. Wer wollte denn so kleinlich sein, ihn nicht stehenzulassen? Er bleibt natürlich in der famosen Firma. Keiner merkt, daß der Kontoauszug fingiert ist.
Auftritt des
Loaders
2. Akt: Nun tritt der Loader auf den Plan. " Sie sehen, wie gut wir sind. Ist das nicht toll, daß wir uns kennengelernt haben?" Nun heißt es aber mal richtig ranklotzen und sich nicht mit Kleinzeug abgeben. Gerade im Moment wisse er von einer Riesenchance, Weizen auf Termin in Chicago zu kaufen. "Sie wissen ja, bei der jetzigen Trockenheit ist das eine Superchance auf schnellen Gewinn ohne Risiko." Keine Frage, der Anleger macht das Spiel mit. Leider geht der Deal daneben, die Verluste sind jetzt schon beträchtlich.
3. Akt: Auftritt des "Plattmachers". Ja, der Kollege habe den Kunden nicht gut beraten, gesteht der Plattmacher reumütig. "Aber Sie wissen, wie das mit den frisch von der Uni kommenden Leutchen ist, die wissen viel, sind aber zu aufgeregt." Man habe zu spät gesehen, daß der Mann ein Risikofall ist. Sorry.
Er aber sei schon jahrelang im Geschäft, kenne den Broker Bronfstein auch privat; dieser habe ihm gerade eine interessante Empfehlung unter der Hand gegeben. Gemeinsam würde man die Verlustdelle sicher wieder ausbügeln. "Wir bräuchten noch Geld von Ihnen, vielleicht 30 000 DM." Am Ende ist nur noch einer platt, der Anleger. Und überdies noch hochverschuldet, schlimmstenfalls mit einer Grundschuld auf sein Häuschen. Es wäre so einfach gewesen, am Anfang einfach den Hörer aufzulegen . . .
Analyse:
Wir über uns
Machen wir uns nichts vor: Die Tricks der Finanzhaie funktionieren deshalb so gut, weil die Gier nach dem schnellen Reichtum in (fast) jedem von uns schlummert. Und genau die Suggestion, diesen tiefsitzenden Wunsch befriedigen zu können, beherrschen die Könner der Szene meisterhaft. Es ist auch klar, daß hinter dem Traum vom schnellen Reichwerden eigene Größenphantasien wunderbar gedeihen.
Es kommt also nicht nur darauf an, immer wieder gegen die Machenschaften dubioser Anlagevermittler anzuschreiben. Viel wichtiger ist die Schau nach innen, die Reflexion eigener Schwächen - auch in Sachen Geld. Wer den Mut hat, diese Zusammenhänge zu sehen und zu akzeptieren, ist auf Dauer gegen Finanzhaie immun. RR
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