ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2011Clopidogrel: individuelle Dosis ohne Vorteil

AKTUELL: Akut

Clopidogrel: individuelle Dosis ohne Vorteil

Meyer, Rüdiger

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die individuelle Anpassung der Clopidogrel-
Dosis an die Thrombozytenreaktivität hat die Ergebnisse der perkutanen koronaren Intervention (PCI) in einer großangelegten Studie (JAMA 2011; 305: 1097–1105) nicht verbessert. Die Leitlinien fordern, dass Koronarpatienten, denen beschichtete Stents eingesetzt werden, mindestens ein Jahr lang eine duale Antithrombozytentherapie mit ASS und einem P2Y12-Antagonisten erhalten. Das üblicherweise verwendete Clopidogrel hat jedoch eine problematische Pharmakokinetik. Als Prodrug muss es zunächst in der Leber durch ein P450-Enzym aktiviert werden.

Diese Reaktion unterliegt zum einen einer genetischen Variabilität, zum anderen sind Interaktionen mit vielen Medikamenten (darunter Protonenpumpeninhibitoren) möglich. Es wurde deshalb vorgeschlagen, die Dosis von Clopidogrel an die Ergebnisse eines Thrombozytenfunktionstests zu koppeln. In der GRAVITAS-Studie (Gauging Responsiveness with A Verify Now Assay-Impact on Thrombosis And Safety) wurde bei allen 2 214 Teilnehmern aus 83 Zentren in Nordamerika innerhalb von zwölf bis 24 Stunden nach der PCI die Thrombozytenfunktion mit dem Verify-Now-Test von Accumetrics bestimmt.

Immerhin 41 Prozent der Patienten wiesen eine erhöhte Reaktivität der Thrombozyten auf, Clopidogrel war bei ihnen nur vermindert wirksam. Diese Personen wurden nun auf zwei Gruppen randomisiert. Die eine Hälfte nahm Clopidogrel in einer erhöhten Dosis ein (600-mg-Initialdosis, danach 150 mg/die), die andere Hälfte erhielt die Standarddosis von 75 mg/die. Der primäre Endpunkt war das Auftreten von kardiovaskulärem Tod, Herzinfarkt oder einer Stentthrombose in den ersten sechs Monaten. Wie Matthew Price (La Jolla) und Mitarbeiter berichten, gab es keine signifikanten Unterschiede. Der Endpunkt wurde allerdings in beiden Gruppen nur von jeweils 25 Patienten erreicht: Die Inzidenz betrug in beiden Gruppen 2,3 Prozent. Sie könnte zu gering gewesen sein, um den erwarteten Vorteil einer Hochdosistherapie zu zeigen. Oder aber die Wirkung von Clopidogrel war zu schwach, um die Inzidenz weiter zu senken, wie der Editorialist Paul Gurbel vom Sinai Hospital in Baltimore (JAMA 2011; 305: 1136–7) mutmaßt. Die Studie dokumentiert nämlich auch, dass Patienten mit vermehrter Thrombozytenreaktivität ein um 68 Prozent erhöhtes Risiko auf den primären Endpunkt hatten. GRAVITAS wird deshalb nicht die letzte Studie einer personalisierten Therapie zur Vermeidung von Stentthrombosen gewesen sein. Rüdiger Meyer

Anzeige

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote