ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2011Erzählung: Vom Verschwinden einer Person

KULTUR

Erzählung: Vom Verschwinden einer Person

Krannich, Hans-Walter

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„Es ist, als würde ich dem Vater in Zeitlupe beim Verbluten zusehen. Das Leben sickert Tropfen für Tropfen aus ihm heraus. Die Persönlichkeit sickert Tropfen für Tropfen aus der Person heraus. Noch ist das Gefühl, dass dies mein Vater ist, der Mann, der mitgeholfen hat, mich großzuziehen, intakt. Aber die Momente, in denen ich den Vater aus früheren Tagen nicht wiedererkenne, werden häufiger, vor allem abends.“ So formuliert Arno Geiger bereits auf den ersten Seiten die Botschaft seines neuesten Buches „Der alte König in seinem Exil“. Es ist vieles: eine kleine Familienchronik, die Biografie seines Vaters, ein „Lehrbuch“ der besonderen Art, ein freizügiges Bekenntnis, Lebens- und Verstehenshilfe für all diejenigen, die mit Demenzkranken auf deren Exil treffen. Insbesondere aber ein sehr empathisches Trostbüchlein, das aufzeigt, was möglich ist und wo man an die Grenzen eines solchen Exils stößt.

Geiger schreibt: „Die Krankheit zog ihr Netz über ihn, bedächtig, unauffällig. Der Vater war schon tief darin verstrickt, ohne dass wir es merkten. . . . Die Anfänge der Krankheit waren eine schreckliche Zeit, ein vollkommener Fehlschlag. Außerdem waren sie die Zeit der großen Verluste.“ Geigers Empathie, seine genaue Beobachtungs- und Dokumentationsgabe sowie sein Gefühl für gelungene Sprache haben ein herausragendes Werk hervorgebracht, das als (Pflicht-)Lektüre in die Hand, den Kopf und das Herz jedes (angehenden) Arztes, Pflegenden, Betroffenen gehört. Aber auch in die Hand des noch Gesunden – mit einer nicht geringen Wahrscheinlichkeit auf dem Weg in das eigene Exil: bislang noch ohne jegliche Möglichkeit einer Rückkehr ins normale Leben, des sich (Wieder-) Erinnern- und in der gewohnten Weise Teilhabenkönnens. Auf diesem langsamen, aber unaufhaltsamen Weg ins Exil und letztlich in ein Pflegeheim liegen viele Stationen. Etwa: „Jetzt begann die Krankheit neue Fähigkeiten hervorzubringen. Der Vater, der immer ein ehrlicher Mensch gewesen war, entwickelte ein herausragendes Talent für Ausreden. Er fand schneller eine Ausrede als eine Maus ein Loch.“

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Aus dieser beeindruckenden Geschichte, die das wahre Leben schrieb, zieht Geiger unter anderem folgende Erkenntnis: „Das Alter als letzte Lebensetappe ist eine Kulturform, die sich ständig verändert und immer wieder neu erlernt werden muss. Und wenn es einmal so ist, dass der Vater seinen Kindern sonst nichts mehr beibringen kann, dann zumindest noch, was es heißt, alt und krank zu sein. Auch dies kann Vaterschaft und Kindschaft bedeuten, unter guten Voraussetzungen. Denn Vergeltung am Tod kann man nur zu Lebzeiten üben.“

Sechs Jahre hat die Entstehung, die Erarbeitung dieser Erzählung gedauert. Geigers Fazit: „Es hat lange gedauert, etwas herauszufinden über die grundlegenden Dinge, die uns getrieben haben, die Menschen zu werden, die wir sind.“

Des Rezensenten Fazit: Wer dieses wertvolle Buch nicht liest, nicht in sich aufnimmt, dem ist große Lektüre entgangen. Hans-Walter Krannich

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Hanser Verlag, München 2010, 188 Seiten, gebunden, 17,90 Euro

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