ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2011Otitis media: Profitieren Kinder von einer Antibiotikatherapie?

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Otitis media: Profitieren Kinder von einer Antibiotikatherapie?

Dtsch Arztebl 2011; 108(12): A-643 / B-520 / C-520

Heinzl, Susanne

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Antibiotika nahmen der akuten Otitis media (AOM) ihren Schrecken und wurden rasch Therapiestandard. In den Jahren nach 1980 verbreitete sich jedoch zunehmend die Ansicht, dass Kinder mit AOM zunächst nur beobachtet werden oder initial mit Analgetika und Nasentropfen behandelt werden können. Für die abwartende Strategie liegen andererseits nur wenig überzeugende Daten vor (3).

Deshalb wurden in zwei randomisierten Studien in Finnland und in den USA bei Kindern mit sicher diagnostizierter AOM Wirksamkeit und Verträglichkeit einer sofortigen Behandlung mit Amoxicillin plus Clavulansäure (Co-Amoxiclav) oder Placebo verglichen. In der finnischen Studie wurden die nach strikten Diagnosekriterien ausgewählten Kinder im Alter von 6 bis 35 Monaten von Beginn an mit Antibiotika (n = 161) oder Placebo (n = 158) über sieben Tage therapiert. Der primäre Endpunkt Therapieversagen trat in der Antibiotikagruppe bei 18,6 % der Kinder und damit signifikant seltener als in der Placebogruppe mit 44,9 % (p < 0,001) auf. Dieser Unterschied war bereits bei der ersten Nachuntersuchung an Tag 3 (25,3 vs. 13,7 %) deutlich. Die Antibiotikabehandlung senkte das Risiko eines Therapieversagens um 62 % (Hazard Ratio 0,38; 95-%-KI 0,25 bis 0,59). Die Notwendigkeit einer Notfalltherapie wurde um 81 % verringert (von 33,5 auf 6,8 %) (1).

Ähnlich waren die Ergebnisse in der amerikanischen Studie, in der ebenfalls nach strikten Diagnosekriterien ausgewählte Kinder im Alter von 6 bis 23 Monaten über 10 Tage mit Co-Amoxiclav (n = 144) oder Placebo (n = 147) behandelt wurden. Ein Therapieversagen war am Ende der Behandlung mit 16 % in der Antibiotikagruppe signifikant seltener als mit 51 % in der Placebogruppe (p < 0,001). Schon am Tag 2 besserten sich bei 35 % der Kinder durch die Antibiotikagabe die Symptome, am Tag 7 waren die Symptome bei 80 % gebessert (2). Wie erwartet, waren in beiden Studien Nebenwirkungen bei den mit Antibiotika behandelten Kindern häufiger, und zwar vor allem Durchfälle und Hautsymptome.

Kinderärzte in Deutschland waren nach Aussage von Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Dieter Adam, München, mit dem „Wait and see“-Verfahren bei AOM eher zurückhaltend. So hat beispielsweise auch die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) bei Kindern < 2 Jahren mit einer AOM grundsätzlich eine Antibiotikagabe empfohlen.

Fazit: Die zitierten Studien belegen nach Meinung von Adam eindeutig, dass bei einer akuten AOM im Kindesalter die Gabe eines Antibiotikums wie Co-Amoxiclav gerechtfertigt ist. „Voraussetzung ist allerdings, dass sich der behandelnde Arzt auch ohne mikrobiologischen Erregernachweis diagnostisch vom klinischen Bild her weitgehend sicher ist, dass es sich höchstwahrscheinlich um eine AOM mit bakterieller Beteiligung handelt.“

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Tähtinen PA et al.: A placebo-controlled trial of antimicrobial treatment for acute otitis media. NEJM 2011; 364: 116–26.
  2. Hoberman A et al.: Treatment of acute otitis media in children under 2 years of age. NEJM 2011; 364: 105–15.
  3. Klein JO: Is acute otitis media a treatable disease? NEJM 2011; 364: 168–9.

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