ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2011Ernst Horn: „Die Criminalgeschichte des Sackes“

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Ernst Horn: „Die Criminalgeschichte des Sackes“

Dtsch Arztebl 2011; 108(12): A-657 / B-533 / C-533

Flüh, Torsten

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Durch einen Todesfall während einer durch Horn veranlassten Handlung kam es zu einem der ersten, aufsehenerregenden Arzthaftungsprozesse.

Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

Der gerade aus Königsberg eingetroffene, junge Kammergerichtsrat Eugen Skally wurde im September 1811 damit betraut, gegen Dr. med. Ernst Horn (1774–1848), den zweiten dirigierenden Arzt des Charité-Krankenhauses, zu ermitteln. Als Skally mit dem Fall betraut wurde, tobte in Berlin bereits eine Auseinandersetzung zwischen dem Chirurgen Dr. med. Heinrich Kohlrausch und Horn. Beide waren leitend tätig an der Charité. Der Berliner Polizeipräsident Sack ergriff bei einer ersten Befragung durch Skally sogleich Partei gegen Horn.

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Ein unglaublicher Vorgang war vorausgegangen. Kohlrausch hatte Horn für den Tod von Louise Thiele verantwortlich gemacht. Thiele war während der Anwendung des „Heilverfahrens . . . des in der Irrenanstalt der Charité zu Berlin gebräuchlichen Sackes“ (Skally 1818) am 1. September 1811 gestorben. Die Auseinandersetzung zwischen Kohlrausch und Horn sollte Berlin über Jahre beschäftigen. Trotz Niederschlagung der Anklage gegen Horn durch das Kammergericht am 20. April 1812 setzte sich die Auseinandersetzung fort.

Ende April 1818 veröffentlichte er neuerlich eine „Verteidigungsschrift“, in der er nun Eugen Skally als vormaligen Kammergerichtsrat für den Verlauf des Verfahrens von 1812 verantwortlich machte. Skally und Horn sahen sich zu Veröffentlichungen gezwungen. Beide haben auf ihre Weise größten medizinhistorischen Wert. Skally beschloss seine juristische Schrift am 24. August 1818 mit den Worten: „Übrigens ist und bleibt diese Schrift mein erstes und mein letztes öffentliches Wort über die Criminalgeschichte des Sackes.“ Er musste sich über „die gesetzliche Zurechnung des Erfolgs eines Heilverfahrens“ rechtfertigen. Denn es hatte die Frage im Raum gestanden, ob nach dem preußischen Strafgesetz, „der unglückliche Erfolg eines Heilverfahrens“ dem Arzt „zur Schuld gerechnet werden“ müsste.

Der Obduktionsbericht konnte nicht einwandfrei feststellen, ob Thiele durch innere oder äußere Einflüsse erstickt war. Sie hatte den ganzen Tag geschrien und war zur Beruhigung, im Sack eingeschnürt, an einen Balken aufgehängt worden. Dieses „Heilverfahren“ war eines von etlichen physikalischen, die Horn in seiner ihm anvertrauten „Irrenanstalt“ anwandte. Daher war es eine grundsätzliche Frage, wie und ob diese physikalischen Heilverfahren heilsam sein könnten. Horn schrieb 1818 seine „Öffentliche Rechenschaft über meine zwölfjährige Dienstführung als zweiter Arzt des Königl. Charité-Krankenhauses“. Neben Horns „Anfangsgründe der medicinischen Klinik“ von 1808 handelt es sich zehn Jahre später um die erste größere Publikation zur Psychiatrie.

Dr. phil. Torsten Flüh

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