ArchivDeutsches Ärzteblatt40/1997Private Kran­ken­ver­siche­rung – Abschlußkosten: Aus dem Ruder

VARIA: Wirtschaft - Versicherungen

Private Kran­ken­ver­siche­rung – Abschlußkosten: Aus dem Ruder

Clade, Harald

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LNSLNS Die Vertragsabschlußkosten der privaten Kran­ken­ver­siche­rungsgesellschaften erreichten 1996 mit 2,71 Milliarden DM ein neues Rekordvolumen. Die Gesamteinnahmen lagen 1996 bei rund 33,9 Milliarden DM. Die Gesamtabschlußkostenquote der privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) liegt mithin bei acht Prozent und damit doppelt so hoch wie die Verwaltungskostenquote.
Dabei muß berücksichtigt werden, daß der größte Teil der Beitragseinnahmen aus "abschlußkostenfreien" Altverträgen und aus Beitrags-anhebungen resultiert. Die enorm gestiegenen Abschlußkosten und die hohen "Kopfprämien" für Versicherungsneugeschäfte fallen um so mehr ins Gewicht, als die gesamte Branche im Geschäftsjahr 1996 mit nur 600 Neuzugängen (netto) in der Vollkostenversicherung den geringsten Zuwachs in der Nachkriegsgeschichte zu verzeichnen hatte. Dafür mußten allerdings viele tausend Neuverträge abgeschlossen werden, um so die Beendigung von Policen wieder wettzumachen.
Selbst Branchen-Insidern ist es bisher nicht gelungen, aus der Entwicklung des Brutto-Neugeschäftes verläßliche Rückschlüsse auf den Abschlußaufwand der PKV zu ziehen. Den Kostendämpfungsbemühungen und den Sparabsichten zum Trotz wird der Werbeaufwand der privaten Kran­ken­ver­siche­rung in Funk und Fernsehen und in den Printmedien infolge des enger werdenden privaten Kran­ken­ver­siche­rungsmarktes zusätzlich gesteigert - zu Lasten der langjährig Versicherten und Prämienzahler, aber nicht zuletzt auch zu Lasten der privat liquidierenden Ärzte. Insider-Vermutungen zufolge wird eine ganze Ver-sicherten-Jahresprämie oder mehr für Provisionen und Abschlußaufwendungen verwendet. Die privaten Krankenversicherer sehen sich dazu veranlaßt, um überhaupt noch einen "Happen" im Neugeschäft mitzubekommen.
Die Vertreterprovisionen und Abschlußprämien werden aber nicht nur für echte Neuabschlüsse, also bisher nicht privat versicherte Kunden ausgeschüttet, sondern auch für sogenannte Umdeckungen. Damit sind privat Krankenversicherte gemeint, die der Agent von einem Kran­ken­ver­siche­rungsunternehmen zum nächsten bringt. Die hohen Provisionssätze reizen zu weiteren Umdeckungen. Ihre Zahl hat denn in den letzten Jahren vermutlich auch erheblich zugenommen. Auch darüber hüllen die Unternehmen den Mantel des Schweigens. Maximierungsgrenzen im Hinblick auf die höchst zulässigen Abschlußkosten gibt es in der privaten Kran­ken­ver­siche­rung nicht - ganz im Gegensatz etwa zur Lebensversicherung. Allerdings können generell beschränkte Abschlußprovisionen (etwa höchstens sechs Monatsbeiträge) das Problem der Umdeckungen auch nicht lösen. Wie aus privaten Kran­ken­ver­siche­rungen und dem zuständigen Verband zu vernehmen ist, wäre vielen Wettbewerbern daran gelegen, mehr Ordnung und eine gewisse Harmonisierung ins Gefüge zu bringen. Hier wäre auch der Gesetzgeber gefordert. Ein Grundkonsens in der Branche und ein Verlassen des Weges zum ruinösen Wettbewerb wären dazu allerdings erforderlich. Ein solcher Schritt könnte dann auch positive Signale für die notwendige Ausgabendrosselung und Kostendämpfung bewirken. Dr. Harald Clade
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