ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1997Politikersprache: Aha, der „Eckrentner“

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Politikersprache: Aha, der „Eckrentner“

Ellermann, Bernd

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LNSLNS an muß sich wundern, wie Politiker konkrete Fragen mit allgemeinem Bla-Bla (neudeutsch: Statement) beantworten. Wenn ein Journalist fragt: "Wann wird Ihre Fraktion die Rentenreform-Vorschläge auf den Tisch legen?", antwortet der gewiefte Sozialpolitiker nicht: "Dies wird in der nächsten Woche der Fall sein." Nein, das hört sich dann so an: "Die gesamte Rentenreform-Problematik mit dem spezifischen Aspekt der Bevölkerungs-Pyramide muß noch in den zuständigen Gremien einer ausführlichen Analyse unterzogen werden, um zu einer endgültigen . . ."
Auf Zwischenfragen nach Konkreterem flüchtet sich der TV-erprobte Profi in hochtrabend klingende Fachbegriffe: vom "Nettoempfänger" über den "Eckrentner" zum "Altenquotient". Und der Leser/Hörer/Zuschauer kann sich dann einen Reim darauf machen (wartet der Eckrentner an der Ecke auf seine Rente?). Wenn es mit nichtssagenden Allerweltsweisheiten nicht mehr geht, gibt man sich als Experte, der mit schicken Fachbegriffen um sich wirft. So ist etwa der Begriff "Shareholder Value" in der Finanzwelt zum Wort des Jahres gewählt worden. Hinzu kommt noch das Online-Deutsch mit all seinen Providern, Servern, e-mails und screenshots. Wer da bei einem Date nicht mitkommt, ist out.
Aber es geht weniger um das Fachchinesisch als um die Alltagssprache. Jeder Journalist kennt die
5-w-Regel: Wer hat wann, was, wo und warum gemacht? Der Interviewer kann heute schon froh sein, wenn er wenigstens ein einziges w beantwortet bekommt. Viel einfacher ist es doch, von der "permanenten InnovationsFlexibilität" zu faseln.
Daraus spricht Zynismus. Die Politik hat sich vom Bürger immer weiter entfernt. Was kümmert die Verantwortlichen der vielzitierte Reformstau? Was kümmern sie die Alltagssorgen? Phrasen dreschen, statt Farbe zu bekennen; labern, statt zu informieren - das ist allemal einfacher. Bernd Ellermann
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