ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1997Homoöpathische Präparate: Schulmedizin in der Zwickmühle

SPEKTRUM: Akut

Homoöpathische Präparate: Schulmedizin in der Zwickmühle

Koch, Klaus

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LNSLNS Zuerst wollte niemand die Studie haben. Dann hatten nach 14monatiger Odyssee die Herausgeber des britischen Medizinjournals "The Lancet" den Mut, eine Untersuchung zu veröffentlichen, die manchem Arzt Bauchschmerzen bereiten dürfte: Nach einer aufwendigen statistischen Analyse von 89 Studien scheinen homöopathische Präparate etwa um den Faktor 1,5 bis 2 wirksamer zu sein als wirkstofffreie Plazebos (Bd. 350, S. 834). Das kann nach den naturwissenschaftlichen Grundlagen der Medizin aber nicht sein. Viele homöopathische Präparate sind so extrem verdünnt, daß sie praktisch keine Reste der Ausgangssubstanzen mehr erhalten - also selbst ein Plazebo sind. Diesen Widerspruch kann auch die deutsch-amerikanische Autorengruppe um Klaus Linde vom "Münchener Modell-Zentrum für Naturheilkundliche Forschung" und Wayne Jonas von der Nationalen Gesundheitsbehörde der USA nicht auflösen.


Die Autoren haben jede einzelne Studie nach Fehlern in Entwurf und Durchführung abgesucht, die das Ergebnis zugunsten der Homöopathie verschoben haben könnten. Doch selbst, als sie die Berechnungen auf die zehn "besten" Studien beschränkten, schnitt die Homöopathie "signifikant" besser ab als die Scheinmedikamente, so daß ein Zufall unwahrscheinlich ist. Dennoch betont die Gruppe, daß ihre Metaanalyse der wichtigsten - im letzten halben Jahrhundert - veröffentlichten Erprobungen trotz des positiven Ergebnisses nicht als Beweis für die Wirksamkeit der Homoöpathie tauge. In den 89 Studien waren insgesamt 50 verschiedene Präparate und Therapie-Strategien gegen die unterschiedlichsten Beschwerden erprobt worden. Dabei fiel die Analyse einzelner Therapien immer enttäuschend aus.


Unsere Studie hat keine größere Bedeutung für die klinische Praxis, da wir wenig Evidenz für die Wirksamkeit eines bestimmten homöopathischen Ansatzes gegen bestimmte Beschwerden fanden", folgern die Autoren. Kommentatoren weisen auf die Zwickmühle hin, die aus der Studie folgt. Entweder: Homöopathie wirkt tatsächlich, dann klafft eine Lücke im Weltbild der Medizin. Oder: Das Weltbild stimmt, dann müssen aber selbst "randomisierte, doppelblinde, plazebo-kontrollierte" Studien, die als das schärfste Erkenntnis-Instrument der Schulmedizin gelten, anfälliger für Fehler sein, als man bislang wahrhaben wollte. "Was immer auch in diesen Studien passiert ist, es könnte auch in schulmedizinischen Studien geschehen", befürchtet Jan Vandenbroucke (Universität Leiden). Allerdings wurden in der Schulmedizin solche verborgenen Fehler möglicherweise nicht erkannt, weil "wir an den vorgeschlagenen Mechanismus glauben", so Vandenbroucke. Klaus Koch

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