ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1997Kuren: Gesundheitsökonomischer Unsinn

SPEKTRUM: Leserbriefe

Kuren: Gesundheitsökonomischer Unsinn

Boschke, Wolfram L.

Zu dem Kommentar "Mit zweierlei Maß" von Prof. Dr. med. Fritz Beske in Heft 31-32/1997:
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LNSLNS . . . Offensichtlich ist Herrn Beske entgangen, daß mit den Sparbeschlüssen von 1996 nicht der Finanzierung "medizinisch nicht zu begründender Maßnahmen" die Basis genommen wurde, sondern über 400 000 Rehabilitanden Rehabilitationsmaßnahmen verweigert werden, bei denen der Rehabilitationsbedarf durch ärztliche Begutachtung ausdrücklich erwiesen ist. Die von Beske geforderte "überzeugende medizinische Begründung" liegt deshalb in jedem Einzelfall und damit auch politisch nachvollziehbar vor.
Die jetzt beschlossene Anhebung des Einsparrahmens reicht allerdings bei weitem nicht aus, um eine bedarfsgerechte Erbringung medizinischer Reha-Maßnah-men zu sichern. Dabei ist jede durchgeführte Rehabilitationsmaßnahme immer auch zugleich eine erfolgreiche Maßnahme zur Kostendämpfung im Sozial- und Gesundheitswesen. Die Rehabilitationswissenschaftliche Abteilung des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger hat jüngst in einer Stellungnahme zu den ökonomischen Wirkungen der Rehabilitation dargestellt, daß die 500 000 Erstrehabilitanden eines Jahres durch die medizinischen RehaMaßnahmen an längerer Beitragsleistung beziehungsweise verkürzter Rentenzahlung jeweils 16 Milliarden DM einsparen. Zudem vermindern sich die Kosten der Akutversorgung bereits während der Rehabilitation um jährlich mindestens 0,5 Milliarden DM sowie in den beiden Jahren danach um weitere 12 Milliarden DM.
Sollten diese Kostendämpfungseffekte der medizinischen Rehabilitation im Bereich der Akutversorgung die "nachdenkliche" Kritik von Beske begründen?
Es ist kein Ruhmesblatt für die deutsche Ärzteschaft, daß die Rehabilitation bis heute so gut wie keinen Stellenwert in der ärztlichen Ausbildung besitzt und deshalb die stationäre medizinische Rehabilitation in der Praxis ärztlichen Handelns eher als unternehmerische Konkurrenz denn als notwendige Ergänzung und selbstverständlicher Bestandteil ärztlicher Therapie wahrgenommen wird.
Medizinische Rehabilitation hat mehr zu leisten, als den Heilungsprozeß von Krankheiten zu unterstützen. Medizinische Rehabilitation hat insbesondere die Krankheitsfolgenbewältigung zu gewährleisten. Ein Leistungsauftrag, der keinen unmittelbaren Wettbewerb mit niedergelassenen Ärzten bewirkt, sondern deren Handeln zielgerichtet ergänzt. Die damit verbundenen kostendämpfenden Wirkungen sind allerdings gesellschaftlich notwendig und gewollt. Dies um so mehr, als der Rehabilitationsbedarf in den nächsten Jahren noch erheblich zunehmen wird. Es ist deshalb gesundheitsökonomischer Unsinn, heute wirtschaftliche und leistungsfähige Rehabilitationsangebote zu zerschlagen, um ihre bedarfsnotwendige Wiedereinrichtung in naher Zukunft erneut aus Beitragsmitteln der Versichertengemeinschaft zu finanzieren . . .
Wolfram L. Boschke, Bundesverband Deutscher Privatkrankenanstalten e.V., Bonn-Center, Bundeskanzlerplatz 2-10, 53113 Bonn


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