ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2011Ärztlich-therapeutisches Vorgehen bei psychiatrischen Notfällen

MEDIZIN: cme

Ärztlich-therapeutisches Vorgehen bei psychiatrischen Notfällen

The Management of Psychiatric Emergencies

Dtsch Arztebl Int 2011; 108(13): 222-30; DOI: 10.3238/arztebl.2011.0222

Mavrogiorgou, Paraskevi; Brüne, Martin; Juckel, Georg

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Hintergrund: Psychiatrische Notfälle, die zum Beispiel als akute psychomotorische Erregungszustände oder Suizidalität imponieren, kommen in Allgemeinkrankenhäusern, im Rettungsdienst oder in Praxen häufig vor und sind für alle Beteiligten belastend. Sie sind zum Teil lebensbedrohlich und müssen sofort behandelt werden. Ziel dieser Arbeit ist es, die wichtigsten psychiatrischen Notfallsituationen darzustellen, auch hinsichtlich ihrer differenzialdiagnostischen Bedeutung, und effektive Strategien für eine rasche Behandlung und Bewältigung aufzuzeigen.

Methode: Selektive Literaturrecherche.

Ergebnisse und Schlussfolgerungen: Kontrollierte Untersuchungen und verlässliche Daten zur Häufigkeit und Versorgung psychiatrischer Notfälle in nichtfachpsychiatrischen Institutionen wie zum Beispiel Allgemeinkrankenhäusern oder hausärztlichen Praxen sind rar. Aus den vorliegenden Studien lassen sich jedoch Hinweise ableiten, dass eine Optimierung bezüglich Diagnostik und Therapie der psychiatrischen Notfälle erforderlich ist. Die Behandlung psychiatrischer Notfallpatienten stellt hohe Anforderungen nicht nur an das Wissen im Bereich Psychiatrie, sondern auch an Persönlichkeit und Verhalten des Arztes. Zur therapeutischen Basis zählt die verlässliche und vertrauensbildende Beziehung zum Patienten, zum Handlungsrepertoire das ebenso geduldige wie beruhigende Zureden. Klare und schnelle therapeutische Entscheidungen unter Berücksichtigung effektiver medikamentöser Behandlungsstrategien bringen in der Regel die akute Symptomatik rasch zum Abklingen.

LNSLNS

Ein psychiatrischer Notfall ist ein Zustand, der häufig, aber nicht immer zwangsläufig durch eine psychiatrische Krankheit bedingt ist. Um Lebensgefahr oder sonstige schwerwiegende Folgen für den Patienten und andere Personen abzuwenden, zwingt ein psychiatrischer Notfall zu unmittelbarem Handeln (1). Es ist eine sofortige, an der akuten Symptomatik orientierte gezielte Therapie erforderlich, um subjektive Beschwerden zu mildern oder selbst- sowie fremdschädigendes Verhalten zu verhindern.

Lernziele

Lernziele für den Leser dieses Beitrags sind:

  • Einen Überblick über die wichtigsten psychiatrischen Notfallsituationen zu erhalten.
  • Die rechtlichen Grundlagen zur Abwendung von Eigen- und Fremdgefährdung zu kennen und anwenden zu können.
  • Die differenzialdiagnostische Bedeutung und effektive Strategien für eine rasche Behandlung und Bewältigung von psychiatrischen Notfällen kennenzulernen.

Über die Häufigkeit psychiatrischer Notfälle in allgemein- beziehungsweise hausärztlichen Praxen, in der Notaufnahme von Allgemeinkrankenhäusern oder im Notdienst liegen kaum zuverlässige Versorgungsdaten vor. Je nach Untersuchung werden Prävalenzraten psychiatrischer Notfallsituationen von 10 bis 60 % angegeben (2). Dabei kann man eine Reihe methodischer Unzulänglichkeiten als eine mögliche Erklärung für diese eher breite Streuung heranziehen. Aufgrund der gegenwärtigen Organisations- und Versorgungsbedingungen einerseits und der andererseits eher kritisch distanzierten Einstellung der Gesellschaft allgemein zu psychischen Störungsbildern, erscheint es nicht verwunderlich, dass die Primärversorgung psychiatrischer Notfälle zu einem großem Teil in nichtfachpsychiatrischen Institutionen erfolgt. So werden vor allem die Notaufnahmen von Allgemeinkrankenhäusern, die in der Regel schnell erreichbar sind und eine Versorgung rund um die Uhr gewährleisten, auch von psychiatrisch erkrankten Patienten aufgesucht, die nicht einer Stigmatisierung ausgesetzt sein wollen.

In einer retrospektiven Untersuchung der Medizinischen Hochschule Hannover lag im Jahr 2002 die Vorstellungsrate psychiatrischer Patienten in der Notaufnahme bei 12,9 % (3). Auch der ärztliche Notdienst ist in 12 bis 25 % die erste Anlaufstelle für psychiatrische Notfälle (4, 5). Bei den Allgemeinmedizinern beziehungsweise Hausärzten, die als die am weitesten akzeptierte und primär aufgesuchte Versorgungseinrichtung gelten, treten psychiatrische Notfälle in 10 % der Fälle auf. Dabei liegen auch hier kaum zuverlässige Daten aus dem deutschsprachigem Raum vor, und länderspezifische Unterschiede in den Gesundheits- und Versorgungssystemen dürften sich zudem limitierend auf allgemeine Vergleiche und Rückschlüsse auswirken (6, 7).

Aus den geschilderten Gegebenheiten resultiert, dass Grundkenntnisse bezüglich des diagnostischen und therapeutischen Vorgehens bei psychiatrischen Notfällen erforderlich sind. Darüber hinaus leitet sich diese Notwendigkeit auch aus mehreren Studien ab, in denen gezeigt werden konnte, dass psychische Störungen im Rahmen der Erstversorgung in primär nicht psychiatrisch ausgerichteten Institutionen und Kliniken in bis zu 60 % der Fälle nicht erkannt und nicht angemessen behandelt werden (2, 8).

Psychiatrische Notfälle imponieren im Wesentlichen als akute Erregungs- und psychomotorische Unruhezustände sowie selbstschädigendes oder suizidales Verhalten. Ziel dieser Arbeit ist es, diese Notfälle in ihren diagnostischen und differenzialdiagnostischen Bezügen darzustellen sowie Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die algorithmisch aufgebauten Grafiken 1 und 2 sind als diagnostische und therapeutische Entscheidungshilfen gedacht, im Einzelfall kann ein abweichendes Vorgehen indiziert sein. Da es keine guten Evidenzgrade in der Notfallpsychiatrie gibt, sind die in dieser Arbeit abgedruckten Algorithmen und Therapievorschläge als Empfehlungen und nicht als gesichertes Wissen zu verstehen. Sie basieren auf der klinischen Erfahrung der Autoren und entsprechen dem Vorgehen der Bochumer Universitätsklinik für Psychiatrie. Allgemeine Voraussetzungen, auf die im Folgenden zunächst eingegangen wird, sollten jedoch jedem Arzt geläufig sein, um mit akuten psychiatrischen Notfallsituationen umgehen zu können.

Allgemeine Behandlungsvoraussetzungen

Neben den Grundkenntnissen in Diagnose und Therapie psychiatrischer Notfälle sollten die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Behandlung psychisch Kranker auch bei Ärzten anderer Fachrichtung genau bekannt sein. Das ist wichtig, weil bei psychiatrischen Akuterkrankungen die Krankheitseinsicht und Kooperationsbereitschaft der Patienten eingeschränkt sein können und bisweilen freiheitsentziehende Maßnahmen eingeleitet werden müssen. Zu den rechtlichen Grundlagen zählt zum Beispiel das Psychisch-Kranken-Gesetz (PsychKG). Es variiert etwas von Bundesland zu Bundesland und regelt, dass jeder Arzt – zum Teil mittels Einbindung und Vermittlung des Sozialpsychiatrischen Dienstes – beim zuständigen Gericht anregen kann, einen Patienten mit einem psychiatrischen Störungsbild wegen einer akut bestehenden Eigen- oder Fremdgefährdung in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen, um Gefahren abzuwenden. Hierbei können unter Umständen die Polizei und Feuerwehr als Amtshilfe notwendig sein und angefordert werden (Kasten 1 gif ppt).

Der Aufbau eines Gesprächskontaktes und die Anamnese in der Notfallsituation unterscheiden sich vom allgemeinen psychiatrischen oder ärztlich-therapeutischen Interview wegen der Intensität des Krankheitszustandes und der möglichen Gefährdung des Patienten oder anderer Personen durch die Notwendigkeit eines zügigeren Vorgehens und einer stärkeren Strukturierung (9). Neben der Erfassung der vorherrschenden subjektiven Beschwerden ist es erforderlich, das Verhalten des Patienten während der Exploration genau zu beobachten und dabei auf die Spontanmotorik, Zeichen psychomotorischer Unruhe, Anspannung und Impulsivität zu achten. Sofern fremdanamnestische Angaben verfügbar sind, sollten gezielt das Verhalten oder andere Auffälligkeiten der betroffenen Person im Vorfeld der psychiatrischen Notfallsituation erfragt werden.

Die Rahmenbedingungen der Erstuntersuchung sollten so gewählt sein, dass für Patient und Untersucher eine größtmögliche Sicherheit gewährleistet ist (1012). Klare Strukturen – einschließlich der Erwartungen an das Verhalten des Patienten – vorzugeben, ist in jedem Fall sinnvoller und erfolgreicher, als unkritisch restriktive Maßnahmen anzuwenden. Festigkeit, Zielorientiertheit, Besonnenheit und Empathie sind gerade bei akut psychisch erkrankten Patienten sehr bedeutsam. Diese Grundhaltung sollte sich auch im nonverbalen Verhalten gegenüber den Patienten ausdrücken. Überhaupt ist die Schaffung eines persönlichen Zugangs zu hochgradig erregten oder ängstlich-suizidalen Patienten durch ein freundlich-empathisches sowie respekt- und verständnisvolles Auftreten ein entscheidender Bestandteil erster therapeutischer Schritte und wegweisend für die weitere Behandlung (9, 11).

Vor Beginn einer Therapie sollten, wenn möglich, organische Erkrankungen diagnostisch ausgeschlossen werden. Dabei sind eine genaue allgemein-körperliche und neurologische Untersuchung unerlässlich. Gerade auch in unklaren Fällen sind unverzüglich weiterführende diagnostische Maßnahmen wie etwa eine kraniale Computer- oder Magnetresonanztomographie sowie entsprechende Laboruntersuchungen zu veranlassen. Medikamentös sollte man erst dann behandeln, wenn die vorangegangenen situationsberuhigenden und vertrauensaufbauenden Interventionsmaßnahmen fehlgeschlagen sind. Die Wahl des Medikaments und die Form der Applikation richten sich nach Diagnose und Zielsymptomatik. Wichtige Schritte für ein optimales Vorgehen findet man zum Beispiel in der S2-Leitlinie „Therapeutische Maßnahmen bei aggressivem Verhalten in der Psychiatrie und Psychotherapie“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN).

Psychomotorische Erregungs- und Unruhezustände

Diagnostik

Psychomotorische Erregungs- und Unruhezustände sind diagnostisch vieldeutig und können sowohl Ausdruck einer organischen Störung als auch Leitsymptom einer Reihe von psychischen Erkrankungen sein (12) (Grafik 1 gif ppt).

Psychomotorische Unruhe kann sich – in Abhängigkeit von der affektiven Grundstimmung und vom Schweregrad – als leichte, ängstlich getönte Unruhe zeigen, aber auch bis hin zu schwersten aggressiven Erregungszuständen reichen. Organisch bedingte Erregungszustände können auftreten bei:

  • demenziellen Erkrankungen
  • internistischen Erkrankungen wie Hyperthyreose oder Herzinfarkt
  • neurologischen Störungen wie Enzephalitiden, Subarachnoidalblutungen oder bei postiktalen Dämmerzuständen.

Erregungszustände bei demenziellen Erkrankungen sind meistens mit räumlichen und zeitlichen Orientierungsstörungen und darüber hinaus nicht selten mit Verhaltensauffälligkeiten assoziiert. Die Wahrscheinlichkeit einer internistischen Erkrankung sollte durch eine sorgfältige Diagnostik organischer Ursachen ausgeschlossen beziehungsweise eingegrenzt werden. Akute hirnneurologische Störungen gehen meist mit Bewusstseinstrübungen einher, die Differenzialdiagnose zu Intoxikationen durch psychotrope Substanzen kann im Einzelfall schwierig sein. Bei impulsiv-feindseliger Erregtheit steht vor allem eine intensivmedizinische Überwachung mit Schutzmaßnahmen vor Selbstschädigung und vor fremdaggressiven Aktionen im Vordergrund.

Therapiemaßnahmen

Allgemeine Ziele der Behandlung akuter Erregungs- und Unruhezustände bestehen im Schutz vor Eigen- und Fremdverletzung. Sie gehen in der Regel mit einer medikamentösen Therapie einher – meistens im Sinne einer Sedierung –, die jedoch eine weitere differenzialdiagnostische Abklärung nicht behindern darf (13). Als oft erfolgreiche Maßnahme gilt das sogenannte „talking down“. Hierbei wird durch ein gleichmäßiges, freundliches Ansprechen und Aufrechterhalten des Gesprächskontaktes versucht, den Patienten verbal zu beruhigen (1). Erregungszustände können kurzfristig abklingen („Ruhe vor dem Sturm“) und rasch wieder und noch stärker aufflammen und somit ein falsches Bild von der tatsächlichen Gefährdung geben. Deshalb sollte man stets versuchen es einzurichten, dass zum Beispiel geschulte Pflegekräfte oder andere Hilfspersonen während des Erstkontaktes mit aggressiv-gespannten Patienten anwesend sind. Zu forsches Auftreten kann die Aggressivität steigern, auch sollte man sich vor Selbstüberschätzung hüten, da Patienten im Erregungszustand zum Teil große Kräfte entwickeln können. In solchen Fällen geht Eigenschutz vor Fremdschutz.

Ängstlich gefärbte Erregungszustände unter Psychostimulanzien und Halluzinogenen erfordern eine Medikation mit Benzodiazepinen (14) (Grafik 1). Bei Unruhezuständen infolge von Alkohol-, Opioid- oder Hypnotikaentzug ist zur Verhinderung eines Delirs oder bei bereits eingetretener deliranter Symptomatik Clomethiazol per os Mittel der ersten Wahl – gegebenenfalls ergänzt durch Clonidin oder einen β-Rezeptorblocker bei ausgeprägter vegetativer Begleitsymptomatik beziehungsweise Antipsychotika bei psychotischen Symptomen. Eine weitere wesentliche Option zur Behandlung von Alkoholentzugssyndromen vor allem bei Entzugskrampfanfällen sind auch Benzodiazepine wie zum Beispiel Diazepam oder Lorazepam. Gegen Opioidentzugssyndrome werden eher sedierende Antidepressiva wie Doxepin eingesetzt. Bei Benzodiazepinentzug ist stets darauf zu achten, die entsprechende Substanz nicht abrupt abzusetzen. Psychomotorische Erregungszustände mit aggressivem Verhalten bei schizophrenen Psychosen, die nicht selten einen polizeilichen Einsatz erforderlich machen (15), können durch die Gabe von Antipsychotika effektiv behandelt werden (16) (Kasten 2 gif ppt).

Psychomotorische Erregung und Unruhe sind des Weiteren ein wichtiges Charakteristikum agitierter Depressionen, bei denen in der Regel jedoch die depressive Grundstimmung nicht zu übersehen ist. Auch hier bietet sich aufgrund des verzögerten Wirkeintritts antidepressiver Substanzen die sofortige additive Behandlung mit Benzodiazepinen oder niedrigpotenten Antipsychotika an. Erregungszustände bei Panikattacken sind medikamentös am ehesten mit Benzodiazepinen zu beherrschen. Erregungs- und Unruhezustände können ebenfalls im Rahmen akuter Belastungsreaktionen oder Erkrankungen aus dem Spektrum der Angststörungen auftreten. Auch hier sind Benzodiazepine indiziert, sollten jedoch möglichst rasch aufgrund des Abhängigkeitspotenzials durch gezielte psychotherapeutische Interventionen ersetzt werden. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Unruhezustände auch die Folge einer antipsychotischen Medikation oder anderer antidopaminerg wirkender Substanzen wie Metoclopramid sein können. Dieses als Akathisie bezeichnete Symptom ist gekennzeichnet durch beinbetonte, rastlose Bewegungen im Sitzen und Stehen, häufig begleitet von einem subjektiv quälenden Unruhegefühl. Die Akathisie kann als psychotische Symptomatik verkannt werden, so dass es durch eine weitere Erhöhung der Antipsychotikadosis zu einem Circulus vitiosus kommen kann. Therapie der ersten Wahl der akuten Akathisie ist die Gabe von Anticholinergika, Benzodiazepinen, dem Antidepressivum Amitriptylin oder dem β-Rezeptorblocker Propanolol. Darüber hinaus sollte eine Dosisverminderung beziehungsweise eine Umstellung des Akathisie-induzierenden Antipsychotikums erfolgen.

Selbstverletzendes und suizidales Verhalten

Diagnostik

Suizidalität und selbstschädigendes Verhalten nehmen in der Versorgung psychiatrischer Notfälle mit bis zu 15 % einen breiten Raum ein (3, 15, 17). Zu den schwierigsten Aufgaben zählt die Einschätzung des Risikos nach bereits stattgefundenen Suizidversuchen oder bei bestehenden Suizidgedanken. Die klassischen Phasen nach Pöldinger (18) oder das präsuizidale Syndrom nach Ringel (19) sind nicht immer ausgeprägt (17). Im Allgemeinen nimmt die Selbsttötungsrate mit steigendem Alter zu (20). Weitere Faktoren, die mit einem erhöhten Risiko einhergehen können, sind

  • frühere Suizidversuche
  • Alkohol- und Drogenabhängigkeit
  • der Verlust naher Bezugspersonen
  • lang andauernde depressive Episoden
  • vorausgegangene psychiatrische Behandlungen
  • körperliche Erkrankungen
  • Arbeitslosigkeit oder Berentung
  • Zurückweisung von Hilfsangeboten
  • gewaltbereites Verhalten in der Vorgeschichte.

Etwa 98 % der Menschen, die einen Suizid begehen, sind psychisch oder körperlich krank. Bei alleinstehenden älteren Männern ist die Selbsttötungsrate höher als bei Frauen. Urbanizität und Frühling/Sommer gelten als weitere Risikomerkmale. Insgesamt ist die Dunkelziffer der Suizidversuche nach wie vor hoch (bei circa 12 500 Suiziden jährlich in Deutschland circa 5- bis 30-fach höher). 80 % der Menschen, die einen Suizid begangen haben, haben ihn vorher angekündigt (oft zum Beispiel beim Hausarzt durch Bemerkungen wie: „Es hat alles keinen Sinn mehr“ oder Ähnliches). Etwa 30–40 % der Suizidopfer hatten einen Selbsttötungsversuch in der Vorgeschichte (9, 17) (Kasten 3 gif ppt).

Eine schwierige Entscheidung ist, ob eine stationäre Behandlung erforderlich ist oder ob eine ambulante Betreuung ausreicht. Gründe für eine Krankenhauseinweisung sind

  • das Fehlen sozialer Bindungen
  • impulsives Verhalten in der Vorgeschichte
  • konkrete Pläne einer suizidalen Handlung beziehungsweise parasuizidales Verhalten.

In der Notfallsituation ist es zunächst häufig schwer zu bewerten, ob der stattgefundene Suizidversuch appellativen Charakter hatte oder als autoaggressive Handlung mit ernster Selbsttötungsabsicht einzuordnen ist.

Therapiemaßnahmen

In jedem Fall sollte bereits in der Notfallsituation neben der unmittelbaren medizinischen Versorgung (Diagnose und Therapie der zugrundeliegenden psychiatrischen Erkrankung) und Klärung unmittelbarer Konflikte versucht werden, ein als hilfreich und tragfähig erlebtes therapeutisches Bündnis mit konkreten Absprachen herzustellen. Hierzu zählt auch, den Patienten über die Möglichkeit und eventuell Notwendigkeit einer fachpsychiatrischen Untersuchung zu informieren und ihn darauf vorzubereiten. Verhält sich der Patient unkooperativ und abweisend, bagatellisiert er die Gefährlichkeit des Suizidversuchs oder schlägt seine Gefühlslage in eine gelassene oder euphorische Gestimmtheit um, ist besondere Vorsicht angezeigt. Bei fortgesetzter Suizidalität und fehlender Verlässlichkeit von Absprachen ist in jedem Fall eine stationäre Behandlung auf einer geschützten psychiatrischen Station mit engmaschiger Beobachtung und Überwachung erforderlich. Im Einzelfall ist daher die gesetzliche Unterbringung gegen den Willen des Patienten nicht zu umgehen. Von suizidalem oder parasuizidalem ist (repetitives) selbstverletzendes Verhalten zu unterscheiden, beispielsweise bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, die natürlich auch darüber hinausgehend ein erhebliches Risiko für Suizidversuche und Suizide aufweisen. Automutilatives Verhalten mit Bewegungsstereotypien selbstschädigenden Charakters kommt vermehrt bei geistig Behinderten und bei autistischen Störungen vor. Bei erheblicher Automutilation ist eine stationäre psychiatrische Krisenintervention und eventuell eine Fixierung unumgänglich.

Im akuten suizidalen Stadium ist die Gabe sedierender Medikamente, wie beispielsweise Benzodiazepine, schlafanstoßende Antidepressiva oder niedrigpotente Antipsychotika sehr hilfreich (Grafik 2 gif ppt). Wesentliches Ziel hierbei ist eine symptomatische Therapie zur Anxiolyse beziehungsweise raschen Beruhigung. Dazu hat sich Lorazepam als besonders gut geeignet erwiesen und etabliert. Darauf zu achten ist, dass der Patient die Medikamente nicht für einen erneuten Suizidversuch sammelt, das heißt hier ist die Gabe der Dosis für einen oder wenige Tage unter engmaschiger Kontrolle des Arztes sinnvoll. Während bei geistiger Behinderung Jaktationen (rhythmisches Hin- und Herbewegen des Körpers) oder Beißen in Lippen, Hände und Arme im Vordergrund stehen, sind wiederholte Schnittverletzungen ein häufiges Symptom bei emotionaler Instabilität beziehungsweise bei emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen vom Borderline-Typ oder bei Impulskontrollstörungen. Die Schmerzempfindung ist bei diesen Patienten meist herabgesetzt. Ursachen für diese Form repetitiver Selbstverletzungen sind meist Konflikte mit dem sozialen Umfeld, die – bei geringer Frustrationstoleranz – als Kränkung erlebt werden, oder der Wunsch, innere Anspannung abzubauen. Die Herstellung eines tragfähigen Kontaktes in der psychiatrischen Notfallsituation ist bei diesen Patienten besonders schwierig, wie auch der Umgang mit suizidalen Patienten im Allgemeinen, und es können gravierende Fehler passieren (21) (Kasten 4 gif ppt).

Bei allen suizidalen Patienten, beziehungsweise Patienten nach Suizidversuch, sollte eine psychotherapeutische Begleitung und Aufarbeitung, sei sie einzeln oder in der Gruppe, erfolgen (22).

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 1. 2. 2010, revidierte Fassung angenommen: 10. 8. 2010

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Georg Juckel
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin
LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum
Alexandrinenstraße 1, 44791 Bochum

Summary

The Management of Psychiatric Emergencies

Background: Psychiatric emergencies such as acute psychomotor agitation or suicidality often arise in non-psychiatric settings such as general hospitals, emergency services, or doctors’ offices and give rise to stress for all persons involved. They may be life-threatening and must therefore be treated at once. In this article, we discuss the main presenting features, differential diagnoses, and treatment options for the main types of psychiatric emergency, as an aid to their rapid and effective management.

Method: Selective literature review.

Results and conclusion: The frequency of psychiatric emergencies in non-psychiatric settings, such as general hospitals and doctors’ offices, and their treatment are poorly documented by the few controlled studies and sparse reliable data that are now available. The existing evidence suggests that the diagnosis and treatment of psychiatric emergencies need improvement. The treatment of such cases places high demands on the physician’s personality and conduct, aside from requiring relevant medical expertise. Essential components of successful treatment include the establishment of a stable, trusting relationship with the patient and the ability to “talk down” agitated patients calmly and patiently. A rapid and unambiguous decision about treatment, including consideration of the available options for effective pharmacotherapy, usually swiftly improves the acute manifestations.

Zitierweise
Mavrogiorgou P, Brüne M, Juckel G: The management of psychiatric emergencies. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(13): 222–30.
DOI: 10.3238/arztebl.2011.0222

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

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