ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996Geldanlage: Genußscheine der Banken – Kleiner Renditevorsprung

VARIA: Wirtschaft - Berichte

Geldanlage: Genußscheine der Banken – Kleiner Renditevorsprung

Löwe, Armin

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LNSLNS Die Renditen am deutschen Rentenmarkt sind derart gesunken, daß sich der suchende Blick der Rentensparer auf attraktivere Anlagealternativen richtet. Wer im DM-Bereich bleiben und auch bei der Bonität der Emittenten keine Zugeständnisse machen will, wird zwangsläufig auf die Genußscheine deutscher Banken kommen. Sie sind überwiegend anleiheähnlich ausgestattet und bieten Renditen bis zu 7,78 Prozent – das sind gut zwei Prozentpunkte mehr, als im Durchschnitt mit öffentlichen Anleihen zu erzielen ist.
Allerdings kommen nicht alle Genußscheine in gleicher Weise als Alternative zu den weniger attraktiv gewordenen Anleihen in Frage, denn Genußschein ist nicht gleich Genußschein. Genußscheine können sehr unterschiedlich ausgestaltet sein. Sie sind ein Zwitter aus Aktie und Anleihe. Ein Genußschein verbrieft Gläubigerrechte wie die Anleihe, gewährt dem Anleger also schuldrechtliche Ansprüche. Zu diesen zählt vor allem die Rückzahlung zum Nominalwert. Insoweit steht der Genußschein der Anleihe näher, die am Ende der Laufzeit ebenfalls zu 100 Prozent getilgt wird. Der Genußschein kann aber auch weitere Rechte verbriefen, etwa zur Umwandlung in Aktien oder zum Bezug von Aktien. Dann liegt er näher bei der Aktie, und die Kursentwicklung orientiert sich stärker an den Bewegungen am Aktienmarkt als am Zinstrend.
Auf keinen Fall verbrieft der Genußschein aber das Recht, an der Haupt­ver­samm­lung teilzunehmen oder dort gar das Stimmrecht auszuüben. Aber anders als die Anleihe kann der Genußschein auch die Beteiligung am Verlust einschließen. Dann trägt der Inhaber ungleich höhere Risiken als der Anleihebesitzer.
Genußscheine haben vor allem für die Kreditinstitute als Emittenten eine aktienähnliche Bedeutung. In gewissen Grenzen gilt das Kapital hier als haftendes Eigenkapital. Bis zu 50 Prozent kann das haftende Eigenkapital aus Genußscheinkapital bestehen (Ergänzungskapital). Gleichwohl haben Bankengenußscheine für den Anleger überwiegend anleiheähnlichen Charakter, wenn sie mit einer Mindestverzinsung oder einer festen Verzinsung ausgestattet sind. Dies ist bei den meisten Scheinen der Kreditinstitute der Fall.
Genußscheine bieten derzeit im Durchschnitt eine Rendite, die 1,2 Prozent über der von Pfandbriefen liegt. Pfandbriefe wiederum rentieren in der Regel einen Tick besser als öffentliche Anleihen. Eine Analyse der SGZBank zeigt, daß der Renditevorteil der Genußscheine gegenüber Pfandbriefen in der Vergangenheit aber nur 0,7 Prozent betrug.
Was die Risiken anbelangt, so ist das Ausfallrisiko des Emittenten zu beachten. In der Vergangenheit hat es solche Ausfälle gegeben (Klöckner). Aber die von den Banken emittierten Scheine können als sicher eingestuft werden. Wie bei Anleihen trägt der Anleger das Zinsänderungsrisiko. Wenn die Zinsen steigen, fallen die Kurse der umlaufenden Titel – dies gilt für Genußscheine ebenso wie für Anleihen. Genußscheine reagieren auf Renditeänderungen nur unwesentlich stärker als Anleihen, die Volatilität ist also kaum größer als bei Anleihen. Jedenfalls ist sie nicht so groß, daß damit der Renditevorteil der Genußscheine wieder kompensiert würde. Da bei dem derzeit niedrigen Zinsniveau aber die Gefahr besteht, daß die Zinsen langfristig steigen (was Kursverluste bei Anleihen und Genußscheinen bedeutet), rät Genußschein-Analyst Jürgen Graf von der SGZ-Bank, sich beim Erwerb von Genußscheinen auf Restlaufzeiten von unter fünf Jahren zu beschränken.
Allerdings ist zu beachten, daß Genußscheine meist eine geringere Marktliquidität aufweisen. Die Genußschein-Emissionen sind in der Regel wesentlich kleiner als Anleiheemissionen. Daraus resultiert bei einigen Scheinen eine ausgesprochene Marktenge. Auf jeden Fall sollte bei der Auftragserteilung ein Kurslimit angegeben werden.
Genußscheine haben aber auch einen gewissen steuerlichen Charme. Hier werden keine Stückzinsen berechnet, Genußscheine werden "flat" notiert. Daraus können sich steuerliche Vorteile ergeben. Denn die Ausschüttung, die in der Regel einen Tag nach der Hauptversammmlung gezahlt wird, sammelt sich sukzessive im Kurs an und geht am Tag nach der Haupt­ver­samm­lung aus dem Kurs heraus.
Anleger, die vor der Ausschüttung den Genußschein verkaufen, erzielen nur steuerfreie Kursgewinne, wenn sie zwischen Erwerb und Verkauf mindestens ein halbes Jahr verstreichen lassen. Am Tage nach der Ausschüttung kann der Anleger den Genußschein billiger zurückkaufen, da der Kurs um den Ausschüttungsbetrag gefallen ist. Da allerdings viele steuerorientierte Anleger so handeln, fällt der Kurs der Genußscheine meist nicht um den vollen Ausschüttungsbetrag, weil die vielen Kaufaufträge tendenziell zu festeren Preisen führen. Gerade an solchen Tagen empfiehlt es sich daher, mit Limit-Aufträgen zu arbeiten. Außerdem sollten die steuerfrei erzielten Kursgewinne hin und wieder in einen anderen Genußschein reinvestiert werden, weil der Fiskus sonst Gestaltungsmißbrauch unterstellen könnte. Wenn das Spiel "Verkauf einen Tag vor der Haupt­ver­samm­lung, Rückkauf am Tag danach" öfter wiederholt wird, sind die Kursgewinne zu versteuern. Armin Löwe
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