ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Drehorgel und Zigarrenrauch

VARIA: Post scriptum

Drehorgel und Zigarrenrauch

Pfleger, Helmut

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LNSLNS l Im 19. Jahrhundert wanderten nicht wenige deutsche Schachspieler nach London aus, um sich dort mit dem Spiel in Kaffeehäusern das tägliche Brot und, auch sehr wichtig, den täglichen Kaffee zu sichern. Unter ihnen waren auch die fast namensgleichen Harrwitz und Horwitz. Der Breslauer Harrwitz liebte die Auseinandersetzung, vor allem mit dem damals unangefochtenen König der englischen Schachszene, Howard Staunton, der selbst lieber zuschlug, als die andere Backe hinzuhalten. Als er gegen Jakob Löwenthal, einen Gefolgsmann Stauntons, einen Wettkampf austrug, heuerte er einen Drehorgelmann an, der vor dem Fenster aufspielte, weil die Musik den sensiblen Löwenthal weit mehr als ihn störte, während einer seiner Anhänger jenem trotz des Rauchverbots dicke Zigarrenwolken ins Gesicht blies. Die Strategie war erfolgreich, Harrwitz gewann den Wettkampf knapp. Im Gegensatz zum Hünen Staunton, der "wie ein König einherschritt", steckte bei Harrwitz ein großer Kopf auf einem winzigen Körper. Staunton tat manchmal so, als ob er ihn nicht sehe, wobei er sogar unter den Tischen nachschaute. Das gefiel naturgemäß Harrwitz weniger, bis (die Welt war schon damals gerecht) der Tag der Rache kam. Staunton hatte eine Partie gegen ihn verdorben und beklagte sich: "Ich habe ein Tempo verloren", woraufhin Harrwitz dem Kellner auftrug, überall im Raum nach Stauntons verlorenem Tempo zu suchen, zur großen Erheiterung der Kiebitze.
Der aus Berlin stammende Bernhard Horwitz hätte am liebsten als Landschaftsmaler gearbeitet, statt dessen mußte er Kinder porträtieren und vor allem als Berufsspieler im Kaffeehaus in der Oxford Street allzeit bereit sein, um mit Besuchern Schach zu spielen. Eine herrliche Kombination gelang ihm 1846 in London gegen Schulten.
Hier gab er, als Schwarzer am Zug, für den nichtsahnenden Weißen sicher aus heiterem Himmel, ein Matt in drei Zügen – "mit allen Raffinessen". Wie?


Lösung:
Der Überfall auf den weißen König begann mit dem Damenopfer 1. ...Df1+! Nach dem erzwungenen Fraß der höchst unbekömmlichen Speise durch 2. Kxf1 folgte das Doppel-Abzugs-Schach 2. ...Ld3+ (Turm f8 und Läufer d3 geben gleichzeitig Schach, so daß sowohl der Läufer d3 tabu ist als auch keine Figur sich dem Turmschach zwischenstellen kann). Der weiße König mußte notgedrungen ziehen: 3. Ke1, wo ihn mit 3. ...Tf1 matt das Schicksal ereilte.

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