ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1997Ärztliche Ausbildung: Wettlauf um Reformkonzept

POLITIK: Aktuell

Ärztliche Ausbildung: Wettlauf um Reformkonzept

Clade, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Parallel zu den Aktivitäten des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums im Zusammenhang mit der längst beabsichtigten Reform der ärztlichen Ausbildung (Novellierung der Bundesärzteordnung und der Approbationsordnung für Ärzte) will sich auch die SPD-Bundestagsfraktion mit einem Initiativ-Antrag einschalten. In Kürze will sie dem Bundestag einen Antrag zuleiten, der von einer Arbeitsgruppe unter der Ägide von Dr. med. Werner Schuster, MdB aus Idstein, erarbeitet wurde. Er sieht eine komplette inhaltliche und zeitliche Neustrukturierung der Ausbildung zum Arzt vor. Der Antrag ist mit den SPD-Arbeitsgruppen für Gesundheit und für Bildung und Forschung abgestimmt worden. Die Bonner Koalition ist hier schon weiter: Der Referentenentwurf liegt vor.
Mit dem Fortgang der Beratungen zur Reform der ärztlichen Ausbildung (Novellierung der Approbationsordnung für Ärzte und der Bundesärzteordnung) ist es ein Kreuz: Ungeachtet der Kontroversen zwischen Bund, Ländern, der Ärzteschaft einerseits und dem Medizinischen Fakultätentag (MFT) sowie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) andererseits ist die Koalition offenbar entschlossen, dieses bereits in der vergangenen Legislaturperiode in Angriff genommene Reformwerk noch in dieser Legislaturperiode parlamentarisch über die Hürden zu bringen. Änderungswünsche der Fakultäten
Die Änderungswünsche vor allem des Medizinischen Fakultätentages waren inhaltlich und in ihrer Zielrichtung so gravierend, daß der zuständige Leiter der Fachabteilung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums noch Ende Mai vor dem Medizinischen Fakultätentag Homburg/Saar erklärte, es müsse bei der prinzipiellen politischen Grundlinie des Eckpositionenpapieres von Ende 1995 bleiben - andernfalls müsse das ganze Projekt in dieser Legislaturperiode scheitern, oder es müßten nach 1998 zeitraubende Beratungen erneut aufgenommen werden (vgl. Deutsches Ärzteblatt, Heft 27/1997; Heft 24/1997; Heft 9/1997).
Inzwischen hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium am 22. September einen Referentenentwurf fertiggestellt; das Bundeskabinett könnte im Laufe des Novembers dann einen Beschluß fassen. Nach Beratungen im Plenum und im Bundesrat könnte das Reformwerk, wie ursprünglich angekündigt, 1999 in Kraft treten.
In der "heißen Phase" der Beratungen hat sich auch die SPD-Fraktion mit einem Alternativkonzept zu Wort gemeldet. Eine Arbeitsgruppe von Abgeordneten unter der Ägide des hessischen SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. med. Werner Schuster, sonst im Bundestag Experte für Entwicklungshilfe und Auslandsfragen, setzt auf eine völlige Neustrukturierung, inhaltliche wie zeitliche Veränderung des bisherigen Curriculums der ärztlichen Ausbildung. Ziel des SPD-Antrages, der in Kürze eingebracht werden soll, ist es, das Medizinstudium praxisgerechter zu gestalten und studienbegleitend den praktischen Unterricht zu intensivieren, dabei die hausärztlichen und allgemeinmedizinischen Bezüge zu vertiefen. Bei dem Reformprojekt sollen die Länderzuständigkeiten gewahrt werden. Auch auf die Vorschläge der Hochschulen und medizinischen Fakultäten sowie der Ärzteschaft soll zurückgegriffen werden. Voraussetzung der parlamentarischen Beratungen ist aus der Sicht der Sozialdemokraten ein öffentlicher Diskurs über den Kreis der Direktbetroffenen hinaus. In jedem Fall müsse das Studium mehr als bisher den Leistungsanforderungen und dem Bedarf der Bevölkerung an Gesundheitsleistungen gerecht werden. Vordringlich sei es auch, den Trend zur Spezialisten- und Subspezialistenmedizin zu brechen und den gesundheitspolitischen Zielvorstellungen gerecht zu werden, möglichst viele angehende Ärzte für hausärztliche Tätigkeiten zu gewinnen. Die SPD-Initiative deckt sich mit einem Denkpapier, das der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Schuster bereits vor zwei Jahren in die Debatte einbrachte (vgl. DÄ, Heft 12/1995).
PJ und AiP sollen entfallen
Der SPD-Antrag geht davon aus, daß die Studienziele und Ausbildungsstandards bundeseinheitlich festgelegt werden. Sie sollten sich an fächerübergreifenden und funktionalen Zusammenhängen orientieren. Falls es gelingt, das Studium praktischer auszurichten, sollte das Praktische Jahr (PJ) ebenso wie die seit 1988 eingeführte 18monatige Pflichtphase als Arzt im Praktikum (AiP) entfallen. Ausbildungsziel: Bei erfolgreicher Absolvierung des Staatsexamens (Approbation) sollte der Arzt zur eigenverantwortlichen Tätigkeit in der Krankenversorgung und zur eigenverantwortlichen Weiterbildung befähigt sein. Prinzipiell stimmt diese Ausbildungszieldefinition mit jener überein, die eine interdisziplinäre Expertenkommission bereits im April 1993 kreierte und in den Referentenentwurf übernahm. !
Ebenso wie im Ansatz der Bund-Länder-Kommission und der Vor-überlegungen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums geht auch der SPD-Antrag von einer Aufhebung der strikten Trennung von theoretischem, vorklinischem und klinischem Studienabschnitt aus. Es wird postuliert, daß die Dauer der klinisch-praktischen Ausbildung am Patienten ein Drittel der gesamten Studienzeit nicht unterschreiten dürfe. In die praktische Ausbildung müßten auch Versorgungseinrichtungen in der Region der Hochschulklinik im Rahmen eines "Ausbildungsverbundes" einbezogen werden (Krankenhäuser, Arztpraxen, Gesundheitsämter, Sozialstationen und ähnliche Einrichtungen).
Das Medizinstudium soll sich in zwei Abschnitte gliedern: Zunächst beginnt der Medizinstudent ein dreijähriges Grundstudium, das mit einer Zwischenprüfung abgeschlossen wird. Für Berufswechsler mit heilberufsverwandten Berufen, etwa Absolventen der Krankenpflege oder der Physiotherapie, könnten bestimmte Teile auf das Grundstudium angerechnet werden. An das Grundstudium schließt sich ein dreijähriges Hauptstudium an. Dieses schließt mit Staatsexamen und Approbation als Arzt ab. Voraussetzung dafür sind sowohl inhaltliche als auch zeitlich koordinierte Änderungen von Bundesärzte- und Approbationsordnung.
Pflegepraktikum obligatorisch
Die SPD will dem Medizinstudium ein mindestens dreimonatiges Krankenpflegepraktikum vorschalten. Für "Quereinsteiger" (etwa KrankenpflegerInnen) soll der Hochschulzugang erleichtert werden. Allerdings sei ein zwölfmonatiges Krankenpflegepraktikum als "Motivationskriterium", wie es in der ehemaligen DDR mit guten Erfolgen praktiziert wurde, wegen rechtlicher, finanzieller und auch organisatorischer Probleme zur Zeit nicht praktikabel.
Fächerübergreifende Wissensvermittlung
Aspiranten für einen Studienplatz sollen durch die Universitäten nach einem dezentralen Verfahren zugelassen werden (mit bundeseinheitlicher Rahmenvorgabe). Darin soll sichergestellt werden, daß der Zugang vor allem für solche Studienbewerber eröffnet wird, die bereit sind, die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung nach bestimmten Planvorgaben sicherzustellen.
Während des Medizinstudiums sollen verstärkt Inhalte und Fähigkeiten in Allgemeinmedizin vermittelt werden. Besonderer Wert gelegt werden soll auf eine fächerübergreifende, problemorientierte und praxisbezogene Wissensvermittlung. Künftig sollen die theoretischen Fächer, wie etwa Physik und Chemie, auf den Umfang reduziert werden, der für Mediziner relevant ist. Zudem sollen diese Fächer in den medizinischen Zusammenhang gestellt werden.
Eine Öffnungsklausel soll Reformstudiengänge ermöglichen, deren inhaltliche und didaktische Gestaltung über die Reformvorgaben der neuen Approbationsordnung hinausgehen ("Experimentierklausel"). Der akademische Unterricht soll fächerübergreifend und problemorientiert erteilt werden, und zwar in kleinen Studentengruppen. Der mündliche Teil der ärztlichen Prüfung soll zu Lasten der schriftlichen Prüfungen stärker gewichtet werden. Bei den mündlichen Prüfungen sollten solche Prüfungsmethoden eingeführt werden, die stärker als bisher objektiviert werden können. Die Ausbildungseinrichtungen sollten nicht mehr nach der Zahl der tagesbelegten Betten ausgewählt werden, sondern vielmehr nach der Zahl der zum Unterricht geeigneten und bereiten Patientinnen und Patienten. Die Reform müsse kapazitätsneutral umgesetzt werden; entsprechend müßte die Kapazitätsverordnung auf Länderebene ergänzt beziehungsweise geändert werden. Die bisherige "Regelpromotion" soll von der Approbation getrennt werden. Die Promotion zum Dr. med. sollte wissenschaftlich aufgewertet werden. Mit dieser sollte erst nach dem Staatsexamen begonnen werden.
Während die Approbation als Arzt zur selbständigen und eigenverantwortlichen ärztlichen Tätigkeit berechtigt, ist aber die Niederlassung als Haus- und Gebietsarzt an eine vier-, höchstens fünfjährige Weiterbildung (mit anschließender Facharztprüfung) gebunden. Notwendige Spezialkenntnisse sollen erst danach spezifisch ergänzt werden.
Getrennte Budgets
Anzustreben sei auch, ähnlich wie es die Bundesregierung beabsichtigt, mittelfristig drei getrennte Budgets im Hochschulklinikbereich festzulegen und sie buchhalterisch zu trennen. So sollen die Budgets getrennt werden in die Bereiche Krankenversorgung, Forschung und Lehre. Damit müßten klare Zuständigkeits- und Verantwortungskompetenzen eingeführt werden (auch was die Kosten betrifft). Dabei müsse die Bedeutung der Lehre als wesentliche und eigentliche Hochschulaufgabe verstärkt werden. Dr. Harald Clade
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote