ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1997Studie des Zentralinstituts: Drogensubstitution in der Arztpraxis

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Studie des Zentralinstituts: Drogensubstitution in der Arztpraxis

Weber, Ingbert

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LNSLNS Die Modalitäten der Substitutionsbehandlung i.v.-Drogenabhängiger durch Vertragsärzte hat das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) im Rahmen einer Ärztebefragung untersucht, über die der Ergebnisbericht vorliegt. Die Befragung erstreckte sich auf die Kassenärztlichen Vereinigungen Bayerns, Nordrhein, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Südbaden und Westfalen-Lippe.
Für die Substitutionsbehandlung werden in Deutschland verschiedene Ersatzmittel verwendet, obgleich unter dem Aspekt der Qualitätssicherung lediglich Methadon und Levomethadon empfohlen werden. Was die Anteile der verwendeten Mittel betrifft, lagen bisher nur vage Schätzungen vor. Nach den Ergebnissen der ZI-Studie werden in 70 Prozent aller Praxen, in denen substituiert wird, ausschließlich Methadon oder Levomethadon eingesetzt, in weiteren sieben Prozent überwiegend. Codein oder DHC werden nur in einem Prozent der Praxen ausschließlich verwendet, in 22 Prozent der Praxen überwiegend. Allgemeinmediziner sind weniger zurückhaltend als Internisten, was die Bereitschaft betrifft, andere Ersatzmittel als (Levo-)Methadon zu verordnen. Der Anteil von Codein-/DHC-Patienten an allen substituierten Patienten variiert auch regional: So liegt er zum Beispiel in Südbaden um den Faktor 2,5 höher als in Niedersachsen.
Versorgte Patienten
Die meisten Praxen versorgen jeweils nur eine kleine Zahl von Patienten mit Ersatzstoffen. Bezogen auf die Ersatzmittel Methadon und Levomethadon, versorgen 39 Prozent der Praxen im Durchschnitt jeweils nicht mehr als vier Patienten. 64 Prozent der Praxen versorgen jeweils weniger als zehn abhängige Patienten. Die Durchschnittszahlen versorgter Patienten je Praxis, die sich regional unterscheiden, deuten auf Unterschiede in der Versorgungsdichte hin. Ärzte, die in Bayern die Substitution durchführen, versorgen durchschnittlich 19 Patienten, Ärzte in Schleswig-Holstein dagegen versorgen nur durchschnittlich acht.
Betrachtet man alle i.v.-drogenabhängigen Patienten, die vom Arzt Ersatzmittel erhalten, so zeigt sich zwar, daß die Behandlung der meisten von ihnen (53 Prozent) durch die gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird. Aber immerhin für 23 Prozent der substituierten Patienten zahlen die Sozialhilfeträger, und 24 Prozent lassen sich als Selbstzahler versorgen. Der Anteil der Selbstzahler variiert erheblich in den untersuchten Regionen: Bayern = 44 Prozent, Südbaden = 54 Prozent, Niedersachsen = 6 Prozent, Westfalen-Lippe = 29 Prozent, Nordrhein = 20 Prozent und Schleswig-Holstein = 14 Prozent. Es ist zu vermuten, daß der Selbstzahleranteil mit der regionalen Genehmigungs- und Vergabepraxis, aber auch mit der Prävalenz der Drogenabhängigkeit in Zusammenhang steht.
Welche Ärzte engagieren sich im Bereich der Drogensubstitution? In den sechs untersuchten KVen entfielen 75 Prozent substituierender Ärzte auf Allgemeinmediziner und praktische Ärzte, 17 Prozent auf Internisten und fünf Prozent auf Nervenärzte und Psychiater. 50 Prozent der Ärzte, die Substitution anbieten, führen ihre Praxen in städtischen Lagen, 25 Prozent in Stadtrandlagen und 25 Prozent in ländlichen Gebieten.
Es ist heute unbestritten, daß die psychosoziale Betreuung von Patienten, für die die Substitution durchgeführt wird, ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung sein sollte. Obwohl dieses Element häufig für den Erfolg der Behandlung mitentscheidend ist, stehen ausreichende Kapazitäten für sachgerechte Betreuungsangebote nicht überall zur Verfügung.
Wie hoch ist nach Angaben der befragten Ärzte der Anteil von (Levo-)Methadon-Patienten, der psychosozial betreut wird? Zwei Drittel der substituierenden Ärzte geben an, daß der weit überwiegende Teil (das heißt mindestens zwei von drei) dieser Patienten eine regelmäßige psychosoziale Betreuung erhält.
Nur 12 Prozent der substituierenden Ärzte geben für ihre Methadonpatienten sehr geringe Betreuungsquoten an, die jeweils unter einem Drittel dieser Patientengruppen liegen. Bei weiteren 21 Prozent der Ärzte umfaßt die Betreuungsquote ein Drittel bis zwei Drittel der Methadonpatienten. Damit erweist sich der von Kritikern erhobene Vorwurf an die Adresse der Ärzteschaft, nur etwa zehn bis 15 Prozent der Patienten in Methadonsubstitution erhielten die erforderliche Betreuung, als nicht zutreffend, jedenfalls nicht in den untersuchten Regionen. Bezogen auf Patienten, die andere Ersatzstoffe im Rahmen der Drogensubstitution erhalten, werden allerdings deutlich geringere Betreuungsquoten genannt.
Dr. phil. Ingbert Weber,
Zentralinstitut, Köln
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