ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1997American Medical Association: Strenges Vorgehen gegen sexuelle Übergriffe

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American Medical Association: Strenges Vorgehen gegen sexuelle Übergriffe

Mäulen, Bernhard

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LNSLNS Die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist im wesentlichen ein Vertrauensverhältnis. Daneben besteht jedoch auch ein Machtgefälle zwischen beiden, das die Versuchung beinhaltet, es zu anderen Zwecken zu mißbrauchen. Bereits im Eid des Hippokrates wird die Enthaltsamkeit von sexuellen Handlungen gegenüber Patienten ausdrücklich erwähnt. Die Ärzteschaften vieler Länder haben sich in ihren jeweiligen Satzungen diesem Berufsethos verpflichtet. Die American Medical Association hat ein strenges Kontroll- und Hilfesystem für betroffene Ärzte erarbeitet, um den Kodex umzusetzen.
Unerlaubte sexuelle Handlungen an und mit Patienten und Patientinnen gehören leider zur Realität ärztlichen Tuns. In ihren extremeren Ausmaßen beschäftigen sie die Strafjustiz; in ihren verborgenen Ausprägungen können sie viele Jahre ohne Konsequenzen bestehen. Die in den USA mit großer Leidenschaft geführte öffentliche Diskussion über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hat indirekt zu einer sehr viel kritischeren Beurteilung berufsständischer Vorgehensweisen in diesem Punkt geführt. Geeignete präventive Maßnahmen, die Einrichtung unabhängiger Gremien zur Prüfung etwaiger Vorwürfe und eine aktive Eindämmung solcher Grenzverletzungen mittels Berufsverbot oder spezialisierter Rehabilitation wurden unter anderem von den Kirchen und der American Medical Association (AMA) gefordert. Vieles davon hat die AMA mittlerweile umgesetzt.
Neue Standards
der Berufsethik
In Stellungnahmen der Ethikkommission, in verschiedenen Beiträgen im Journal of the American Medical Association und auf ärztlichen Fortbildungsseminaren sind die Richtlinien ausführlich dargelegt worden. Diese Neudefinition angemessenen ärztlichen Verhaltens umfaßt viele Aspekte, wie etwa den Gebrauch geeigneter, nicht herabsetzender Sprache, den Umgang mit Geschenken oder Dienstleistungen von Patienten, die Umstände und Art der körperlichen Untersuchung oder den nichtsexuellen Körperkontakt zum Patienten wie eine Umarmung.
Großen Raum erhielten diese Themen auch in der Ausbildung junger Mediziner: zum einen hatten die angehenden Ärzte eine erhebliche Naivität bezüglich der Gefährdungen in der Praxis gezeigt, zum anderen waren die Folgen jeglicher Vorwürfe sexueller Übergriffe - ob berechtigt oder nicht - derart gravierend, daß eine Vorbereitung künftiger Ärzte und Ärztinnen unerläßlich schien.
Der für die Öffentlichkeit überzeugendste Schritt war sicherlich die neue Art, wie seitens der Ärzteschaft Hinweisen auf sexuelle Übergriffe nachgegangen wurde. In vielen US-Bundesstaaten wurde der Anschein einer versteckten Kameraderie unter den Ärzten dadurch vermieden, daß alle Ärzte verpflichtet wurden, entsprechende Berichte von Patienten innerhalb von zehn Tagen an die zuständigen Behörden weiterzuleiten. Alle Lan­des­ärz­te­kam­mern beriefen Gremien ein, die mit weitreichenden Handlungsvollmachten ausgestattet waren, um Vorwürfe aufzuklären. Diese Gremien haben unter anderem das Recht auf Akteneinsicht, Zeugenbefragung und können der Approbationsbehörde Empfehlungen geben.
Eine erhebliche Zahl der von Patienten und Patientinnen vorgetragenen Beschwerden erwies sich als berechtigt. Ein Mißbrauch der Möglichkeit, auch anonym Anzeige zu erstatten, ist in größerem Umfang nicht festgestellt worden. Die angezeigten sexuellen Übergriffe reichen von Belästigung über Zudringlichkeiten hin zur Nötigung; sie beinhalten Kommentare über die sexuelle Attraktivität, nichttherapeutische Manipulationen am Körper der Patientin, Intimbeziehungen zu einem Patienten oder einer Patientin, unabhängig davon, ob diese ihr Einverständnis geben, oder nichttherapeutische körperliche Kontakte zu Patienten unter Narkose. Selbst dann, wenn Arzt und Patientin oder Ärztin und Patient eine beidseits gewollte Intimbeziehung aufnehmen, stellt dies eine Verletzung des Berufsethos dar. Das Berufsrecht schreibt in diesen Fällen vor, daß die Behandlung umgehend beendet und der Patient oder die Patientin an einen anderen Arzt überwiesen wird. Für Psychotherapeuten gilt eine mindestens zweijährige, in einigen Staaten eine lebenslange Abstinenz hinsichtlich der Intimbeziehung zu einer Patientin.
Vorwürfe werden
ernst genommen
Genaue Angaben zur Häufigkeit sexueller Grenzverletzungen in der Arzt-Patient/in-Beziehung gibt es nicht. Die mit Abstand häufigste Konstellation ist die zwischen Arzt und Patientin, jedoch sind auch Ärztinnen betroffen, ebenso kommen gleichgeschlechtliche Beziehungen mit Grenzverletzungen vor. Sofern eine erste Untersuchung durch die Beauftragten der US-Ärztekammern ergibt, daß einschlägige Vorwürfe wahrscheinlich zutreffend sind, werden Maßnahmen angeordnet. Je nach Art des sexuellen Mißverhaltens und der Gefährdung weiterer Patientinnen kann die Praxistätigkeit eingeschränkt oder so lange aufgehoben werden, bis das Ergebnis der Begutachtung des beschuldigten Arztes vorliegt. Diese dauert in der Regel fünf Tage und beinhaltet unter anderem verschiedene Tests, eine gründliche Anamnese, die Beschreibung des Geschehens aus der Sicht des betroffenen Arztes sowie die Konfrontation mit abweichenden Einschätzungen der anderen Beteiligten. Dabei sind die Gutachterteams (meist vier bis sechs Fachleute) auf die Mitarbeit der Begutachteten ebenso angewiesen wie auf eine gründliche Dokumentation im Vorfeld. Unter diesen Voraussetzungen können sie präzise Aussagen machen über die Einstufung der Verhaltensweisen, ihre diagnostische Einordnung, biographische Hintergründe sowie über Empfehlungen für das weitere Vorgehen und die Prognose.
Alle bisherigen Gutachter sehen bei den betroffenen Ärzten deutliche Unterschiede gegenüber sexuellen Gewaltverbrechern. Ein Approbationsentzug wird nur dann empfohlen, wenn die Täter keinerlei Einfühlungsvermögen für die Opfer aufbringen. Häufig wird eine stationäre, weniger häufig eine ambulante Therapie empfohlen, um den betroffenen Ärzten die Hintergründe ihres Verhaltens bewußt zu machen.
In größeren Untersuchungen fand Richard Irons von der Menniner Klinik in Topeka bei etwa zwei Drittel der Kollegen, die sich sexuell unangemessen verhielten, Zeichen einer sexuellen Abhängigkeit. Diese bestand in der Regel über längere Zeit, betraf zunächst das Privatleben und führte erst später zu Auffälligkeiten in der ärztlichen Tätigkeit. Ein erheblicher Teil der Kollegen/innen hat überdies Symptome einer Substanzabhängigkeit (Alkohol/Medikamente), die bis zur Begutachtung nicht entdeckt oder behandelt wurde.
Ziele der stationären Behandlung von Ärzten, die sexuelle Grenzverletzungen begangen haben, sind die Überwindung der bei den meisten ungeheuer großen Scham, die Aufarbeitung eigener biographischer Verwundung, die Erprobung sexuell abstinenter Lebensweise für eine begrenzte Zeit, eine genaue Bestandsaufnahme aller sexuellen Verhaltensweisen, Reizauslöser und gegebenenfalls Delikte, die Teilnahme an Selbsthilfegruppen, die Erarbeitung eines Plans zur Vermeidung von Rückfällen inklusive einer detaillierten Aufzählung von gefährlichen Situationen und die Einbeziehung von Angehörigen zur Förderung der Genesung. Bei zusätzlich alkohol- oder medikamentabhängigen Arztpatienten müssen die substanzgebundenen Süchte vor der sexuellen Abhängigkeit behandelt werden. Anders als bei der Suchtsubstanz Alkohol geht es bei der Sexualität nicht um völlige Abstinenz, sondern um die Eingliederung sexuellen Verhaltens in partnerschaftliche Beziehungen, das Vermeiden von Exzessen sowie die Abkehr von unpersönlicher Sexualität (Sex als Ware).
Auch nach der stationären Behandlung ist die berufliche Rehabilitation noch nicht gesichert. Die weitere Teilnahme an Selbsthilfegruppen, Einzel- oder Gruppentherapie, unter Umständen auch einer Paartherapie bilden die notwendigen Schritte zur Nachreifung und Genesung. Je nach Einzelfall werden für einige Zeit Auflagen gestellt, etwa die Anwesenheit einer dritten Person bei jeder körperlichen Untersuchung eines Patienten.
Die bisherigen Ergebnisse dieser strengen, vernetzten Hilfen für sexuell abhängige Ärzte in den USA sind gut. Weil die betroffenen Ärzte wissen, daß ihre Berufstätigkeit auf dem Spiel steht, werden die Bedingungen und Absprachen meist eingehalten. Fälle, in denen eine weitere ärztliche Tätigkeit durch Approbationsentzug untersagt wird, sprechen sich schnell herum und zeigen die Entschiedenheit der jeweiligen Aufsichtsgremien.
Insgesamt haben die amerikanischen Ärztekammern ein gut funktionierendes, strenges und effizientes System vernetzter Hilfen aufgebaut. Auch wenn es sich bei der sexuellen Abhängigkeit derzeit noch nicht um eine im DSM IV definierte Erkrankung handelt, bestehen viele Parallelen zur Alkohol- oder Medikamentabhängigkeit. Überdies haben sich die Selbsthilfegruppen und ebenfalls auf dem Suchtmodell beruhende spezielle Therapiestätten offenbar bewährt, primär einsichtsorientierte oder willensstärkende Maßnahmen dagegen nicht.
Gegenüber einer zunehmend kritischer werdenden Öffentlichkeit dokumentieren die Maßnahmen eine Qualitätssicherung in bezug auf ethisches Verhalten von Ärzten und Ärztinnen. Sie zeigen, daß das Wohl der Patienten/innen wirklich an erster Stelle steht.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-2806-2807
[Heft 43]


Anschrift des Verfassers
Dr. med. Bernhard Mäulen
Arzt für Psychiatrie
und Psychotherapie
Tannenstraße 3a
78078 Niedereschach

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