ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2011Radioaktivität: Folgen von Reaktorunfällen – Fakten und Vermutungen

MEDIZINREPORT

Radioaktivität: Folgen von Reaktorunfällen – Fakten und Vermutungen

Dtsch Arztebl 2011; 108(13): A-700 / B-568 / C-568

Zylka-Menhorn, Vera; Richter-Kuhlmann, Eva; Meißner, Marc

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UN-Kommission veröffentlicht Ergebnisse zu den Auswirkungen der Kernschmelze in Tschernobyl 1986 auf Mensch und Umwelt. Zahlreiche Kritiker halten diese Zahlen jedoch für geschönt.

Die Nachrichten aus Japan über den Zustand der Reaktoranlage in Fukushima überschlagen sich seit Wochen. Wie immer auch die Lage sein wird, wenn diese Ausgabe des Deutschen Ärzteblatt gedruckt ist, so ist unbestritten, dass Menschen und die Umwelt um den Reaktor radioaktiv belastet wurden und werden. Welchem Risiko die „Tapferen“ direkt an der Strahlenfront, aber auch die Bevölkerung im Umkreis tatsächlich ausgesetzt sind, kann derzeit nicht abgeschätzt werden – auch wenn der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, Dr. Sebastian Pflugbeil, meint: „Wir sind in der Liga von Tschernobyl.“

Tschernobyl 1986: Durch mehrere Explosionen ist die Betonabdeckung des Reaktorblocks abgesprengt worden, so dass der Kernreaktor offen liegt und große Mengen radioaktiven Materials in die Umwelt bläst. Foto: Keystone
Tschernobyl 1986: Durch mehrere Explosionen ist die Betonabdeckung des Reaktorblocks abgesprengt worden, so dass der Kernreaktor offen liegt und große Mengen radioaktiven Materials in die Umwelt bläst. Foto: Keystone

Die UN-Studie wird seit 2001 fortlaufend aktualisiert

Angesichts der Sorge um mögliche gesundheitliche Schäden der Betroffenen gewinnt ein Bericht der UN-Kommission UNSCEAR (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation) zu den Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl Beachtung. Die seit 2001 fortlaufende Studie wird in regelmäßigen Abständen aktualisiert. Die nunmehr vorliegende, 178 Seiten umfassende Analyse soll am 26. April, also genau 25 Jahre nach dem „Super-GAU“, auf der zentralen Gedenkkonferenz in Kiew vorgestellt werden. Der neue Bericht sei stark erweitert worden, sagte Malcolm Crick, Generalsekretär von UNSCEAR am 14. März in Wien, wo die Eckdaten des Berichts vorgestellt wurden. Er umfasse nun die Daten von mehr als 500 000 Arbeitern, die während und nach dem Unfall vergleichsweise hohen Dosen an radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren. Ebenso seien epidemiologische Daten über die radioaktive Belastung der Schilddrüse von circa 100 Millionen Menschen berücksichtigt worden.

Zu Erinnerung: Durch den Reaktorunfall in Tschernobyl war eine Fläche von 150 000 Quadratkilometern in Weißrussland, der Ukraine und Russland – damals die Heimat von fünf Millionen Menschen – mit Radionukliden kontaminiert worden. Mehr als 330 000 Menschen, die nahe dem Reaktor lebten, mussten evakuiert werden. Darüber hinaus waren in Europa weitere 45 000 Quadratkilometer Landfläche – wenn auch regional unterschiedlich stark – der Strahlung durch Iod-131, Caesium-134 und Caesium-137 ausgesetzt.

„Radionuklide aus dem Tschernobyl-Release waren in allen Ländern der nördlichen Hemisphäre messbar“, heißt es im UN-Bericht. Insgesamt wurde durch den Atomkernzerfall eine Strahlungsmenge von über 2 × 1018 Becquerel (1 Becquerel entspricht der Aktivität einer radioaktiven Substanz pro Sekunde) in der Umwelt verteilt.

Daten zu Mortalität und Morbidität

Wie gefährlich sind diese Radionuklide für die Gesundheit der Menschen damals und heute? Können die Tschernobyl-Daten Hinweise auf die Langzeitwirkung geringer Strahlendosen geben? Bei der Bewertung der radioaktiven Belastung unterscheidet die UN-Kommission zwischen der akuten Hochdosisstrahlung, der die Arbeiter und das Rettungspersonal am Reaktor ausgesetzt waren, und der Jahrzehnte andauernden chronischen Niedrigstrahlung der Bevölkerung (siehe Dtsch Arztebl 2011; 108[11]: A 565).

In Tschernobyl sind die meisten Arbeiter gestorben, nachdem sie einer Ganzkörperstrahlendosis von mehr als 4 000 Millisievert (mSv) ausgesetzt waren. Die durchschnittliche effektive Dosis für die verschiedenen Personengruppen im Umfeld des Reaktors von Tschernobyl lag nach Angaben von UNSCEAR:

  • bei 120 mSv (von 10 bis 1 000 mSv) für die 530 000 Arbeiter und Nothelfer („Liquidatoren“), die über viele Monate mit der Reinigung der Reaktoranlage und der Konstruktion des Schutzmantels beschäftigt waren,
  • bei 30 mSv für 115 000 evakuierte Personen und
  • bei 9 mSv während der ersten zwei Jahrzehnte für diejenigen Menschen, die in den kontaminierten Gebieten weitergelebt haben,
  • bei unter 1 mSv im ersten Jahr nach dem Unglück für die europäischen Länder der nördlichen Hemisphäre, und graduell abnehmend in den Folgejahren.

Zum Vergleich: In Deutschland beträgt die mittlere Hintergrundstrahlung 2,1 mSv pro Jahr (mit regionalen Schwankungen zwischen 1 und 5 mSv). Und bei einer Strahlentherapie wird das Tumorgewebe mit 50 bis 60 Gray bestahlt, was einer Teilkörperstrahlendosis von 50 000 bis 60 000 mSv entspricht. Weil die Dosen über einen längeren Zeitraum verteilt werden, kommt es dabei nicht zu unmittelbaren Strahlenschäden.

Die Arbeiter im nahen Umfeld des Reaktors in Fukushima sollen mit einer Dosis von etwa 170 mSv „verstrahlt“ worden sein. In Deutschland dürfen Erwachsene, die durch ihre Arbeit radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind, innerhalb von fünf Jahren nicht mehr als 100 mSv aufnehmen, wobei in einem einzelnen Jahr nicht mehr als 50 mSv erreicht werden dürfen.

Verbrennungen, Infektionen und Hauttransplantationen

Für die UN-Kommission steht fest, dass von den 134 Menschen, die zum Zeitpunkt der Explosion im Atomkraftwerk beschäftigt waren, 28 innerhalb der ersten drei Monate an den Akutfolgen der Strahlenbelastung gestorben sind. Sie gehörten zu den 600 Arbeitern, die sich am Tag nach der Explosion auf dem Reaktorgelände befunden hatten. Weitere 106 entwickelten eine akute Strahlenkrankheit und mussten über Jahre wegen Verbrennungen, Infektionen und Hauttransplantationen behandelt werden. Bis 2006 starben aus ihrem Kreis 19 Personen, allerdings „aus unterschiedlichen, nicht unbedingt durch die Strahlung verursachten Ursachen“, heißt es in dem Bericht.

Bei den 530 000 Liquidatoren gebe es Hinweise auf „leicht erhöhte Raten“ an Leukämie und Katarakten. Es ist bekannt, dass Trübungen der Augenlinse durch relativ niedrige Strahlendosen verursacht werden. Darüber hinaus habe man keine Belege für strahlenbedingte Gesundheitsbeeinträchtigungen gefunden, bilanziert das UN-Komitee. Weitgehend unerforscht sei auch die Auswirkung von Radioaktivität auf die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Weitere Krebserkrankungen „sind nicht auszuschließen“

Für die allgemeine Bevölkerung sei ein erhöhtes karzinogenes Risiko bisher kaum auszumachen. Obwohl die UN-Experten Krebserkrankungen als Folge des Reaktorunfalls „nicht ausschließen können“, sei die Datenlage für eindeutige Assoziationen nicht ausreichend; sie verwiesen auf den schwelenden Streit unter Wissenschaftlern, ob es einen Schwellenwert für eine Schädigung durch radioaktive Strahlung gibt oder ob das Risiko linear zunimmt.

Fukushima 2011: Abtransport von Arbeitern, die am havarierten Atomkraftwerk so starker Strahlung ausgesetzt waren, dass sie in eine Klinik eingewiesen werden mussten.
Fukushima 2011: Abtransport von Arbeitern, die am havarierten Atomkraftwerk so starker Strahlung ausgesetzt waren, dass sie in eine Klinik eingewiesen werden mussten.

Ein eindeutige Zuordnung zum Reaktorunglück sieht die UN-Kommission jedoch im Anstieg diagnostizierter Schilddrüsenkarzinome: Sprach sie lange Zeit von weniger als 2 000 zusätzlichen Krebserkrankungen, gelten nunmehr 6 000 als gesichert; 15 Patienten sind an den Folgen dieser Tumorform gestorben. Betroffen sind Menschen, die zum Zeitpunkt des Unglücks Kinder und Jugendliche (zwischen 0 und 18 Jahre) waren.

Die Schilddrüsenkarzinome sind vor allem auf den Verzehr von mit Iod-131 kontaminierter Milch und Blattgemüse zurückzuführen. „Die wahren Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit werden sich erst mit zunehmendem Alter der Betroffenen zeigen“, betonte der US-Radiologe Prof. Fred Mettler in Wien. Denn Schilddrüsenkrebs trete vermehrt erst ab dem Alter von 40 Jahren auf.

Besonders hohes Krebsrisiko bei Kindern unter vier Jahren

Eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung für Schilddrüsenkazinome bestätigen auch Ärzte am Institut für Endokrinologie und Stoffwechsel in Kiew, die kürzlich die Ergebnisse einer Kohortenstudie mit etwa 13 000 Kindern und Jugendlichen veröffentlichten (Environmental Health Perspectives 2011; doi: 10.1289/ehp.1002674). Während einer Nachbeobachtungszeit von insgesamt 73 000 Personenjahren wurden 65 Schilddrüsenkarzinome diagnostiziert. Die – rein rechnerische – Strahlenbelastung lag zwischen 0,09 bis 48 Gray. Mit jedem Gray einer Exposition verdoppelte sich das statistische Risiko für ein Schilddrüsenkarzinom. Am höchsten war das Risiko für Personen, die zum Zeitpunkt des Reaktorunglücks jünger als vier Jahre alt waren.

Mit neuen, für die Allgemeinheit von Tschernobyl ausgehenden Gefahren rechnet die UN-Kommission nicht. „Die Messungen haben ergeben, dass die radioaktive Strahlung in der Sperrzone im Umkreis von 30 Kilometern der Anlage weitgehend abgesunken ist. Es ist in etwa so, als ob man zum Röntgen geht“, sagte Crick in Wien.

UN-Daten rufen bei einigen Institutionen Kritik hervor

Die Daten der UN-Kommission bleiben jedoch aufgrund unterschiedlicher Interessenlagen nicht unwidersprochen: Roland Scheidegger, Strahlenbiologe beim Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat in Brugg, Schweiz, hält die Datenlage zu Tschernobyl für schlecht („Neue Zürcher Zeitung“ vom 20. März), weil in der ehemaligen Sowjetunion kaum Krebsregister geführt worden seien. „Vor der Katastrophe war das Gesundheitssystem rudimentär, nachher sehr modern“, so Scheidegger. Mit besseren Diagnosemethoden erkenne man heute automatisch mehr Krebsfälle – somit könnte ein beobachteter Anstieg an Tumorerkrankungen eben auch ein Artefakt sein.

Ganz andere Zahlen publizierte 2006 die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW gemeinsam mit der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. Die Studie zu den gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl stützt sich auf wissenschaftliche Arbeiten, Einschätzungen von Fachleuten und offizielle Angaben von Behörden. Die Analyse der Tschernobyl-Folgen würde jedoch durch erhebliche Wanderungsbewegungen der Menschen aus den mit Radioaktivität belasteten Gebieten in weniger belastete Gebiete erschwert. Zudem seien viele Daten nicht frei zugänglich, weil sie in Ost und West „der Geheimhaltung“ unterlägen.

„Sowohl die Regierungen in Russland, Weißrussland und der Ukraine als auch die der Atomkraftwerke betreibenden Staaten des Westens und die relevanten Organisationen der Vereinten Nationen haben kein Interesse an einer umfassenden und öffentlich überprüfbaren Erforschung der Tschernobyl-Folgen“, meint Pflugbeil. Hinzu komme die Sprachbarriere, die dazu geführt habe, dass wichtige, in russischer Sprache publizierte Studien von der westlichen Fachwelt ignoriert würden.

Zunahme von Missbildungen, Fehl- und Totgeburten

Während der jetzigen Situation in Japan hält Pflugbeil eine Ausweitung der Evakuierungszone rund um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima für dringend erforderlich. Gemeinsam mit der IPPNW bittet er die japanische Regierung, die Evakuierung der Bevölkerung so rechtzeitig und weiträumig durchzuführen, dass insbesondere der Schutz von Kindern und Schwangeren gewährleistet sei. Die Empfehlung der US-amerikanischen Atombehörde, die Evakuierungszone auf 80 Kilometer auszudehnen, kann ihm zufolge ein erster Schritt sein.

Der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) indes wirft die IPPNW seit Jahren Unstimmigkeiten bei der Darstellung der Tschernobyl-Folgen vor. Erst vor wenigen Tagen forderte sie die Bundesregierung auf, darauf hinzuwirken, dass die WHO die Öffentlichkeit endlich unabhängig über die gesundheitlichen Auswirkungen von ionisierender Strahlung informiere. „Die WHO-Reaktion auf die atomare Katastrophe von Fukushima ist völlig unzureichend. Wir befürchten eine Interessenkollision mit der IAEA, die die Risiken der Atomenergie seit Jahren herunterspielt“, erklärt Angelika Claußen von der IPPNW dem Deutschen Ärzteblatt.

Den Daten von UNSCEAR stünden andere Untersuchungsergebnisse, beispielsweise die des Biologen Alexej Jablokow, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, gegenüber. „Er geht von 900 000 bis 1,8 Millionen Toten weltweit aus“, berichtet Claußen, „die Zahlen beziehen auch künftige Tote mit ein, weil die Tschernobyl-Nuklide weiter in der Biosphäre bleiben.“ Kritisch betrachtet die atomkritische Ärzteorganisation zudem die Fokussierung der Studie allein auf die nähere Umgebung von Tschernobyl.

Humanitäre Hilfe in und aus Deutschland ist gefragt

„Immerhin ist der größte Anteil der Strahlenbelastung, nämlich 53 Prozent, auf andere europäische Staaten als Russland, Belarus und die Ukraine niedergegangen. Dies belegen die Messungen des italienischen Forschers Marc DeCort für die Europäische Union aus dem Jahr 1998“, sagt die IPPNW-Ärztin. Auch werde der enorme Anstieg der schweren Missbildungen, Fehlgeburten und Totgeburten sowohl in der Tschernobyl-Region als auch in Europa von UNSCEAR völlig ignoriert.

Für Claußen steht fest: „Die Atomkraft ist eine Hochrisikotechnologie. Sie ist nicht beherrschbar, angefangen vom Uranbergbau über den laufenden Betrieb bis hin zum Super-GAU und der ungelösten Endlagerproblematik. Sie macht uns Menschen und besonders unsere Kinder krank.“ Auch die globalen Klimaveränderungen seien mit der Atomenergie, die gerade einmal zwei Prozent zur Weltenergieversorgung beitrage, nicht zu stoppen.

„Die Opfer der Tschernobyl-Katastrophe benötigen weiterhin unsere Hilfe“, ist Claußen überzeugt und verweist auf zahlreiche Vereine, die mit IPPNW-Ärzten zusammenarbeiten und sich für die medizinische und humanitäre Unterstützung der Menschen in Weißrussland und in der Ukraine einsetzen. Zu diesen engagierten Ärztinnen und Ärzten gehört Dr. med. Dorothea Wagner-Kolb aus Hamburg, die fünf Jahre nach der Reaktorkatastrophe den „Freundeskreis Tschernobyl-Kinder“ ins Leben rief und 2009 für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt.

„Wir haben jedes Jahr Erholungsferien für Kinder aus sozial schwachen Familien organisiert, die in den angrenzenden Dörfern der 30 Kilometer Sperrzone um Tschernobyl leben“, berichtet Wagner-Kolb. Auch wenn diese Kinder nicht an konkreten Erkrankungen leiden würden, sei doch häufig ihr Immunsystem geschwächt und sie seien in ihrer Entwicklung zurückgeblieben, oder sie hätten bereits viel seelisches Leid durch den Tod von Eltern oder nahen Verwandten erfahren.

Krebs durch Tschernobyl? Kinderärztin Dr. med. Kerstin Lieber versucht nicht, eine Kausalität herzustellen. Seit 1985 kümmerte sie sich um fast 700 krebskranke Kinder aus Weißrussland. Foto: Manfred Karremann
Krebs durch Tschernobyl? Kinderärztin Dr. med. Kerstin Lieber versucht nicht, eine Kausalität herzustellen. Seit 1985 kümmerte sie sich um fast 700 krebskranke Kinder aus Weißrussland. Foto: Manfred Karremann

Um krebskranke Kinder in Weißrussland dagegen kümmert sich seit Jahren Dr. med. Kerstin Lieber, Kinderärztin und Palliativmedizinerin am Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin. Zur Kinderklinik „Borowjani“ bei Minsk, die sie erst vor wenigen Wochen wieder besuchte, hat sie seit Jahren einen engen Kontakt. Sie half den Ärztinnen und Ärzten vor Ort, die Therapie und medizinische Rehabilitation von Kindern mit Tumoren aufzubauen. In den letzten Jahren 18 Jahren sorgte Lieber auch dafür, dass mehr als 700 Kinder und Jugendliche in Deutschland operiert oder mit Prothesen versorgt wurden. Die Kosten trägt der von Lieber ins Leben gerufene Verein „Hilfe für krebskranke Tschernobyl-Kinder e.V.“.

Vereine organisieren und finanzieren die Therapien

Jedes Jahr gehen zwischen 200 000 und 600 000 Euro Spendengelder, hauptsächlich von der Berliner Bevölkerung, aber auch von ärztlichen Kollegen, auf dem Konto des Vereins ein. „Jeder Euro wird für die Versorgung der Kinder verwendet“, versichert Lieber. Die Verwaltung werde ehrenamtlich erledigt. Während früher ein großer Teil der Spenden in den Aufbau der Versorgung vor Ort und in die Ausbildung der weißrussischen Kollegen investiert wurde, werden heute die Gelder fast ausschließlich für die Therapie der krebskranken Kinder und Tumorendoprothesen verwendet. „Wenn unsere weißrussischen Kollegen sich mit der Therapie einiger Kinder überfordert fühlen, schicken sie die Kinder mit ihren Müttern zu uns nach Deutschland. Wir nehmen dann den Kontakt mit Spezialisten auf und organisieren und finanzieren die Behandlung und prothetische Versorgung“, berichtet die Vorsitzende des Vereins. Hauptsächlich handele es sich um Kinder und Jugendliche mit Hirntumoren im Alter von zwei bis 18 Jahren.

Gegründet hat Lieber den Verein vor 18 Jahren. Damals war sie an der Berliner Charité onkologisch tätig und betreute ein Mädchen aus der Region um Tschernobyl, das an einem Knochentumor erkrankt war. Der Wunsch, den Betroffenen zu helfen, hat die Mutter von drei Kindern seitdem nicht mehr losgelassen. Der Frage indes, ob eine Verbindung zwischen dem GAU von Tschernobyl und Krebserkrankungen besteht, versucht Lieber nicht mehr nachzugehen.

„Es gibt einfach keine verlässlichen Zahlen und auch keine Vergleichsdaten“, erklärt sie. „Die Abortrate in der Region wurde nicht erfasst, es wurden auch keine Aborte nachuntersucht.“ Über die Gründe lässt sich nur spekulieren: „Die Bevölkerung der Region um Tschernobyl war von vornherein ein Volk ohne Hoffnung“, ist ihre Überzeugung.

„Vielleicht hat sich keiner um sie bemüht, weil man die Folgen sowieso nicht hätte abwenden können.“ Nachweislich hat bei den weißrussischen Kindern nur der Schilddrüsenkrebs zugenommen. Er sei etwa 30-mal häufiger als vor dem Unglück. Zwar könne sie nicht nachweisen, dass ihre Patienten als direkte Folge von Tschernobyl erkrankt seien, das sei ihr aber auch nicht wichtig, sagt Lieber. „Ich möchte einfach diesen Kindern helfen.“

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Dr. med. Eva
Richter-Kuhlmann
Dr. rer. nat. Marc Meißner

@Der UN-Bericht im Internet:
www.aerzteblatt.de/11700

Künstliche und natürliche Strahlenbelastung

Die Freisetzung der radioaktiven Stoffe bei einem Reaktorunglück hat weitreichende Folgen: Zum einen kommt es zu direkten Strahlenschäden bei den Arbeitern im Kernkraftwerk sowie bei den Einsatzkräften. Zum anderen verseuchen die freigesetzten Radioisotope große Gebiete und gelangen damit in Nahrung und Trinkwasser. Dies führt zwar nicht zu unmittelbaren Strahlenschäden, aber es erhöht die Belastung mit sogenannten Niedrigstrahlen.

Diese entsteht im Wesentlichen nicht durch die Strahlung, die die Radioisotope an die Umgebung abgeben. Da es sich um Alphastrahlung handelt, hat sie nicht nur eine geringe Reichweite (weniger als zwei Meter), sondern kann auch schon durch ein Blatt Papier vollständig abgeschirmt werden. Problematisch ist vor allem die Aufnahme radioaktiven Iods und Caesiums mit der Nahrung. Während Iod durch seine geringe Halbwertszeit von acht Tagen schon nach etwa zwei Monaten abgeklungen ist, verbleibt Caesium sehr viel länger als Strahlenquelle im Körper.

Caesium-137 hat eine Halbwertszeit von mehr als 30 Jahren, so dass es mehrere Jahrhunderte dauert, bis keine Strahlung mehr zu messen ist. Relevanter ist in diesem Fall die biologische Halbwertszeit, denn vom Körper aufgenommenes Caesium wird nach circa 110 Tagen wieder ausgeschieden. Diese gilt auch für die radioaktiven Isotope, so dass beispielsweise Caesium-137 bis zu drei Jahren (circa zehn biologischen Halbwertszeiten) im Körper verweilt.

Auch wenn über die Folgen von Niedrigstrahlen sehr kontrovers diskutiert wird, ist eines klar: Je mehr Strahlung man ausgesetzt ist, desto höher ist das Krebsrisiko. Jedes Mal, wenn ionisierende Strahlung – wie radioaktive oder Röntgenstrahlen – auf den Körper trifft, kann es zu einer Veränderung im Erbgut kommen. Wie häufig das passiert, hängt von der Art der Strahlung ab. Wird man gleichen Mengen radioaktiver und Röntgenstrahlung ausgesetzt, dann ist beispielsweise die Chance von Erbgutschäden bei der radioaktiven Strahlung 20-mal höher. Um die Belastung unabhängig von der Strahlungsart anzugeben, hat sich die Einheit Sievert (Sv) etabliert, in der die Stärke der Strahlung und ihre biologische Wirksamkeit verrechnet werden.

Schäden am Erbgut bedeuten jedoch nicht zwangsweise, dass es zu einer Mutation und damit eventuell zu Krebs kommt, denn die einzelnen Zellen verfügen über entsprechende Reparaturmechanismen. Erst wenn diese versagen, kommt es zu einer Veränderung im Erbgut.

Strahlung tritt nicht nur in Zusammenhang mit künstlichen Quellen auf. Wir sind auch täglich natürlicher Strahlung ausgesetzt, die durch radioaktive Isotope in der Umwelt oder auch kosmischer Strahlung verursacht wird. In Deutschland liegt diese Belastung bei 2 bis 5 Millisievert (mSv) pro Jahr. Zum Vergleich: Eine Röntgenuntersuchung liegt bei circa 0,1 mSv, ein Kontinentalflug bei circa 0,02 mSv.

Zählt man die künstliche und natürliche Strahlenbelastung in Deutschland zusammen, dann liegt diese bei circa 4 mSv pro Jahr. Lediglich 0,02 mSv, also nur ein Zweihundertstel der Strahlenbelastung, sind auf die Folgen des Reaktorunglücks in Tschernobyl zurückzuführen. Der geringe Anteil künstlicher Radioaktivität an der Gesamtstrahlenbelastung ist der Grund dafür, dass die gesundheitlichen Folgen von Niedrigstrahlen nur schwer zu erfassen sind.

Ein Zusammenhang zwischen Strahlenbelastung und Krebserkrankung ist nur in Statistiken zu belegen.

Messgrössen und Einheiten

Wenn Atomkerne zerfallen, entstehen verschiedene Arten von Teilchenstrahlung und elektromagnetischer Strahlung, deren Menge, Energieinhalt und biologische Wirksamkeit von Element zu Element, von Strahlungsart zu Strahlungsart unterschiedlich ist. Je nachdem, welche Aussagen über das radioaktive Material getroffen werden sollen, verwenden Experten unterschiedliche Messgrößen mit ihren Maßeinheiten.

  • Die Aktivität gemessen in Becquerel (Bq) gibt an, wie viele radioaktive Kerne pro Sekunde zerfallen und dabei die sogenannte radioaktive Strahlung erzeugen. Das Becquerel ist recht anschaulich hörbar, wenn man einen Geigerzähler oder ein anderes Messgerät für Radioaktivität verwendet: Ein „Knack“ ist ein radioaktiver Zerfall, einmal pro Sekunde bedeutet dies „1 Becquerel“, bei 100 Knacks pro Sekunde sind es „100 Becquerel“.
  • Die Dosis gemessen in Gray (Gy) gibt an, wie viel Energie (in Joule) durch Strahlung pro Kilogramm Körpergewicht aufgenommen wird.
  • Die Äquivalenzdosis wird in Sievert (Sv) gemessen. Sie wird aus der Energie der Strahlung und ihrer biologischen Wirksamkeit, die nach Art der Strahlung variieren kann, berechnet. Da ein Sievert eine relativ große Einheit ist, sprechen Experten von Millisievert (= ein Tausendstel Sievert)
  • Die Dosisleistung gibt an, wie viel Energie pro Zeit (also Leistung) pro Kilogramm aufgenommen wird. Normalerweise ist diese klein und liegt im Bereich von wenigen Tausendstel Sievert (Millisievert) pro Jahr.

Aktuelle Messwerte werden auch als Stundenwerte angegeben. In der Berichterstattung über das havarierte Kraftwerk Fukushima in Japan wurde von Werten mit einigen Hundert mSv berichtet, gemeint waren dabei immer mSv/h.

(Quelle: Welt der Physik, herausgegeben von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, dem Bun­des­for­schungs­minis­terium und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt)

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