ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1996Ärzte-Sprache: Laien lesen mit

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Ärzte-Sprache: Laien lesen mit

Burkart, Günter

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LNSLNS Seine Pick-Zellen zeigen ein geblähtes Zytoplasma ohne Nissl-Substanz" – in einem der letzten Hefte dieser Zeitschrift stand dieser Satz. Man könnte sich vorstellen, daß ein Patient, über dessen Krankenbett hinweg sich zwei Ärzte diesen Befund mitteilen, versucht wäre, aufzustehen und zu protestieren (was er aber im Zustand einer Demenz schwerlich könnte).
Nun gut; das ist Fachsprache, und sie ist wohl auch Ausdruck für das Bestreben der Ärzte, den Patienten zu (ver)schonen. Dies hat sehr viel für sich; es muß aber neu bedacht werden. Ärzte müssen heutzutage stets damit rechnen, daß Laien sie auf ihren Umgang mit der mündlichen und schriftlichen Sprache hin genau beobachten. Das ist vielen Ärzten auch längst klar. Deshalb sind in den letzten zehn oder zwanzig Jahren ja auch Floskeln wie "Krankengut" oder "kam ad exitum" fast völlig aus der ärztlichen Fachpresse verschwunden. Hier haben auch Fachjournalisten viel dafür getan, den Ärztestand weniger angreifbar zu machen.
Aber es ist noch viel zu tun. Warum verwenden Ärzte zum Beispiel viel zu oft das Passiv, wo man ohne weiteres das Aktiv setzen könnte (das meist für eine kräftigere Ausdrucksmöglichkeit sorgt)? Warum merkt der Verfasser eines Aufsatzes zum Beispiel nicht, daß der Ausdruck "die angegebenen Angaben" unbeholfen wirkt? Und warum erfinden Autoren regelrecht ihre eigenen falschen "Übersetzungen", die sie dann für Fremdwörter halten? Ein "immakulates Verhalten" zum Beispiel gibt es im Deutschen nicht. "Nullipara", "Multipara" und so weiter sind Fachwörter der Medizin; das Fremdwort "Parität" gehört aber keineswegs in diesen Zusammenhang. Das alles ist eine Frage des Sprachgefühls. Ein paar Vokabeln zu lernen, das bringt nicht viel; der ganze Hintergrund einer ganzen (Sprach-)Kultur gehört dazu. Montesquieu hat das viel eleganter formuliert: "Jusqu’à ce qu’un homme ait lu tous les livres anciens, il n’a aucune raison de leur préférer les nouveaux." gb
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