ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1997Politik und Selbstverwaltung: Übertrieben fürsorglich

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Politik und Selbstverwaltung: Übertrieben fürsorglich

Dtsch Arztebl 1997; 94(44): A-2853 / B-2313 / C-2117

Maus, Josef

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LNSLNS Es gibt Momente, da wird es selbst auf sehr großen Veranstaltungen sehr plötzlich sehr still. So, als Rudolf Dreßler, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, bei einem Symposium der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Königswinter eine - wie er selbst sagte - "heikle Frage" stellte. "Ist alles das", fragte der Sozialdemokrat, "was heute in bestimmten Krankheitsfällen von Ärzten gemacht wird, auch wirklich notwendig?"
Dreßler wäre kein Politiker, hätte er nicht die Antwort bereits bei der Hand: "Vieles von dem, was in den Praxen gemacht wird, ist überflüssig!" Aus dem Munde des streitbaren Sozialpolitikers mag das (Dreßler: "Eine Feststellung, kein Vorwurf") niemanden überraschen. Doch seine Ursachenforschung und sein Lösungsansatz ließen aufhorchen. Anders komme der Arzt wirtschaftlich nicht mehr über die Runden - trotz des neuen EBM. Ein System, das den Arzt zu unsinnigem Verhalten zwinge, müsse geändert werden. "Wo guter Wille und die Bereitschaft der Selbstverwaltung, aus richtigen Erkenntnissen auch die notwendigen Konsequenzen zu ziehen, dem berufspolitischen Harakiri ziemlich nahekommen, da hat der Kaiser sein Recht verloren", meinte der SPDPolitiker.
Abermals möchte er, fuhr Rudolf Dreßler fort, ein solches Vorhaben (eine Reform des EBM, Anm. d. Red.) der Selbstverwaltung nicht zumuten. Aus purem Eigennutz, wie der Sozialdemokrat hinzufügte. Denn was könnte die Politik davon haben, wenn "hernach die Handlungsfähigkeit der Selbstverwaltung zerstört ist und dort Radikalinskis an die Stelle der Einsichtigen treten?"
Die SPD, so hörten die staunenden Standesvertreter in Königswinter, möchte die Selbstverwaltung also vor der Wut der eigenen Basis bewahren und einen neuen EBM dann lieber gleich selbst machen. Eine "Offerte", die der KBV-Vorsitzende, Dr. med. Winfried Schorre, postwendend als "doch ein wenig übertrieben fürsorglich" dankend ablehnte.
Während also Rudolf Dreßler die Reform des EBM lieber in den Händen der Politik sehen würde, denkt der Bundesrat derzeit bei der GOÄ ans Gegenteil: an eine stärkere Beteiligung der Selbstverwaltung bis hin zu einer "Vertrags-GOÄ" (siehe Deutsches Ärzteblatt, Heft 40/1997, Seite eins). Bei aller Ironie der Ereignisse sollte man jedoch Dreßlers Standpunkt nicht einfach beiseite schieben. Er hat der Kassenärzteschaft aufgezeigt, wo dringender Handlungsbedarf besteht. Der neue EBM - in Kooperation von Ärzten und Krankenkassen - muß es jetzt wirklich wohl oder übel richten. Josef Maus
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