ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1997Deutscher Apothekertag 1997: Pharmazeuten mißbilligen „Bonusverträge“ für Ärzte

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Deutscher Apothekertag 1997: Pharmazeuten mißbilligen „Bonusverträge“ für Ärzte

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Dem derzeitigen Paradigmenwandel im Gesundheitssystem müssen sich auch die Apotheker stellen. Diese Forderung erhob der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), HansGünter Friese, auf dem Deutschen Apothekertag 1997 in Düsseldorf. Unter dem Leitthema der Tagung "In die Zukunft investieren" forderte Friese seine Kollegen auf, die Umwälzungsprozesse im Ge- sundheitssystem mitzugestalten und auch mitzuverantworten. Zur Kostendämp- fung könnten die Apotheker entscheidend beitragen, wenn es ihnen gelänge, die Effizienz der Patientencompliance zu steigern. Bonusverträge zwischen Ärzten und Krankenkassen als Instrument der Kostenregelung seien jedoch entschieden abzulehnen.
G rundsätzlich begrüßen die Apotheker, daß Aufgaben im Rahmen der Kostendämpfung an die Selbstverwaltung rückdelegiert und vertragliche Gestaltungsmöglichkeiten geschaffen werden. In Einzelfällen treibe die "Vorfahrt für die Selbstverwaltung" jedoch seltsame Blüten - zum Beispiel mit der Gesetzgebung des § 73 a (SGB V), der es den Kassenärztlichen Vereinigungen und Kassenverbänden erlaube, "Strukturverträge" zu vereinbaren. "Die bilaterale Vertragsfreiheit wird von Ärzten und Kassen so benutzt, wie wir es befürchtet und prognostiziert haben", erklärte ABDA-Präsident Hans-Günter Friese.
In Berlin, Brandenburg und Hessen seien die ersten "Bonusverträge" abgeschlossen worden, die die Ärzte an den Einsparungen der Krankenkassen infolge Minderverordnungen bei Arzneimitteln beteiligen. Weitere Kassenärztliche Vereinigungen wollen laut Friese nachziehen. So habe die AOK-Brandenburg der KV für das erste Quartal 1997 bereits einen Scheck über 2,7 Millionen DM übergeben. "Jedem brandenburgischen Vertragsarzt stehen somit 860 DM zur Ausschüttung an. Dies ist nicht akzeptabel", sagte Friese. Auf diese Weise werde der mehr als 750 Jahre gültige Grundsatz aufgehoben, wonach der Arzt weder mittelbar noch unmittelbar am Arzneimittel verdienen soll. "In Bonn werden diese Bonusverträge eher wohlwollend gesehen, doch diese Entwicklung können wir nicht mitmachen", erklärte der ABDA-Präsident. "Auch der Patient wird nicht einsehen, daß der Arzt mehr verdient, weil er ihm weniger verschreibt. Sparbeträge müssen dem System zurückgeführt werden." Friese betonte, daß er nicht den einzelnen Arzt kritisiere, der sich dem systemischen Druck solcher Strukturverträge beuge ("Versetzen Sie sich doch einmal in die Lage eines Arztes, dessen Praxiseinkommen gesunken ist."). Vielmehr mißbilligt er die Auswüchse, die das System an sich ermögliche. Für die Apotheker sei die Kooperation mit der Ärzteschaft richtig und ohne Alternative. Ohne Paradigmenwandel aber, so der Tenor auf dem Apothekertag, bleibe die Kostendämpfung im Gesundheitssystem illusorisch. Zu diesem Umdenkungsprozeß gehöre auch die Einsicht, daß nur Qualität die Kosten wirksam senken könne. Auf die Apotheker bezogen, bedeute dies, die Arzneimittelanwendung zu verbessern. Friese betonte, daß in nur etwa 50 Prozent der Fälle Medikamente sachgemäß angewendet werden. Die Wahrscheinlichkeit für einen Therapieerfolg liege damit statistisch gerade mal bei 45 Prozent. "Angesichts dieser miserablen Zahlen wird die Gesellschaft auf Dauer nicht bereit sein, das heutige Ausgabenvolumen für eine derart niedrige Therapie- erfolgswahrscheinlichkeit aufzuwenden. Und sie wird eine Verbesserung des Zustandes von den Heilberuflern verlangen", so Friese. "Das ist der Umdenkungsprozeß, dem die Apotheker sich stellen müssen." Bei einer Milliarde (!) Patientenkontakten pro Jahr sei die Chance für eine Verbesserung der Compliance durch die Pharmazeuten gegeben. "One-for-all-Lösungen und Gesprächsschablonen funktionieren nicht", sagte Friese. "Finanzielle Einsparpotentiale sind hier mehr auszumachen als beim zitronenhaften Auspressen der Festbeträge."
Als nicht unerhebliches Gefahrenmoment für ihren Berufsstand sieht die ABDA die immer wieder auftauchenden Forderungen nach dem Wegfall der Apothekenpflicht, der Freigabe der Arzneimittelpreise sowie der Ermöglichung von Versandhandel und Kettenapotheken. Ohne diese Regulative hätten wir im deutschen Arzneimittelmarkt "alle rüden Hardsellingmethoden des Konsumgütereinzelhandels und genau die Rosinenpickerei, die wir gesundheitspolitisch keineswegs wollen". Friese begrüßte den Entwurf zur 8. Novelle des Arzneimittelgesetzes, der klarstellt, daß der Versand apothekenpflichtiger Arzneimittel unzulässig ist. Die Gefahren seien damit aber noch nicht vollständig beseitigt. So beschäftige der Vertrieb von Medikamenten aus dem Ausland per Internet derzeit die Rechtsanwälte der ABDA. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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