ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1997Morbus-Alzheimer-Prophylaxe durch: längerfristige Östrogensubstitution

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Morbus-Alzheimer-Prophylaxe durch: längerfristige Östrogensubstitution

Wenderlein, J. M.

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LNSLNS Dder achte Internationale Menopause-Kongreß vom 3. bis 7. November 1996 in Sydney befaßte sich unter anderem mit der Möglichkeit der Morbus-Alzheimer-Prophylaxe durch Östrogensubstitution. Demenzerkrankungen im Alter werden durch die weiter steigende Lebenserwartung in westlichen Industrieländern häufiger. An erster Stelle dabei steht Morbus Alzheimer (MA). In Deutschland gibt es zirka eine Million Erkrankte und über 30 000 Neuerkrankungen jährlich. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer. Die volkswirtschaftliche Belastung durch Pflegebedürftigkeit dieser Menschen - im fortgeschrittenen Stadium rund um die Uhr - bedarf keiner Diskussion. Von daher sind empirisch immer besser gesicherte präventive und eventuell auch kurative Maßnahmen mittels Östrogen-Substitution von großer Bedeutung.
Prospektive Risikominderung
In den USA konnte eine prospektive longitudinale Studie bestätigen, daß postmenopausale Östrogensubstitution das MA-Risiko reduziert (A. Morrison, Baltimore). Über 16 Jahre wurden 472 post- und perimenopausale Frauen beobachtet. Hierbei trat 38mal MA in der Folgezeit auf. Das relative MA-Risiko für Frauen mit Östrogensubstitution betrug 0,46 gegenüber jenen ohne Östrogentherapie, bei vergleichbarem Bildungsniveau in beiden Gruppen. Diese Risikominderung um etwa die Hälfte wird ein weiterer Motivationsaspekt zur längeren Östrogensubstitution sein.
Erfolgreiche Therapieergänzung
Eine psychiatrische Studie in den USA wollte klären, ob bei medikamentöser MA-Therapie zusätzliche Östrogengaben von Nutzen sind (L. S. Schneider, Los Angeles). Dabei wurde von neutropen Wirkungen und Modulationseffekten an Neurotransmittern infolge substituierter Östrogene ausgegangen. Mit deren Einfluß auf cholinerge Mechanismen und Serotonin-Funktionen im zentralen Nervensystem in höherem Alter wurde therapeutisch gerechnet.
In einer Multizenter-Studie - plazebokontrolliert und randomisiert - wurden MA-Patienten für 30 Wochen unter Acetylcholinesterasehemmer-Therapie mit und ohne Östrogenzusatztherapie klinisch beobachtet. MA-Probleme wurden bei jenen mit Östrogenergänzung signifikant gebessert. Auf einer MA-Assessment-Skala war dies objektivierbar.
Bei einer klinisch weniger problematischen Gruppe, an die differentialdiagnostisch bei MA zu denken ist, und zwar bei altersdepressiven Frauen, wurde eine sechswöchige Serotonin-Inhibitor-Therapie mit und ohne Östrogenzusatz verglichen. Die Werte in der Hamilton-Depressionsskala zwischen Östrogen- und Plazebogruppe unterschieden sich um den Faktor 3 (L. S. Schneider, Los Angeles). Damit wurden die antidepressiven Effekte postmenopausal substituierter Östrogene erneut bestätigt als primäre Therapiemöglichkeit bei Altersdepressivität ohne Sedierungseffekte (J. W. W. Studd, London).
Gestörte Motorik
Die Funktionsminderung des Zentralen Nervensystems bei MA betrifft auch den motorischen Bereich. Über reduzierte Nervenleitungsgeschwindigkeit sind mehr und unkontrollierte Stürze mit höherem Knochenfrakturrisiko zu erwarten. Die zweimal höhere MA-Inzidenz bei Frauen gegenüber Männern in der Altersgruppe über 70 Jahre verläuft zeitlich parallel zum höheren osteoporosebedingten Frakturrisiko (S. B. Brige, St. Louis). Durch rechtzeitig begonnene und längerfristige postmenopausale Östrogensubstitution wird nicht nur das MA-Risiko bis zur Hälfte reduziert, sondern in ähnlichem Maße auch das Osteoporose- und Frakturrisiko. Hinzu kommt, daß motorisch besser koordinierte Stürze zu erwarten sind.
Verbesserung der zerebralen Durchblutung
Die zerebrale Durchblutung unter postmenopausaler Östrogentherapie interessierte in einer japanischen Studie bei Frauen zwischen 45 und 59 Jahren (T. Ohkura, Koshigaya). Als Methode wurden i.v.-Gaben von Technitium 99M und Photonen-Emissions-Computertomogramme genutzt.
Der zerebrale Blutfluß war nach Östrogensubstitution um 10 bis 14 Prozent und damit signifikant besser als zuvor in allen Hemisphärenbereichen bilateral. Das macht die "allgemeinen Effekte" von Östrogengaben auf das zentrale Nervensystem im Alter verständlicher.
Altersdemenz bei Frauen
MA als häufigste Demenzform trifft Frauen nicht nur öfter, sondern im klinischen Verlauf auch schlimmer als Männer (V. W. Henderson, Los Angeles). Das macht präventive Aktivitäten bei Frauen so aktuell. Die kalifornischen Studien nehmen bei der Pathogenese des MA ein Östrogendefizit als Kofaktor an. Sie bestätigten signifikant verbesserte Kognition bei MA-Frauen unter Östrogentherapie, gemessen an semantischen Gedächtnisaufgaben.
Dazu gibt es eine japanische endokrine Vergleichsstudie von MA-Patienten mit einer gleichaltrigen Kontrollgruppe ohne MA (H. Honjo, Kyoto). Serumöstronsulfat war bei letzterer Gruppe höher als bei MAPatientinnen. Damit war bei dieser Studie der Therapieversuch mit konjugierten Östrogenen, die überwiegend Östronsufat enthalten, naheliegend. In plazebokontrollierten Doppelblindstudien wurden bei MA-Patienten klinische Symptome reduziert, Gedächtnisleistung und Orientierungsfähigkeit verbessert. Mit psychometrischen Tests wurden die positiven Östrogeneffekte objektiviert.
Erklärbar ist das bisher über folgende Mechanismen (A. R. Genazzani, Pisa):
¿ Aktivitätssteigerung bei MA-Patientinnen geschieht wahrscheinlich auch über antidepressive Effekte der Östrogentherapie.
À Verbesserte Hirndurchblutung infolge Östrogentherapie wirkt positiv auf kognitive Funktionen.
Á Acetylcholin-Metabolismus im zentralen Nervensystem wird durch Östrogensubstitution verbessert.
 Östrogene wirken direkt günstig auf Glia- und Neuronenfunktion.
à Östrogene reduzieren Apolipoprotein E und damit Amyloid, das zur Plaquebildung im zentralen Nervensystem alter Menschen führt - mit MA-Folge.
Das Zusammenwirken dieser Effekte bedarf noch aufwendiger Klärung.
Kommunikationsfähigkeit erhalten
Eine kanadische Studie konnte zeigen, wie sich perimenopausal gestörte Gedächtnisfunktionen, die das Leben im Alter erschweren, durch Östrogengaben bessern (B. B. Sherwin, Montreal). Prospektiv wurden prämenopausale Frauen mit chirurgischer Kastration nachfolgend mit und ohne Östrogensubstitution miteinander verglichen. Jene mit Östrogentherapie hatten ein besseres verbales Gedächtnis und behielten ihre verbale Lernfähigkeit bei. In der Plazebogruppe kam es postoperativ zur Abnahme dieser Funktionen. Die gleichen Forscher verglichen gesunde 65jährige Frauen mit und ohne Östrogensubstitution. Die Östrogengruppe hatte bei verbalen Gedächtnisaufgaben signifikant bessere Ergebnisse.
Frauen im fertilen Alter wurden durch Gaben von Gonadotropinfreisetzungshormonen (GnRH) in eine Postmenopausensituation gebracht (zum Beispiel wegen Uterus myomatosus vor Operation für drei bis sechs Monate). Folgender Effekt war bemerkenswert: Bei den 28jährigen Frauen bewirkte dies in der kanadischen Studie signifikant niedrigere verbale Gedächtnisleistung. Wurden randomisiert Östrogene unter GnRH-Therapie gegeben, so verbesserten sich die Testwerte signifikant gegenüber der gleichaltrigen Gruppe mit GnRH-Therapie plus Plazebo. Diese Studie bestätigte auf einfache Weise, daß sich Hirnfunktionen unter Östrogenmangelbedingungen verschlechtern beziehungweise durch Östrogensubstitution verbessern lassen.
Motivation zur Östrogensubstitution
In einer schwedischen Studie an 1 300 postmenopausalen Frauen im Alter von 55 und 56 Jahren interessierte die frühere Einnahme hormonaler Kontrazeptiva und die spätere Motivation zur postmenopausalen Östrogentherapie (W. O. Brynhildsen, Linköping). Frauen mit früherer Einnahmeerfahrung von Ovulationshemmern praktizierten fast doppelt so oft Östrogensubstitution postmenopausal als jene ohne diese Art von Kontrazeption (41 Prozent zu 23 Prozent).


Prof. Dr. med. J. M. Wenderlein
Universitäts-Frauenklinik
Prittwitzstraße 43 · 89075 Ulm

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