ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1997Behandlung des fehlenden Lidschlusses: Schlußwort

MEDIZIN: Diskussion

Behandlung des fehlenden Lidschlusses: Schlußwort

Müller-Jensen, Kei

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med.Kei Müller-Jensen, Michael Jansen in Heft 12/1997
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LNSLNS Die lebhafte Resonanz mit über 30 Sonderdruck-Anforderungen und Detailfragen hat gezeigt, daß unser Artikel über "Lidloading" ein wichtiges Feld in der plastischen Lidchirurgie berührt. Besonders anregend war die kritische Äußerung von Herrn Kollegen Exner in Frankfurt, da sie uns Gelegenheit gibt, etwas detaillierter auf das häufig bei Fazialisparese zu beobachtende Unterlidektropium einzugehen. Allerdings stellt dieser in etwa der Hälfte der Fälle zu beobachtende Befund keineswegs die Hauptproblematik dar, wie Herr Exner meint. Der Leidensdruck durch den fehlenden Oberlidschluß ist eindeutig größer als die Beschwerden durch das Unterlidektropium mit Eversio puncti lacrimalis. Auch die operative Beseitigung der Unterliderschlaffung stellt kein unlösbares Problem dar. Wie in unserem Artikel beschrieben, führten wir daher in 50 Prozent der Fälle eine gleichzeitige Ektropium-Operation durch. Das paralytische Ektropium kann nach unserer Erfahrung vielfach noch durch eine laterale pentagonale Tarsektomie beherrscht werden. Führt diese Form der Unterlidstraffung nicht zur kompletten Anlegung des Unterlids an den Bulbus mit Eintauchen des unteren Tränenpünktchens in den Tränensee, schließen wir nach einigen Wochen eine mediale Kanthoplastik, gegebenenfalls in Kombination mit einer lateralen Lidbändchenplastik, an (1). Im Gegensatz zu Herrn Exner halten wir die Dynamik des Unterlids für weniger bedeutend und begnügen uns mit der stabilen Fixation. Der 1937 von Gilles eingeführte und von Herrn Exner bevorzugte Temporalis-MuskelTransfer ist uns aus eigener Anwendung nicht bekannt. Muskelverlagerungen sollen zwar zu kosmetisch störenden Lidverdickungen und kausynchronen Lidbewegungen führen (2), haben aber sicher ihre Bedeutung im Rahmen der Reanimation einer paretischen Gesichtshälfte (5), die hier jedoch nicht zur Debatte steht. Eine geniale Idee zur operativen Lagophthalmusbehandlung stammt von Mühlbauer, der zwei gegenpolige PlatinKobalt-Magnete in das Ober- und Unterlid implantierte (6); der Nachteil liegt in der sehr hohen Abstoßungsrate, welche mit der exponentiell ansteigenden Magnetkraft beim Lidschluß und den scharfen Kanten der Magnetstäbchen zusammenhängen dürfte. Die Herstellung der Magnetstäbchen wurde deshalb eingestellt. Demgegenüber ist die Häufigkeit von Goldimplantat-Abstoßungen extrem gering. Jobe (3) fand in einer Sammelstatistik, die über 2 000 Fälle berücksichtigt, eine Infektionsinzidenz von 0,3 Prozent und eine Extrusionsinzidenz von 2,5 Prozent. Nach Verbesserung unserer operativen Technik mit großzügiger TaschenPräparation, Fixierung des Implantats mit nicht resorbierbarer Naht und sehr sorgfältigem schichtweisen Wundverschluß haben wir seit 1990 keine Abstoßungen mehr beobachtet und teilen damit auch die Erfahrungen von May (4), der bei 94 ausgewerteten Patienten keine Extrusion beobachtete. Wir bedauern, daß uns von Herrn Exner mit eigener Erfahrung an über 200 Lidloading-Operationen bisher keine Veröffentlichung zur Verfügung stand. Immerhin zeugt seine vielfache Anwendung doch von einer gewissen Akzeptanz der Methode, auch wenn nach seiner Erfahrung die septischen Komplikationen und Extrusionen ein erhebliches Problem darstellen.
Aus unserer Sicht ist Lidloading eine einfache und effiziente Methode zur dauerhaften Behandlung des Lago phthalmus, die mit bestem Gewissen empfohlen werden kann. Häufig ist außerdem eine individuell dosierte, gelegentlich in mehreren Stufen durchzuführende Unterlidektropium-Operation zur befriedigenden Rehabilitation des Lidapparates erforderlich. Aufwendigere Muskel- und Nerventransplantationen können damit bei reiner Lidproblematik umgangen werden.
Literatur
1. Collin JRO: Manual of Systematic Eyelid Surgery. London: Churchill Livingstone, 1989.
2. Conley J: The treatment of long standing facial palsy. A New Concept. Trans Am Acad Ophthal Otolaryng 1975; 78: 386-392.
3. Jobe R: The use of gold weights in the upper eyelid. Br J Plast Surg 1993; 46: 343-346.
4. May M: Gold weight and wire spring implants as alternatives to tarsorrhapie. Arch Otolaryngol Head Neck Surg 1987; 113: 656-600.


5. May M, Drucker C: Temporalis muscle transfer for facial reanimation. Arch Otolaryngol Head Neck Surg 1993; 119: 379-382.
6. Mühlbauer WD: Fünf Jahre Erfahrung mit Lidmagnetimplantation beim paretischen Lagophthalmus. Klin Mbl 1977; 169: 529-533.
Prof. Dr. med. Kei Müller-Jensen
Direktor der Augenklinik des
Städtischen Klinikums
Moltkestraße 90 · 76133 Karlsruhe

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