ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1997Rudolf Schlichters Werk: Blick in menschliche Abgründe

VARIA: Ausstellung

Rudolf Schlichters Werk: Blick in menschliche Abgründe

Händler, Ruth

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LNSLNS Mehr als 30 Gemälde und rund 150 Aquarelle, Gou-achen und Zeichnungen Rudolf Schlichters sind bis 23. November in der Tübinger Kunsthalle zu bewundern. Das als problematisch geltende Spätwerk ist in einer stark reduzierten Auswahl präsentiert. Dafür glänzen in den beiden Hauptsälen des Hauses die berühmten Porträts, unter anderem von Bert Brecht, Géza von Cziffra, Oskar Maria Graf und Fritz Sternberg. Mit Revolution, Straßenkampf und Wild-West nahm Rudolf Schlichter in seinen frühen Aquarellen und Zeichnungen Motive auf, die sich anbieten für die Darstellung blutspritzender Gemetzel, klaffender Wunden und Täter-OpferDramatik.
Eine Groß-Fotografie, die den 1890 in Calw geborenen Maler und seine Frau Elisabeth, genannt Speedy, um 1928 bei "Strangulationsexperimenten im Atelier" zeigt, erhellt in der Ausstellung den persönlichen Hintergrund, aus dem viele Werke entstanden sind. An seiner, wie er selbst meinte, "abwegigen Trieb- und Gefühlsrichtung" hat Schlichter, bekennender Knöpfstiefelfetischist mit leb-haftem Interesse an den sexuell stimulierenden Facetten von Gewaltszenen, die Kunstwelt offen teilhaben lassen. Seine besondere Neigung, die sich in Bildern von "sadistischen Szenen" und "Lustmord"-Tatorten niederschlägt, führte aber auch zu einem spürbaren Verständ-nis für die Abgrün- de und die Grenzen der Menschen. Vie- le seiner Blicke in die Kneipen, Cafés, Tanzbars, Salons und Etablissements der Hauptstadt Berlin, wo Schlichter seit 1919 lebte, sind dem Spektrum menschlicher Beziehungen gewidmet. In den dreißiger Jahren schrieb sich der doppelt begabte Künstler mit seinen autobiographischen Bänden "Das widerspensti-ge Fleisch" und "Tönerne Füße" auch in die Literaturgeschichte ein. Wegen die- ser schonungslosen Bekenntnisse wurde Schlichter aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen - noch bevor 1937 seine Arbeiten in der Münchener Ausstellung "Entartete Kunst" angeprangert wurden.
Zu dieser Zeit hatten Schlichter und seine Frau sich schon aus Berlin zurückgezogen. Politisch stand der ehemalige Mitbegründer der kommunistischen Künstlervereinigung "Rote Gruppe" inzwischen den Neuen Nationalisten und Ernst Jünger nahe; auch die Rückkehr zur katholischen Kirche war Teil der "geistigen Wandlung". Die Ausstellung ist bis 23. November in der Kunsthalle in Tübingen zu sehen.
Ruth Händler
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