ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1997Lungenkrebsrisiko höher als bisher angenommen: Europaweite Studie vorgestellt

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Lungenkrebsrisiko höher als bisher angenommen: Europaweite Studie vorgestellt

Mertens, Stephan

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Anläßlich einer multidisziplinären Krebskonferenz Anfang September in München, die im Rahmen des Biomed-Programms von der Europäischen Union (EU) unterstützt wurde, stellte Gordon Mc Vie von der Cancer Research Campaign in London in seinem Einführungsvortrag fest, daß es in der EU jedes Jahr etwa 500 000 Todesfälle im Bereich von kardiovaskulären Erkrankungen und Krebserkrankungen gibt, die auf Tabakkonsum zurückzuführen seien. Es sei unerträglich, daß die EU den Tabakanbau jährlich mit 1,1 Milliarden ECU subventioniere und im Vergleich dazu nur 40 Millionen ECU für medizinische Forschungsprojekte zur Verfügung stelle. Ein großer Nachholbedarf bestehe in der Evaluierung von Krebstherapien. Wie Mc Vie betonte, werden in Europa nur etwa ein Prozent der Patienten mit Lungenkrebs im Rahmen von klinischen Studien therapiert, obwohl wegen der noch mangelhaften Therapieerfolge großer Nachholbedarf bestehe. In einem Projekt des Biomed-Programms wurde das Lungenkrebsrisiko untersucht. Dieser Studie wurden 7 876 Fälle von Lungenkrebs bei Rauchern und 10 832 Fälle von Lungenkrebs bei Nichtrauchern zugrunde gelegt. Lorenzo Simonato vom Krebsregister in Padua erläuterte, daß Rauchgewohnheiten, berufliche Exposition und Belastung der Umwelt sowie des Wohnraums als Risikofaktoren untersucht wurden. Simonato hob hervor, daß in dieser Studie gegenüber vorhergehenden ein größeres Kollektiv untersucht wurde und es deshalb auch möglich sei, verschiedene Teilgruppen zu analysieren, da durch die Teilung des Kollektivs die Fallzahlen immer noch groß genug waren. Raucher wurden nach sehr engen Maßstäben definiert: Hierzu gehörten Personen, die mindestens ein Jahr lang mindestens eine Zigarette pro Tag geraucht hatten. In der Tabelle wurden nur Raucher berücksichtigt, die noch zum Zeitpunkt der Erkrankung rauchten. Die Daten zeigen, daß das Lungenkrebsrisiko in dieser Studie höher eingestuft wird als in vorhergehenden Publikationen. Männer haben ein wesentlich größeres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, als Frauen. Selbst nach zwei bis neun Jahren der Tabakabstinenz bestehe für Männer noch ein 19,68fach erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, gegenüber einem 7,43fachen Risiko für Frauen. Nach über 30 rauchfreien Jahren liege das Risiko für Männer immer noch zweifach über dem der Nichtraucher. Im Gegensatz hierzu hätten Frauen auch für die Jahre, nachdem sie das Rauchen aufgegeben hatten, ein geringeres Risiko. Ab dem zwanzigsten rauchfreien Jahr scheine kein größeres Risiko mehr vorzuliegen als bei Nichtrauchern. Einen dramatischen Anstieg in der Lungenkrebsinzidenz zeige eine Analyse der Konsumdauer und Menge. Hierfür wurde der Begriff "Packungsjahre" benutzt: Ein Packungsjahr definiere die Menge an Zigarettenpackungen, die pro Tag geraucht wurden, multipliziert mit der Anzahl der Jahre, in denen Zigaretten konsumiert wurden. So entspricht beispielsweise der tägliche Konsum von einer Packung Zigaretten über die Dauer eines Jahres einem Pakkungsjahr. Nach dieser Berechnung besteht für männliche Raucher ein relatives Risiko von 31,77 bei mehr als 40 Packungsjahren, wohingegen Frauen bei gleicher Exposition ein relatives Risiko von 13,48 haben. Entgegen der weitverbreiteten Meinung sei, so Simonato, auch der Rauch von Zigarren, Zigarillos und Pfeifen mit einem etwa achtfach erhöhten Risiko verbunden. Allerdings beziehen sich diese Daten nur auf Männer, da ein entsprechendes Frauenkollektiv fehle. Der einzige weitere relevante Risikofaktor bestehe in der beruflichen Exposition: Bei Männern betrage das Risiko 1,84 und bei Frauen 3,02. Somit seien 90 Prozent aller Lungenkrebserkrankungen bei Männern auf das Rauchen zurückzuführen im Gegensatz zu etwa 60 Prozent bei Frauen. Simonatos Fazit: "Kein Programm zur Bekämpfung des Lungenkrebses wird Wirkung zeigen, wenn der Tabakkonsum nicht reduziert wird."
Dr. Stephan Mertens

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote