ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1996Wachkoma: Dem Tod zuvorkommen?
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LNSLNS Nach Lektüre des Tagungsberichts ergeben sich folgende Kristallisationspunkte zur Behandlung und Versorgung von Patienten mit PVS:
l Die Behandlung und Versorgung der Patienten mit PVS scheint eher Fragestellungen zur Unterlassung der Behandlung und Versorgung zu evozieren.
l Die Thematisierung des Leidens kulminiert in der Feststellung, daß dieses eine über das Individuum hinausgehende Bedeutung habe, da es "Last für die Familie" sei. "Last" für die Familie, "Last" für die soziale Verträglichkeit innerhalb der Solidargemeinschaft der Patienten? Die Frage des Leidens eine Frage der Zumutbarkeit.
l Zumindest für die englische Rechtsprechung gelte, daß die Unantastbarkeit des Lebens allmählich abgelöst wird vom Kriterium der Lebensqualität. Honi soit qui mal y pense oder ein Schuft, wer da Lebensqualität mit Lebenswert verwechselt!
l Schließlich: Darf medizinische Ethik verstanden werden als Auftrag zu verbindlichen, standardisierten Grenzziehungen? So vermessen wage ich nicht zu sein, mich zu der Behauptung zu versteigen, unter dieser Voraussetzung habe die Medizin bereits Gralshüter der Ethik hervorgebracht, die sehr genau und eindeutig Grenzen durch Negationen offenlegten.
Wenn Ärzte sich beinahe mehr Gedanken über Unterlassungen – und wie diese rechtlich zu regeln seien – statt Behandlung machen, dann mag wohl die Medizin in einer ernsten Krise stecken. Möglicherweise basiert der ethisch verbrämte Fortschrittsglaube über Grenzziehungen des Lebens auf Allmachtsvorstellungen und Ungeduld, wenn schon keine Heilung, dann wenigstens dem Tod zuvorkommen. Denn so simpel ist es. Der Tod ist machbar – juristisch legitimiert oder nicht –, er ist irreversibel und endgültig. Leben läßt sich nicht wiederherstellen.
Dr. Kirsti Brachtel, Weingartenstraße 17, 35579 Wetzlar-Steindorf
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