ArchivDeutsches Ärzteblatt45/1997Schäuble: Ein Tabu wird gebrochen Politiker und Medien thematisieren offen die Behinderung

POLITIK: Leitartikel

Schäuble: Ein Tabu wird gebrochen Politiker und Medien thematisieren offen die Behinderung

Reisdorf, Kerstin

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LNSLNS Die Tatsache, daß Wolfgang Schäuble seit einem Attentat 1990 im Rollstuhl sitzt, wurde bislang kaum thematisiert. Seit Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) Schäuble als seinen Nachfolger ins Spiel gebracht hat, bröckelt dieses Tabu jedoch.


So waren aus der CSU deutliche Zweifel daran zu hören, daß ein Mann im Rollstuhl Kanzler sein könne. In München hieß es, zwar sei nicht die "Behinderung an sich" das Problem, sondern ihre praktischen Auswirkungen. Dabei beruft sich die CSU wohlweislich auf CDU-Politiker. Diese ließen immer wieder durchblicken, daß Schäuble durch die Querschnittlähmung gesundheitlich anfälliger sei als andere. Sein Immunsystem sei geschwächt, so daß er relativ häufig unter Fieber und Erkältungskrankheiten leide. Dies belaste ihn zum Beispiel bei Reisen über mehrere Zeitzonen.


Tabu-Bruch in Bayern
Der Tabubruch der bayerischen Unionspartei veranlaßte die Münchener "Abendzeitung" zu der zweideutig sarkastischen Schlagzeile: "Schäuble als Kanzler? CSU fühlt sich überrollt." Ursprünglich hatte das Blatt nach Angaben aus CSU-Kreisen sogar den Aufmacher im Sinn: "CSU will keinen Krüppel als Kanzler." Die für Offenheit bekannte Berliner "tageszeitung" entschied sich für eine ähnliche Aussage - nur ohne das Reizwort "Krüppel" - und titelte: "CSU will keinen Kanzler im Rollstuhl." Die Behauptung, ein Mann im Rollstuhl könne nicht Regierungschef werden, war vor einiger Zeit schon einmal Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber nachgesagt worden, der selbst Ambitionen auf das Kanzleramt hegt. Der CSU-Vize hatte den Satz jedoch vehement bestritten.
Schäuble hatte Anfang des Jahres in einem "Stern"-Interview seine Behinderung selbst problematisiert - und dabei selbst gefragt: "Ein Krüppel als Kanzler? Ja, die Frage muß man stellen." Nach Ansicht des Ethnologen Wolfgang Kaschuba von der Humboldt-Universität in Berlin entsprang dies der taktischen Einschätzung, Schäuble könne in der Offensive eher gewinnen; denn bei seiner möglichen Kanzlerkandidatur wäre das Thema ohnehin nicht zu vermeiden. Schäuble habe mit seiner Behinderung zwei Handicaps zu überwinden. Zum einen verlange die politische Kultur effiziente, belastbare und leistungsfähige Menschen, und zweitens gehöre es zum Männlichkeitsbild, daß Männer weniger hilfsbedürftig sein dürften.


Positive Wirkung für Behinderte
Für Kaschuba steht aber auch fest, daß prominente Fälle auch zur Enttabuierung von Themen beitragen könnten, wie das Beispiel AIDS gezeigt habe. Auch der Psychologe Bernd Gasch von der Universität Dortmund glaubt, daß Schäuble als Kanzler mit seiner ständigen Medienpräsenz eine positive Wirkung für Behinderte haben könnte, da seine Behinderung schlichtweg stärker wahrgenommen würde: "Auf den Gruppenbildern nach Gipfeltreffen würde dann nicht mehr Kohl mit seiner Größe auffallen, sondern Schäuble, der als einziger nicht steht."
Solche positiven Auswirkungen erwartet Andreas Jürgens vom Behindertenverband "Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland" (ISL) in Kassel allerdings eher nicht. "Schließlich ändert die Tatsache, daß Schäuble im Rollstuhl sitzt, nichts daran, daß die Bundesregierung eine krude, behindertenfeindliche Politik macht." Jürgens fällt es schwer zu sagen, ob der CDU-Politiker, wenn er sich zur Wahl stellte, trotz oder wegen seiner Behinderung gewählt würde. Vielleicht würde Schäuble von einem Mitleidseffekt profitieren. Es könnte aber auch sein, daß sich viele Wähler von unbewußten Ressentiments gegen Behinderte leiten ließen.
Kerstin Reisdorf/afp

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