ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2011Körperbilder: Egon Schiele (1890–1918) – Ausgemergelt und gequält

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Egon Schiele (1890–1918) – Ausgemergelt und gequält

Dtsch Arztebl 2011; 108(14): [88]

Schuchart, Sabine

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Egon Schiele: „Selbstporträt“, 1911, Gouache, Aquarell und Bleistift, weiß gehöht auf Papier, 51,4 × 34,9 cm: Mit wildem Blick und weit aufgerissenem Mund, den nackten, knochigen Körper auf Überlänge gestreckt und von einer weißen Aura umgeben, bildete sich der junge österreichische Künstler 1911 ab. Schiele vermittelt einen Eindruck innerer Anspannung. Die Augen blicken ängstlich und drohend zugleich. Den rechten Arm hat er ungelenk abgespreizt, als wolle er etwas abwehren. Die fehlende Hand zwingt den Betrachter, die nicht gezeichneten Linien mit den Augen weiter zu verfolgen. Die Farbigkeit der Aquarellzeichnung beschränkt sich auf Beige- und Brauntöne, abgesehen von Mund, Augen und erotischen Zonen, die rötlich markiert sind. © The Metropolitan Museum of Art, New York
Egon Schiele: „Selbstporträt“, 1911, Gouache, Aquarell und Bleistift, weiß gehöht auf Papier, 51,4 × 34,9 cm: Mit wildem Blick und weit aufgerissenem Mund, den nackten, knochigen Körper auf Überlänge gestreckt und von einer weißen Aura umgeben, bildete sich der junge österreichische Künstler 1911 ab. Schiele vermittelt einen Eindruck innerer Anspannung. Die Augen blicken ängstlich und drohend zugleich. Den rechten Arm hat er ungelenk abgespreizt, als wolle er etwas abwehren. Die fehlende Hand zwingt den Betrachter, die nicht gezeichneten Linien mit den Augen weiter zu verfolgen. Die Farbigkeit der Aquarellzeichnung beschränkt sich auf Beige- und Brauntöne, abgesehen von Mund, Augen und erotischen Zonen, die rötlich markiert sind. © The Metropolitan Museum of Art, New York

Leiden und Lust verbinden sich in seiner eckigen, mageren Gestalt mit den knotigen Muskeln und betonten Geschlechtsmerkmalen. Gnadenlos hässlich stellte sich Egon Schiele dar, einsam und ausgebrannt. Sein starrer, intensiver Blick verstört den Betrachter. Mit seinem Selbstporträt verstieß er gegen alle Vorstellungen, die man zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem kunstwürdigen Körper hatte. Gerade einmal 21 Jahre war er alt, als er den Akt von sich anfertigte. Er gehört zu seinen bahnbrechenden expressionistischen Selbstbildnissen der Periode 1910/1911, in denen er die diversen, vor allem dunklen Seiten seiner Persönlichkeit auf Papier und Leinwand festhielt.

Schiele schuf in seiner kurzen Karriere mehr als 100 Porträts von sich, so viele wie kaum ein anderer Künstler. Sebstverständlich war es praktisch und ökonomisch, selbst als Modell für die eigenen Bilder zu posieren, aber sein exzessiver Hang zur Selbstdarstellung speiste sich vor allem aus dem Bedürfnis, seine Identität zu erkunden und in wechselnden Rollen immer wieder neu zu inszenieren: Er gab sich verzweifelt oder aggressiv, kraftlos oder mit erigiertem Glied, spielte den Mönch oder tragischen Clown, den Dandy oder Irren. Die neuere Schiele-Forschung betont dieses theatralische Posieren hinter diversen Grimassen als Motor seines Schaffens. Dabei gelang es ihm, mit wenigen sicher hingeworfenen Linien ein Maximum an Ausdruck und Räumlichkeit zu erzeugen. Schraffierungen, um etwa Muskeln oder Knochen zu betonen, benötigte er nicht. Die Radikalität von Körperhaltung und Mimik vor leerem Hintergrund – Hinweis auf seine existenzielle Isolation – war kraftvoll genug.

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Radikal war auch seine Einstellung zu Nacktheit und Sexualität: Schiele war davon besessen. Doch seine Selbstbildnisse und Porträts, die derzeit im Wiener Barockschloss Belvedere zu sehen sind, führen vor Augen, dass seine öffentliche Wahrnehmung als narzisstischer Erotomane zu kurz greift. Zumindest seine Alter Ego sehen eher gequält als lüstern aus, sind mehr von der Pathologie als der Pornografie inspiriert und entblößen – wohlkalkuliert – Schieles seelische Befindlichkeiten.

Seinen künstlerischen Durchbruch – eine große Ausstellung im März 1918 in Wien – erlebte er noch. Doch schon im selben Herbst starb er, drei Tage nach seiner hochschwangeren Frau, an den Folgen der in Europa grassierenden Spanischen Grippe. Sabine Schuchart

LITERATUR

Agnes Husslein-Arco/Jane Kallir: „Egon Schiele. Selbstporträts und Porträts“, Katalog, geb. Ausgabe, 264 Seiten, Prestel, 2011, 49,95 Euro.


AUSSTELLUNG

„Egon Schiele. Selbstporträts und Porträts“

Unteres Belvedere, Orangerie, Rennweg 6, A-1030 Wien

tgl. 10–18, Mi. 10–21 Uhr, bis 13. Juni 2011

www.belvedere.at

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