ArchivDeutsches Ärzteblatt45/19971947/1997 – Bundes­ärzte­kammer im Wandel (XVIII): „Welten trennen uns vom real existierenden Sozialismus“ Vom sozialistischen Gesundheitswesen zur Selbstverwaltung

THEMEN DER ZEIT: 50 Jahre Bundes­ärzte­kammer

1947/1997 – Bundes­ärzte­kammer im Wandel (XVIII): „Welten trennen uns vom real existierenden Sozialismus“ Vom sozialistischen Gesundheitswesen zur Selbstverwaltung

Brandstädter, Walter

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LNSLNS Der 3. Oktober 1990 markiert das Ende des zum Scheitern verurteilten real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden. Es bedeutete aber zugleich auch das Ende des mit diesem System fest verbundenen sozialistischen Gesundheitswesens. Ausgehend von der ungeteilten Entwicklung der deutschen Ärzteschaft bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, möchte ich einige Besonderheiten darstellen, die die ärztliche Tätigkeit in diesem Teil Deutschlands in immerhin 45 Jahren bis zur Wende charakterisieren.
Noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurden von den im Moskauer Exil lebenden Kommunisten, federführend Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht, sowie vom Nationalkomitee "Freies Deutschland" (NKFD) erste Konzeptionen, auch für den Aufbau des Gesundheitswesens nach dem Kriegsende, erarbeitet.
Die Ziele entsprachen den Forderungen der KPD aus den zwanziger Jahren und waren weit gespannt von der einheitlichen Sozialversicherung, dem besonderen Schutz für Schwangere, Bekämpfung von Seuchen, Förderung von Körperkultur und Sport bis zum Recht auf freie Arztwahl. Die in der Zwischenzeit nach Deutschland zurückgekehrte KPD-Führung nutzte rigoros und doppelzüngig den Schutz der sowjetischen Truppen zur Durchsetzung ihres Zieles, den Aufbau der sozialistischen Gesellschaftsordnung. So entstand bereits im August 1945 auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) die deutsche Zentralverwaltung für das Gesundheitswesen.
Mit zwei Sätzen aus einer 1985 in der DDR erschienenen Monografie "Im Dienst am Menschen" wird die Situation unmißverständlich: "Die antifaschistisch-demokratischen Selbstverwaltungsorgane fanden immer und überall die wirkungsvolle Unterstützung der SMAD. Wie für die anderen gesellschaftlichen Bereiche auch, gab die SMAD zur normalen Regelung der Arbeit im Gesundheitswesen Befehle heraus."
Diese zentralistische und administrativ gegründete Leitungsstruktur des Gesundheitswesens, fernab wirklich demokratischer Regularien, blieb in unterschiedlichen Ausprägungen bestimmend bis zum Ende des sozialistischen Gesundheitswesens. Auch beim Aufbau des Gesundheitswesens in der DDR folgte man der Losung "Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen".
Die eindeutige politische Zielsetzung, auch das Gesundheitswesen nach dem Vorbild der Sowjetunion zu gestalten, stand im krassen Widerspruch zur traditionellen ärztlichen Berufsausübung und den Organisationsstrukturen der Ärzte in Deutschland.


Demokratischer Anstrich, sowjetisches Vorbild
Zunächst war offensichtlich an radikale Veränderungen gedacht worden, wie Carl Coutelle, Kaderleiter in der Zentralverwaltung für das Gesundheitswesen und später Ordinarius für Pathologie in Halle, in seinen Erinnerungen 1985 schreibt: "Bei dem erheblichen Ärztemangel verbot sich - mit Ausnahme der vom faschistischen Staat berufenen Amtsärzte - eine ähnliche radikale Maßnahme wie bei Juristen und Lehrern, zumal rasche Übergangslösungen nach Art der Ausbildung von Neulehrern und Volksrichtern nicht möglich waren."
Der erforderliche Druck zur Umgestaltung durfte nie so groß sein, daß er die Gesundheitsversorgung ernstlich gefährdete.
Da das Gesundheitswesen nur als Teil des sozialistischen Systems zu betrachten ist, konnte auch hier nur in "dialektischem Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge" die Diktatur des Proletariats regierendes Prinzip sein. So entsprach es folgerichtig dieser Logik, daß Strukturen demokratischer Selbstverwaltung, wie Ärztekammern und andere ärztliche Organisationen, verboten wurden mit der Begründung einer nationalsozialistischen Durchdringung dieser Organisationen. Ärzte sollten keine eigenen Standesorganisationen gründen, sondern Mitglied des zwischenzeitlich gebildeten Freien deutschen Gewerkschaftsbundes als ihrer Interessenvertretung werden.
Im Jahr 1955 stellte man im Bezirk Magdeburg fest, daß über 90 Prozent der niedergelassenen Ärzte gewerkschaftlich organisiert waren. Die Widersprüchlichkeit wird deutlich, wenn man sich vorstellt, daß heute über 90 Prozent der niedergelassenen Ärzte Mitglieder des Marburger Bundes wären, wobei schon der Vergleich von Marburger Bund und Freiem Deutschen Gewerkschaftsbund als staatsgebundenem Instrument im Selbstverständnis der Interessenvertretungen unzulässig ist. Gegen den Willen weiter Teile der Ärzteschaft erließ die Sowjetische Militäradministration 1947 Befehle über die Schaffung einer einheitlichen Sozialversicherung, über den Auf- und Ausbau des Betriebsgesundheitswesens und über die Errichtung von Polikliniken. Damit war unter anderem das Ende niedergelassener ärztlicher Tätigkeit besiegelt.
Einen demokratischen Anstrich sollten diese Befehle dadurch erhalten, daß sie den Wünschen unter anderem der Blockparteien und des sogenannten Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Bevölkerung nach guter medizinischer Versorgung entsprachen.
Die Struktur des sozialistischen Gesundheitswesens nach sowjetischem Vorbild war 1952 vollendet. An der Spitze der hierarchischen Ordnung stand das Ministerium für Gesundheitswesen, gefolgt von 15 Bezirksärzten in den jeweiligen Bezirken und je einem Kreisarzt in den neugebildeten Kreisen nach Auflösung der Länder 1952.
Die Kreisärzte ersetzten die Amtsärzte alter Prägung. Die Kreisärzte hatten als gewählte Mitglieder des Rates des Kreises eine wesentliche Vermittlungsfunktion zwischen den Einrichtungen des Gesundheitswesens und der politischen Führung auf der Ebene des Kreises. Diese straffe Struktur hat es aber sicher auch ermöglicht, in schwierigen Zeiten der Versorgung bei materiellen Engpässen handlungsfähig zu bleiben.
Für den Arzt lag die Betonung seiner Tätigkeit in der Vorbeugung, der Einheit von Prophylaxe, Diagnose, Therapie und Nachsorge, der Verstaatlichung, der Einheitlichkeit, der Planmäßigkeit, der Kostenfreiheit und allgemeinen Zugänglichkeit der medizinischen Versorgung. Dieses waren bereits 1968 verfassungsgemäße Grundsätze.
So gehörte das Gesundheitswesen sicher zu einem Teilbereich, der relativ gut funktionierte. Besondere Leistungen und Erfolge im Gesundheitswesen wurden stets von der Partei aufgegriffen und propagandistisch als typisch für den Sozialismus dargestellt. Mit den Leistungen des Gesundheits- und Sozialwesens sollte für jeden Bürger der Sozialismus begreifbar werden.


Schizophrenie ärztlicher Tätigkeit
Hierin wird aber auch die Schizophrenie ärztlicher Tätigkeit in der DDR deutlich. Das ärztliche Ethos und die Aufopferung für den Patienten haben zu einem hohen Ansehen des Arztes in der DDR geführt. Er hat damit wesentlich dazu beigetragen, das Sozialismusbild des Bürgers zu beeinflussen. Die Vergangenheitsbewältigung ist bei uns sicher so weit fortgeschritten, daß man aus diesem Tatbestand heute keinem Arzt mehr einen Vorwurf machen würde - weder direkt noch indirekt.
Durch seine Leistungen und das Vertrauensverhältnis zu den Patienten hatte der Arzt eine gesellschaftliche Stellung, die aus der Sicht der Herrschenden stets argwöhnisch betrachtet wurde. Einerseits versuchte man, sein Sozialimage abzubauen, ihn zu einem Bürger "wie jeder andere" zu erklären, andererseits benutzte man seine Leistung, um dem Sozialismus ein menschliches Gesicht zu geben. Dieser Widerstreit der Gefühle und Interessen führte auch zu den Methoden staatlichen Umgangs mit den Ärzten, die man kurz mit "Zuckerbrot und Peitsche" charakterisieren kann. Natürlich versuchte man stets, apostrophierte Grundzüge des Sozialismus in die ärztliche Tätigkeit einzubringen. So konnte man 1984 in der Zeitschrift "humanitas" folgendes lesen: "Die sozialistische Entwicklung befreite die Ärzte sowohl aus ihrer Stellung als Entrechtete und Mißbrauchte des Kapitals als auch aus einer dem Volk entfremdeten Sonderstellung, aus Kastengeist und Elitedenken. Entscheidend war und ist, daß der Arzt im Sozialismus, frei von kommerziellen Belastungen und Interessen, frei vom Einfluß pharmazeutischer und medizintechnischer Konzerne, unabhängig von Versicherungsträgern und Standesorganisationen, seiner Aufgabe, den Menschen zu dienen, nachgehen kann." Jahrzehnte wurden diese Thesen den Ärzten in der DDR nahegebracht.
In Wahrheit wurde das Verhalten des Arztes daran gemessen, ob es dem Sozialismus dient. Auch der Arzt wurde bewußt in das Experiment "Sozialismus" eingebunden, um seine Interessenidentität mit der sozialistischen Gesellschaft zu finden. Hierin lag wohl auch der Grundfehler im Denkansatz. Es konnte nicht gelingen, die Identität der Interessen von Individuum und real existierender sozialistischer Gesellschaft herzustellen.
Die besondere Rolle der Ärzteschaft und des Gesundheitswesens in der DDR wurde mit distanzierter Skepsis betrachtet und damit zu einem besonderen Betätigungsfeld der Staatssicherheit. Will man als Zeitzeuge ein Fazit ziehen, wie nach länger als 40 Jahren sozialistischer Entwicklung der Arzt aussah, der mit der gesellschaftlichen Wende auch die Umgestaltung im Gesundheitswesen der ehemaligen DDR vollzogen hat, so kann ich mich durchaus auf die wissenschaftlichen Ergebnisse von Klaus-Dieter Müller beziehen: "Einen einheitlichen DDRArzt hat es nicht gegeben."


Unüberbrückbare Differenzen von Anspruch und Realität
Privilegienabbau und Akademikerfeindlichkeit der SED begründeten bei einem Teil der Ärzte die Unzufriedenheit. Von der Mehrheit jedoch wurde der Sozialismus und das sozialistische Gesundheitswesen in seinem Kern nicht akzeptiert, weil die Differenz von Anspruch und Realität zunehmend unüberbrückbar erschien.
Das Bewußtsein der Ärzte, nicht Kleinunternehmer in der DDR gewesen zu sein, in der die Gesundheit keine Ware war, war ausgeprägt vorhanden. Das Bild des Arztes als Unternehmer war bei vielen Ärzten negativ besetzt. Interessant wären heute Untersuchungen, wie weit sich dieses Bild gewandelt hat. Häufig positive Erwähnung fand bei Ärzten die größere soziale Gleichheit in der DDR.
Erwartungsgemäß bestätigt Müller mit seinen Untersuchungen, daß die Beurteilung des Gesundheitswesens in der DDR durch Ärzte, die in den Westen abgewandert sind, eine andere ist als die der Ärzte, die in der DDR geblieben sind.
Die Defizite in der DDR wurden im Jahr 1989 auch im Gesundheitswesen deutlich zunehmend spürbar. Zusätzliche Versorgungslücken entstanden durch die Flucht des Personals über Ungarn seit Mitte 1989. Die Öffnung der Mauer am 9. November 1989 führte zur unmittelbaren Kontaktaufnahme der Ärzte mit westdeutschen Kollegen und Ärztekammern. Interessant war dabei die Beobachtung, daß Vergangenheitsbewältigung, wie wir sie betreiben wollten, in der Euphorie der Wiedervereinigung bei unseren westdeutschen Kollegen bisweilen kaum eine Rolle zu spielen schien. Jeder wurde freundlich aufgenommen und beraten. Fast hätte jeder wieder alles machen können, wenn nicht die Wissenden und Betroffenen deutlich reagiert hätten.
Der Präsident der Ärztekammer Thüringens, Eggert Beleites, hat unsere Haltung zur Vergangenheitsbewältigung 1990 so beschrieben: "Wir wollen uns dabei so würdig wie möglich verhalten, an die gewaltlosen Kerzendemonstrationen denkend, Entschlossenheit zeigen, uns aber nicht von Haß und Vergeltung dirigieren lassen."
So hatten sich bereits im 1. Halbjahr 1990 noch vor dem Erscheinen des offiziellen Kammergesetzes der DDR vom 13. Juli 1990 in allen neuen Ländern Ärztekammern etabliert. Teile der Ärzteschaft waren frühzeitig, auch durch beratende und in vielfältiger Weise unterstützende Aktivitäten von Einzelpersonen, Verbänden, Ärztekammern usw. aus den alten Ländern zur Umgestaltung der Verwaltungs- und Leitungsstrukturen im Gesundheitswesen nach dem Vorbild der Bundesrepublik motiviert worden.
Seit Dezember 1990 amtieren alle Präsidenten der neuen Länder auch als Mitglieder des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer einschließlich eines Vizepräsidenten seit 1995. Zum 94. Deutschen Ärztetag 1991 in Hamburg konnten bereits alle neuen Länder mit 38 der insgesamt 250 Delegierten vertreten sein.
In kurzer Zeit wurden die notwendigen Strukturen und die landesrechtlichen Voraussetzungen für die Ärztekammern so geschaffen, daß das geforderte Arbeitspensum bereits drei bis vier Jahre nach der Wende in zumindest vergleichbarer Weise mit den Kammern der alten Länder bewältigt werden konnte, von der Weiter- und Fortbildung, der Schlichtungsarbeit, der Ausbildung von Arzthelferinnen, dem eigenen Mitteilungsblatt über die Qualitätssicherung bis zum Versorgungswerk, um wesentliche Schwerpunkte zu nennen.
Dabei gab es natürlich auch Widerstände einzelner Ärzte, die im wesenlichen zwei Argumentationslinien folgten:
1. Selbst zur Mitgliedschaft in der SED wurden wir nicht gezwungen - jetzt "Zwangsmitgliedschaft" in freier Gesellschaft.
2. Warum müssen wir Beiträge entrichten für Leistungen, die wir nicht in Anspruch nehmen?
Heute wissen wir, daß diese Diskussionen nicht typisch für Ärzte der neuen Länder sind, sondern durchaus auch mit hohem Fachwissen gekoppelt bei Neubesetzungen "importiert" werden, wobei hier nur der Vergleich mit der SED fehlt.
Als äußerer Eindruck für die Ernsthaftigkeit und den Erfolg dieser Kammerarbeit können auch die neugeschaffenen Gebäude unserer Kammern - in Sachsen-Anhalt gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung - ebenso dienen wie die hervorragend gestalteten Deutschen Ärztetage 1993 in Dresden und 1997 in Eisenach.
Dieses alles war natürlich eingebettet in den Strukturwandel der Versorgung der Bevölkerung. Bei allen auch verständlichen kritischen Diskussionen, Unsicherheiten und Ängsten zur Gesundheitsreform müssen wir unserer Bevölkerung, aber auch unseren Ärzten, immer wieder in Erinnerung bringen, daß uns nach sieben Jahren Welten in der medizinischen Versorgung vom real existierenden Sozialismus trennen.


Die Umgestaltung ist gelungen
Die Umgestaltung der ambulanten Versorgung ist gelungen, Krankenhäuser haben einen hohen Ausrüstungsstandard erreicht. Unterentwickelte Fachgebiete wie Herz- und Neurochirurgie sind hoch leistungsfähig, Sonografie und Computertomografie sind Allgemeingut. Die Arzneimittelversorgung ist hervorragend. Die Aufzählung könnte beliebig fortgesetzt werden. Insgesamt ist der Patient der Gewinner dieser Entwicklung.
Natürlich ist die Frage zulässig, ob Polikliniken oder bewährte DispensaireBetreuungen ersatzlos verschwinden mußten. Egal, wie man die Frage beantwortet, entscheidend ist, daß heute sachgerechte und frei von ideologischer Befangenheit notwendige Entscheidungen - ich denke zum Beispiel an vernetzte Praxen und Spezialsprechstunden - getroffen werden. Unsere Patienten müssen nach dem enormen Anstieg des Leistungsvermögens im Gesundheitswesen den Lernprozeß besonders schmerzlich empfinden, daß nicht mehr alles medizinisch-technisch Mögliche durch die Solidargemeinschaft finanzierbar ist.
Wir Ärzte haben dabei heute die besondere Verpflichtung, darum zu kämpfen, daß uns in der rasanten Entwicklung das Adjektiv "sozial" im sozial-marktwirtschaftlichen Gefüge, speziell in den neuen Ländern, nicht verlorengeht.


Ein ungeheures Arbeitspensum
Dieser aktuelle Umgestaltungsprozeß mit dem Aufbau der Ärztekammern ist nur durch eine verschworene Gründergeneration möglich gewesen. Ein ungeheures Arbeitspensum war zu bewältigen. Neue Probleme mußten gelöst werden. Aus heutiger Sicht ist für die Gesamtentwicklung als förderlich anzusehen, daß wir noch keine gesetzlichen Regelungen und Richtlinien, Leitlinien und ähnliche Vorschriften hatten. Wir wären sonst möglicherweise immer noch nicht fertig. Dank gilt den Kolleginnen und Kollegen, den Institutionen, die uns mit Rat und Tat aus den alten Ländern unterstützt haben.
Der zeitliche Ablauf der Umgestaltung des Gesundheitswesens stand zwangsläufig im Kontext mit der politischen Entwicklung insgesamt. Wesentliche Voraussetzungen für unser Gelingen der sehr schnellen Veränderung der Strukturen im Gesundheitswesen waren sicher die nach internationalen Maßstäben ausgerichtete Ausbildung der Ärzte, ihre qualifizierte Weiterbildung und die Berufsausübung - weitgehend geprägt durch die Tradition deutscher Medizin und nicht unbeeinflußt von Fachpresse, Funk und Fernsehen der Bundesrepublik sowie noch bestehender Ost-West-Verbindungen.
Vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, daß sich im Schoße einer morbiden, sterbenden Gesellschaftsordnung das Potential an Ärzten entwickeln konnte, das so kurzfristig die Umgestaltung des Gesundheitswesens erfolgreich vollendet hat.
In letzter Zeit gibt es zunehmend Stimmen, die da feststellen, daß der Umstieg auf ein anderes, vorwieggend materiell orientiertes Wertemodell der Gesellschaft nur wenigen Ostdeutschen wirklich gelungen ist. Bei der Mehrheit der Ärzte habe ich diesen Eindruck allerdings nicht.
Offen bleibt natürlich die Frage nach der individuellen Identitätsfindung des Arztes in der sozialmarktwirtschaftlichen Ordnung vor dem Hintergrund der über vierzigjährigen Entwicklung in der DDR. Schlechter gestellt waren sicher die Ärzte, die zum Zeitpunkt der Wende arbeitsunfähig oder bereits im Rentenalter waren, bzw. diejenigen, die auf Grund ihres Alters keine grundsätzliche Umstellung ihrer Berufstätigkeit mehr wagen konnten. Sie alle dürfen wir aus unserer Solidarität nicht ausklammern.
Zu dieser Solidarität gehört allerdings auch das Prinzip der gleichen Bezahlung bei gleicher Leistung in Ost und West. Wir klagen über Mangel, Mangelverwaltung und Rationierung bei Zuständen, die andere - und nicht nur in der sogenannten dritten Welt - auch heute noch als erstrebenswertes Ziel ansehen.
Ich denke, daß es gilt, mit den Erfahrungen des sozialistischen Gesundheitswesens und den Kenntnissen über die Leistungsfähigkeit unter marktwirtschaftlichen Bedingungen in Europa, und hier besonders in den osteuropäischen Ländern, beratend zu wirken. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zwingen uns zu effektiver Arbeit. Wer Mangelverwaltung und wirtschaftliche Vernunft im Gesundheitswesen kennengelernt hat, weiß, daß ganze Welten beide Begriffe trennen.


Erhöhung der Effektivität
Zur Schadensbegrenzung oder Erhöhung der Effektivität müssen zeitgemäße Werkzeuge ohne Verzug eingesetzt werden. Lassen Sie mich einige Beispiele nennen:
1. Die Zahl der Medizinstudenten muß angemessen herabgesetzt werden, um die Leistungsfähigkeit der Ärzteschaft als Ganzes zu erhalten. Ein Heer arbeitsloser Ärzte ist durch Manipulationen der Entgelte oder einfache Ausbeutung der Arbeitskraft kein Faktor der Kostensenkung im Gesundheitswesen, sondern eine Gefahr für qualitätsgesicherte Versorgung.
2. Wir werden uns von dem Grundsatz, daß Weiterbildung ein "Abfallprodukt ärztlicher Tätigkeit" ist, verabschieden müssen. Weiterbildungsstellen sind als Rotationsstellen einzurichten, wenn wir die ambulante und stationäre allgemein- und fachärztliche Versorgung wie bisher gewährleisten wollen.
3. Die zeitliche Befristung für erteilte Qualifikationen muß erreicht werden. Fortbildung ist zu einem wesentlichen Pfeiler der Qualitätssicherung auszubauen.
4. Ein entscheidender Mangel in der Gestaltung der ärztlichen Tätigkeit ist die Trennung der Ärzteschaft in angestellte und niedergelassene Ärzte. Die Bewertung der ärztlichen Tätigkeit muß mit gleichen Maßstäben leistungsbezogen im Krankenhaus und im ambulanten Bereich erfolgen. Materiell induzierte Gruppeninteressen müssen durch geeignete Maßnahmen zum Wohle aller ausgeschaltet werden. Im Vordergrund ärztlicher Tätigkeit muß die Versorgung der Patienten stehen.
Diese genannten Punkte sind natürlich schon lange bekannt, angesprochen worden, und es gibt eine Vielzahl von Vorschlägen zu ihrer Änderung. Wer die Auswirkungen eines staatlich dirigistischen Gesundheitswesens kennengelernt hat, weiß, wovon er spricht. Wir möchten dieses in keiner noch so moderaten Form wieder erleben und nachdrücklich zur prophylaktischen Anwendung unserer Werkzeuge in einer Phase der "Vorfahrt für die Selbstverwaltung" aufrufen, bevor es zu spät ist.
Meiner Analyse und den Vorstellungen zur weiteren Entwicklung entspricht es, daß die neuen Länder nach dem Aufbau ihrer Strukturen der ärztlichen Selbstverwaltung in einem hohen Maße jetzt ihre Kraft einsetzen, notwendige Reformen durchzuführen und zu vollenden. Wir wollen damit unseren Beitrag dazu leisten, daß wir dieses System der ärztlichen Selbstverwaltung weiterhin erhalten.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-2975-2980
[Heft 45]


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Walter Brandstädter
Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer
und des Deutschen Ärztetages
Doctor-Eisenbarth-Ring 2
39120 Magdeburg


Bisher sind in dieser Serie erschienen:


Thomas Gerst: Föderal oder zentral? - Der kurze Traum von einer bundeseinheitlichen ärztlichen Selbstverwaltung (Heft 38/1996)


Gerhard Vogt: Arzt im Krankenhaus (Heft 45/1996)


Hedda Heuser-Schreiber: Ärztinnen in Deutschland - Fakten, Beobachtungen, Perspektiven (Heft 1-2/1997)


J. F. Volrad Deneke: Körperschaften und Verbände - streitbare Verwandte (Heft 4/1997)


Klaus-Ditmar Bachmann, Brigitte Heerklotz: Der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer (Heft 10/1997)


Marilene Schleicher: Die ärztliche Ausbildung in der Bundesrepublik Deutschland (Heft 14/1997)


Jürgen W. Bösche: Die Reichsärztekammer im Lichte von Gesetzgebung und Rechtsprechung der Bundesrepublik Deutschland (Heft 21/1997)


Horst Dieter Schirmer: Ärzte und Sozialversicherung (I) - Der Weg zum Kassenarztrecht (Heft 26/1997)
Horst Dieter Schirmer: Ärzte und Sozialversicherung (II) - Der Weg zum Kassenarztrecht (Heft 27/1997)
Franz Carl Loch, P. Erwin Odenbach: Fortbildung in Freiheit - Gestern und heute: Eine Hauptaufgabe der ärztlichen Selbstverwaltung (Heft 33/1997)


Franz Carl Loch, Wolfgang Loris: Der saarländische Sonderweg (Heft 38/1997)


Jörg-Dietrich Hoppe: Die Weiter­bildungs­ordnung - Von der Schilderordnung zum integralen Bestandteil der Bildung im Arztberuf (Heft 39/1997)


Bruno Müller-Oerlinghausen, Karl-Heinz Munter: Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft - Qualitätssicherung in der Arzneitherapie (Heft 40/1997)


Rolf Bialas, Michael Jung: Alterssicherung in eigener Verantwortung - Ärztliche Versorgungswerke (Heft 41/1997)


Walter Burkart: Die Auslandsbeziehungen der Bundes­ärzte­kammer (Heft 42/1997)


Christoph Fuchs, Thomas Gerst: Medizinethik in der Berufsordnung - Entwicklungen der MusterBerufsordnung (Heft 43/1997)


Karsten Vilmar: Die ärztliche Selbstverwaltung und ihr Beitrag zur Gestaltung des Gesundheitswesens (Heft 44/1997)


Beispiel Sachsen-Anhalt. Die Entwicklung lief in allen neuen Ländern parallel
l 13. 2. 1990 12 Ärzte in Magdeburg bereiten die Gründung einer Ärztekammer vor
l 15. 2. 1990 Rund 200 Ärzte wählen einen Sprecher auf der Gründungsversammlung der Ärztekammer
l 22. 2. 1990 1. Sitzung der Initiativgruppe zur Vorbereitung von Satzung, Geschäfts-, Berufs- und Weiter­bildungs­ordnung
l 14. 4. 1990 Einleitung der Erarbeitung von Melde-, Beitrags- und Schlichtungsordnung
l 28. 5. 1990 Eintragung der Ärztekammer Sachsen-Anhalt als "e.V."
l 7. 7. 1990 1. Ärztetag in Halle mit rund 100 Delegierten aus 41 Kreisen
l 13. 7. 1990 Kammergesetz der DDR
l 15. 8. 1990 Bestätigung der Ärztekammer Sachsen-Anhalt als Körperschaft des öffentlichen Rechts
l 29./30. 6. 1991 Konstituierende Sitzung der Kammerversammlung in der 1. Wahlperiode nach Abschluß geordneter Wahlen
l 1. 7. 1991 Aufnahme der Tätigkeit des Versorgungswerkes der Ärztekammer Sachsen-Anhalt

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