ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2011Psychotherapie im Europäischen Vergleich: Deutschland gut aufgestellt

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Psychotherapie im Europäischen Vergleich: Deutschland gut aufgestellt

Bühring, Petra

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Nach dem Grünbuch der EU-Kommission zur psychischen Gesundheit sind jährlich mehr als 27 Prozent der erwachsenen Europäer von psychischen Erkrankungen betroffen. Am häufigsten verbreitet sind Angststörungen und Depression. Am Beispiel der unipolaren Depression weist der Epidemiologe Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen, Dresden, auf die weite Kluft zwischen dem Behandlungsbedarf und der Versorgungsrealität hin. Sieben Prozent der Europäer litten daran, aber nur ein Drittel bis die Hälfte werde behandelt, sagte er bei einem Symposium der Bundes­psycho­therapeuten­kammer zum Thema „Psychotherapie in Europa“. Zwischen drei und acht Prozent der Betroffenen werden pharmakologisch oder minimal mit psychotherapeutischen Interventionen behandelt. Psychotherapie erhielten nur zwei bis drei Prozent. In keinem Land Europas reicht das zur Verfügung stehende Angebot an Psychotherapie aus.

Das Deutsche Ärzteblatt – PP veröffentlicht bereits seit einigen Jahren Beiträge, die die psychotherapeutische Versorgung, Berufsrecht, Ausbildung und Verfahrensvorlieben jeweils für ein Land genauer unter die Lupe nehmen. Neben ausgewählten Ländern weltweit hat unsere Autorin und Diplom-Psychologin Dr. Marion Sonnenmoser bislang in Europa Österreich, Spanien, Polen, Frankreich und – aktuell in diesem Heft – Großbritannien beleuchtet. Beim Vergleich dieser Nachbarländer mit Deutschland stellt man fest, dass psychisch Kranke in Deutschland noch relativ gut versorgt sind, die Qualität der Ausbildung gesichert ist, und auch die psychologische Psychotherapie von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bezahlt wird. Geklagt wird auf hohem Niveau.

In Frankreich beispielsweise fordern nicht- ärztliche Psychotherapeuten und niedergelassene Psychologen immer noch die Gleichstellung mit ärztlichen Psychotherapeuten. Sie können ihre Leistungen nicht mit den Krankenkassen abrechnen. Die Patienten müssen für die Therapie beim Psychologen selbst aufkommen. Außerdem kümmert sich der französische Staat nicht darum, die Qualifikation von Psychotherapeuten gesetzlich zu regeln. Das Spektrum an psychotherapeutischen Verfahren ist unübersichtlich und zum Teil nicht empirisch überprüft.

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In Österreich steht der Zugang zur psychotherapeutischen Ausbildung im Grunde allen Berufen offen. Dies trägt nicht unbedingt zur Qualität bei und hat zu einem Überhang an Psychotherapeuten geführt. Psychotherapie muss bei unserem Nachbarn größtenteils privat finanziert werden; mit Ausnahme sozial Schwacher erhalten die meisten nur einen geringen Zuschuss von den Krankenkassen. Die meisten Psychotherapeuten konzentrieren sich zudem in und um Wien herum.

Ebenso ungleichmäßig verteilt sind Psychotherapeuten in Großbritannien. Man findet sie vor allem im Großraum London und im Südosten des Englands. In Schottland, Wales oder Nordirland herrscht psychotherapeutischer Notstand. Zudem ist in Großbritannien die genaue Anzahl an Psychotherapeuten nicht bekannt, weil sie nur teilweise in Fachgesellschaften registriert sind. Bei den Briten macht die Unterfinanzierung des National Health Service auch vor der Psychotherapie nicht halt – viele Psychotherapeuten sind unzufrieden oder wandern aus.

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