ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2011Homosexualität: Diskriminierung
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Ich finde es erstaunlich, wie unreflektiert und ohne jedes Bewusstsein für die Mechanismen der Diskriminierung Herr Gerlach diese in seinem Leserbrief selbst vollzieht:

1.  Er unterscheidet zwischen „uns“ und den gleichgeschlechtlich orientierten Menschen, die damit ausgegrenzt und zu den „Anderen“ werden.

2.  Es ist eine gesellschaftliche Tatsache, dass Schwule und Lesben tatsächlich massiv diskriminiert werden und in jedem gesellschaftlichen Zusammenhang – also auch in der Therapie – auf Diskriminierung stoßen, und eine Sensibilisierung ist hier tatsächlich dringend nötig. Eine ironisierende Darstellung und damit Bagatellisierung dieser Fakten, wie Herr Gerlach sie betreibt, ist diskriminierend.

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3.  Schuldgefühle und Betroffenheit zu zeigen und zu empfinden, wenn man auf solches Verhalten hingewiesen wird, ist eine absolut angemessene Reaktion, die nichts mit einer „ängstlichen, naiven und unkritischen Haltung“ zu tun hat. Reflektierte und einsichtige Menschen werden hier zu eingeschüchterten Opfern stilisiert, die einer Ideologie aufgesessen sind.

4. Dass Menschen jeglicher Gruppenzugehörigkeit neuerdings berechtigte Kritik hin und wieder als „Diskriminierung“ abwehren, ist bekannt – sollte aber nicht als Rechtfertigung dienen, sie wegen dieser Gruppenzugehörigkeit als insgesamt „fragwürdig“ zu behandeln.

5. Herr Gerlach gesteht Schwulen und Lesben zu, „Respekt und Akzeptanz zu verdienen“ und spricht ihnen

6.  im nächsten Satz die Unantastbarkeit ihrer Lebensentwürfe und damit ihrer Menschenwürde ab, oder er müsste jeden Lebensstil – egal welcher das ist – immer und grundsätzlich als fragwürdig behandeln und als grundsätzlich psychodynamisch defizitäre Entwicklung deuten.

7. Diskriminierung: Eine als Minderheit diskriminierte Gruppe wird als „dominierend“ – also Macht über die Mehrheit ausübend – dargestellt, wenn es in Wirklichkeit lediglich darum geht, Selbstbestimmungsrechte auszuüben und tatsächlich die „Deutungshoheit“ über den eigenen Lebensentwurf zu beanspruchen. Reale Machtverhältnisse werden hier verzerrt und scheinbar umgekehrt – eine uralte Diskriminierungstechnik, die Angst schürt und Täter und Opfer vertauscht.

8. Menschen die Deutungshoheit über ihr eigenes Erleben und Verhalten abzusprechen, ist grundsätzlich eine Verletzung der Menschenwürde – auch in der Therapie. Dies zu tun, weil Menschen einen eigenen alternativen Lebensentwurf verfolgen, ist Diskriminierung.

Dipl.-Psych. Barbara Beer, Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin BDP, 34596 Bad Zwesten

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