ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1997„Arzneiverordnungen„: Handlungskorridor für den Arzt

POLITIK: Leitartikel

„Arzneiverordnungen„: Handlungskorridor für den Arzt

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Bei der Verordnung von Arzneimitteln können die Ärzte aus dem vollen schöpfen. Rund 50 000 zugelassene Medikamente stehen zur Wahl. Hier eine Orientierungshilfe zu schaffen, die es dem Arzt ermöglicht, aus dem Dickicht eine therapeutisch wirksame und wirtschaftlich sinnvolle Auswahl zu treffen, ist notwendig. Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft hat mit der 18. Auflage der "Arzneiverordnungen" einen neuen Versuch dazu gestartet.


Geht es um Einsparungen im Gesundheitswesen, stehen die Arzneimitteltherapie und das Verordnungsverhalten der Ärzte immer wieder im Mittelpunkt der Diskussion. Die Ärzte sollen medizinisch wirksame Arzneimittel verordnen und dabei das Wirtschaftlichkeitsgebot beachten. Eine schwierige Aufgabe in einem Markt "von rund 50 000 Arzneimitteln, von denen weit mehr als die Hälfte nicht nach wissenschaftlichen Kriterien auf Wirksamkeit und Sicherheit hin überprüft worden sind", kritisierte Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, vor der Presse in Bonn.
Zwei Wege aus dem Dilemma werden öffentlich diskutiert: Sowohl innerärztlich als auch politisch umstritten ist eine gesetzlich festgelegte Positivliste mit der Folge, daß die Therapiefreiheit der Ärzte eingeschränkt würde. Die Alternative sind Empfehlungen zur Pharmakotherapie, die zwar Handlungsanleitungen geben, aber individuellen Spielraum lassen. Den Verfassern solcher Therapieempfehlungen wird jedoch das Leben nicht immer leichtgemacht. Skandalös findet es Müller-Oerlinghausen, daß Versuche, die Transparenz des Arzneimittelmarktes zu verbessern, immer wieder an Wettbewerbsklagen der pharmazeutischen Industrie scheitern. Erst kürzlich hätten einige Arzneimittelhersteller eine einstweilige Verfügung erwirkt, die die Veröffentlichung des diesjährigen Arzneiverordnungsreports verhindert habe (siehe DÄ 40/1997).
Diese Informationslücke will die Arznei­mittel­kommission mit der 18. Neuauflage ihrer "Arzneiverordnungen" schließen. Das Taschenbuch richtet sich, so der AkdÄ-Vorsitzende, im wesentlichen an niedergelassene (Haus)Ärzte. Von den rund 3 000 auf dem deutschen Markt vorhandenen Wirkstoffen würden 800, bei denen nach Ansicht der Autoren ein medizinisch-wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis vorliegt, ausführlich dargestellt.


Hausmittel in die Selbstmedikation
Pflanzliche Präparate haben die Autoren nur dann erwähnt, wenn klinische Prüfungen eine Wirksamkeit wahrscheinlich machen: "Hausmittel haben sicherlich ihren Platz. Sie gehören allerdings in den Bereich der Selbstmedikation", befindet Müller-Oerlinghausen. Er ist der Auffassung, daß mit Hilfe des Handbuches Einsparungen erzielt werden können, ohne die qualitätsgesicherte Arzneimitteltherapie zu vernachlässigen.
Die "Arzneiverordnungen" seien kein Handbuch zur Billigtherapie, stellte Dr. med. Jürgen Bausch, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, klar. Sie seien jedoch ein klarer Wegweiser "im Dschungel der gezielten Fehlinformationen aus der Pharmaindustrie und der Apothekerschaft" für die Ärzte, die für die rationale und rationelle Pharmakotherapie verantwortlich seien. Bausch schätzt vor allem die kritische Bewertung einiger Arzneimittel, die zwar häufig verordnet würden, aber umstritten oder unwirksam seien. Beispielsweise würden die Geriatrika "in den Orkus der absoluten Unwirksamkeit verdammt".
Gerade in Zeiten der Richtgrößenprüfungen benötigt der einzelne Arzt nach Ansicht von Bausch Orientierungshilfen. Vorstellbar sei, daß die Empfehlungen der AkdÄ im Rahmen von PharmakoTherapiezirkeln eingesetzt würden. Eine Auflistung der Arzneimittel nach Preis fehle leider. Derartiges sei jedoch in einer Buchveröffentlichung, die alle zwei Jahre aktualisiert werden soll, auch kaum möglich.
Dr. med. Karsten Vilmar, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, schätzt an den "Arzneiverordnungen" vor allem die Unabhängigkeit von Industrieinteressen. Zudem werde dem Arzt trotz gezielter Informationen kein starres Verordnungsschema aufgezwungen. Die ärztliche Therapiefreiheit bleibe gewahrt. Heike Korzilius


Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (Hrsg.): Arzneiverordnungen: Ratschläge für Ärzte und Studenten. 18. Auflage, Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, 1997, 935 Seiten, 78 DM. Das Taschenbuch ist im Buchhandel erhältlich.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote