ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1997Generalversammlung des Weltärztebundes in Hamburg: Forum für ethische Fragen

POLITIK: Aktuell

Generalversammlung des Weltärztebundes in Hamburg: Forum für ethische Fragen

PdÄ

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LNSLNS Der Weltärztebund feiert in diesem Jahr sein 50jähriges Bestehen. Wie kaum eine andere internationale Organisation hat der Weltärztebund schon frühzeitig auf ethische Probleme in der Medizin hingewiesen und in seinen Deklarationen das Bewußtsein für eine verantwortungsvolle, ethisch vertretbare Anwendung des medizinischen Fortschritts geschärft. Auch bei der diesjährigen 49. Generalversammlung des Weltärztebundes - die Plenarsitzung findet am 14. November in Hamburg statt, am Tag zuvor ein Festakt zum 50jährigen Bestehen - werden Fragen der ärztlichen Ethik einen breiten Raum einnehmen (dazu auch DÄ 44, Seite eins: "Ethischer Konsens"). Die Generalversammlung findet jährlich statt. Die deutsche Ärzteschaft wird seit 1951 von der Bundes­ärzte­kammer im Weltärztebund vertreten.


Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Juli 1945, kamen in London Ärzte aus mehreren Ländern zusammen, um über die Gründung einer internationalen Ärzteorganisation zu beraten. Die neue Vereinigung der Weltärzteschaft ersetzte die 1926 gegründete und 23 Mitgliedstaaten umfassende "Association Professionelle Internationale des Médecins", die mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ihre Arbeit eingestellt hatte. Unter dem Eindruck der gerade zu Ende gegangenen Nürnberger Ärzteprozesse entstand zwei Jahre später auf der ersten Generalversammlung der Organisation am 18. September 1947 in Paris der Weltärztebund (World Medical Association/WMA). Die Delegierten aus 27 nationalen, nichtstaatlichen Ärzteverbänden verabschiedeten die Statuten und die Satzungen eines "Zusammenschlusses der repräsentativsten nationalen Ärzteorganisationen jedes Landes", dem heute 65 Mitgliedsorganisationen angehören. Auch einzelne Ärzte können dem Weltärztebund als assoziierte Mitglieder beitreten. Insgesamt repräsentiert der Weltärztebund drei Millionen Ärztinnen und Ärzte weltweit, die trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, Sprache und Kultur alle dasselbe Ziel verfolgen: Oberstes Gebot ärztlichen Handelns ist die Gesundheit des Patienten (Deklaration von Genf des Weltärztebundes 1948).
"Der Verband soll der Menschheit durch das Bemühen dienen", so die Definition der Ziele des Weltärztebundes in den Statuten, "den höchsten internationalen Standard der Ausbildung zum Arzt, der medizinischen Wissenschaft, ärztlicher Kunst und ärztlicher Ethik zu erreichen und die gesundheitliche Versorgung aller Menschen sicherzustellen." Der Weltärztebund sieht seine Aufgabe darin, die Verbindungen zwischen den nationalen Ärzteorganisationen und zwischen Ärzten unterschiedlicher Nationalität und Herkunft zu stärken, die Interessen des ärztlichen Berufsstandes weltweit zu vertreten und zur Förderung des Weltfriedens beizutragen.
Der Weltärztebund wird häufig mit der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) in Verbindung gebracht. Beide beschäftigen sich mit internationalen Fragen des Gesundheitswesens; die WHO ist jedoch eine Behörde im Rahmen der Vereinten Nationen und finanziert sich durch Beiträge nationaler Regierungen, deren Interessen naturgemäß politischer Art sind. Dagegen setzt sich der Weltärztebund aus unabhängigen ärztlichen Berufsorganisationen zusammen, die ihre jährlichen Beiträge gemäß der Zahl der angegebenen Mitglieder entrichten.
Seit seiner Gründung genießen die Deklarationen und Stellungnahmen des Weltärztebundes höchste Wertschätzung und dienen Ärzteorganisationen und Ärzten in aller Welt als Orientierungs- und Entscheidungshilfen. Auch Regierungen und internationale Organisationen orientieren sich an den Erklärungen des Weltärztebundes oder werden zumindest mit ihnen konfrontiert. Manchen Ärzten geben sie die Kraft und den Mut, gegen eine unmenschliche und patientenfeindliche Politik im eigenen Land aufzustehen. Zu den bekanntesten und meistverbreiteten Erklärungen gehören neben der bereits erwähnten Deklaration von Genf 1948, zuletzt geändert von der 46. Generalversammlung 1994 in Stockholm, vor allem die Deklaration von Helsinki 1964 (Empfehlungen für Ärzte, die in der biomedizinischen Forschung am Menschen tätig sind), zuletzt geändert von der 48. Generalversammlung in Somerset West, Südafrika, und die Deklaration von Tokio 1975 (Richtlinien für Ärzte bei Folterungen, Grausamkeiten und anderen unmenschlichen oder die Menschenwürde verletzenden Handlungen oder Mißhandlungen in Verbindung mit Haft und Gefangenschaft). Die Deklaration von Genf gilt inzwischen als moderne Fassung des hippokratischen Eides und ist als Ärztegelöbnis auch Teil der Berufsordnung der deutschen Ärztinnen und Ärzte (Muster-Berufsordnung). Die allgemeinen Grundsätze der Deklaration von Helsinki gelten weltweit als Richtschnur für die Forschung am Menschen und haben auch Eingang in das deutsche Arzneimittelgesetz gefunden. In der Deklaration von Tokio werden die Ärzte aufgefordert, die Achtung vor dem menschlichen Leben auch unter Bedrohung aufrechtzuerhalten: "Der Weltärztebund wird dem betreffenden Arzt und seiner Familie angesichts von Drohungen oder Vergeltungsmaßnahmen, die aus der Ablehnung der Mithilfe bei Folterungen oder anderen grausamen, unmenschlichen oder die Menschenwürde verletzenden Handlungen resultieren, seine Unterstützung gewähren", heißt es in der Deklaration. PdÄ


Vertrauen wir auf unsere Leistungsfähigkeit!
Grußwort von Dr. med. Karsten Vilmar an die 49. Generalversammlung des Weltärztebundes in Hamburg
Die deutschen Ärztinnen und Ärzte und deren Vertretung freuen sich, die Generalversammlung des Weltärztebundes in Hamburg begrüßen zu können. Dies ist die 3. Generalversammlung in unserem Lande, nachdem wir 1960 im damals geteilten Berlin und 1973 in München die Vertreter des Weltärztebundes haben begrüßen können.
In den Jahren der Geschichte des Weltärztebundes hat es - neben allen wegen der Entwicklung der Medizin zu bewältigenden Aufgaben - auch schwierige Zeiten für unsere Vereinigung gegeben, in denen es dem Zusammenhalt wichtiger Persönlichkeiten und der Ärzteschaft mancher Länder zu danken war, daß der Weltärztebund erhalten blieb und wieder zum allgemein anerkannten Repräsentanten der Ärzteschaft der Welt geworden ist, der keineswegs nur ärztliche Interessen vertritt, sondern mit dem ärztlichen Gewissen die Patienten möglichst aller Länder zu schützen hat.
Von dem verheißungsvollen Ziel "Gesundheit für Alle für das 21. Jahrhundert" ist die Menschheit weit entfernt! Kriege, Konflikte und Gewalt haben Hunderttausende von Menschen nicht nur in Not und Heimatlosigkeit gestürzt, sondern durch Krankheit, Verwundungen und Verletzungen geschädigt und in großer Zahl getötet, Familien zerrissen, Kinder zu Waisen gemacht. Leider ist in manchen Teilen der Welt auch heute noch kein Ende dieser schrecklichen Ereignisse zu erkennen.
In allen humanitären Fragen ist der Weltärztebund Partner für die internationalen Organisationen, die sich mit dem Schutz der Menschen und ihrer Gesundheit befassen. Die im Weltärztebund vereinigten Erfahrungen, die Kompetenz und das Engagement der ärztlichen Organisationen der Welt stehen ständig zur Verfügung und sollten genutzt werden. Zum Besten möglichst vieler leidender Menschen.
Möge der Austausch unserer Erfahrungen, die Diskussion über moderne Entwicklungen, die Konfrontation mit neuen Problemen in Harmonie einen fruchtbaren Verlauf nehmen. Unseren Patienten sollten wir trotz vieler neuer Möglichkeiten nicht als Techniker des Fortschritts imponieren, sondern als Ärzte Helfer sein, die ihr möglichstes tun, um die Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen und Leiden zu lindern.
Die Ärzte in Deutschland, ebenso wie in vielen anderen Ländern der Welt, stehen dabei vor vielen Problemen - auch der Finanzierung des Fortschritts infolge der Entwicklung der Medizin. Die veränderten wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen nach Überwindungen des Ost-West-Konfliktes wirken sich dabei ebenfalls aus. Auch der Weltärztebund bleibt davon nicht unberührt. Trotz vieler ungelöster Fragen wäre Resignation für Ärzte eine falsche Reaktion. Vertrauen wir also auf unsere Leistungsfähigkeit, um einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung von Frieden und Freiheit in Europa und der Welt zu leisten.

Dr. Vilmar ist - neben seinem Amt als Präsident des Bundes­ärzte­kammer - Schatzmeister des Weltärztebundes.

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