ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1997Kirchliche Hilfen in Mecklenburg-Vorpommern: Seismographen für die soziale Not

POLITIK: Die Reportage

Kirchliche Hilfen in Mecklenburg-Vorpommern: Seismographen für die soziale Not

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Die Arbeitslosigkeit stellt wohl die größte sozialpolitische Herausforderung in den neuen Bundesländern dar. In direktem Zusammenhang damit stehen zahlreiche andere Probleme wie Alkoholismus, Einsamkeit, eine zunehmende Gewaltbereitschaft und Wohnungslosigkeit. Der Deutsche Caritasverband und das Diakonische Werk versuchen gemeinsam, den Betroffenen zu helfen. Sie richteten in den letzten Jahren Beratungsstellen, Tagesheime für Obdachlose, therapeutische Zentren und die Telefonseelsorge ein. Mitarbeiter verschiedener auch nichtkirchlicher Einrichtungen berichteten vor Journalisten über ihre Tätigkeit.


Kurz nach der "Wende" sei er von Sachsen nach Bergen auf Rügen gezogen. Dort arbeitete er als gutbezahlter Elektriker in einer Ziegelei, berichtete ein Mitglied der vom Diakonischen Werk betreuten Alkoholikergruppe in Bergen. "Meine Lebensgefährtin blieb in Sachsen. Dadurch, daß wir uns nur an den Wochenenden sehen konnten, ist meine Beziehung dann kaputtgegangen. Als ich auch noch arbeitslos wurde, fing ich an zu trinken." Zunächst habe er versucht, sein Problem selbst in den Griff zu bekommen, doch nach mehreren Rückfällen entschloß er sich auf Anraten eines Bettnachbarn im Krankenhaus, sich nach der Entgiftung einer Therapie zu unterziehen. Jetzt sei er seit acht Wochen "trocken", berichtete er nicht ohne Stolz.
Das Schicksal dieses Alkoholikers ist kein Einzelfall in Mecklenburg-Vorpommern. Dr. Jens Reck, Leiter des Arbeitsamtes Stralsund, nannte erschreckende Zahlen. Im Bezirk Stralsund seien 35 000 Arbeitslose gemeldet. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote im Jahr 1997 habe rund 20 Prozent betragen.
Diese hohe Zahl arbeitsloser Menschen stelle ein bedrückendes Problem und die größte sozialpolitische Herausforderung dar, heißt es in einer gemeinsam von Caritas und Diakonie herausgegebenen Studie "Menschen im Schatten". Fast ein Drittel ihrer Klientinnen und Klienten in den neuen Bundesländern sei davon betroffen. Diese hohe Arbeitslosigkeit stehe in direktem Zusammenhang mit anderen sozialen, psychischen und gesundheitlichen Problemen. Je länger die Arbeitslosigkeit dauere, desto gravierender würden die Belastungen für die Betroffenen. Caritas und Diakonie übernehmen "für diese Personengruppe eine besondere Verantwortung". Einige ihrer Einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern stellten sie Ende Oktober Journalisten vor. Ein "niedrigschwelliges" Angebot für diejenigen, die Hilfe bedürfen oder sich einfach aussprechen möchten, ist die Telefonseelsorge Vorpommern, sagte deren Leiterin in Greifswald, Ursula Wegmann. Mehrere ehrenamtliche Mitarbeiter nehmen abends ab 19 Uhr die Anrufe entgegen, um gemeinsam mit dem oder der Betroffenen nach Lösungswegen zu suchen. Seit Juli ist die Telefonseelsorge in Greifswald über eine bundeseinheitliche, unentgeltliche Rufnummer zu erreichen. Die Hauptprobleme der Anrufer waren, so Wegmann, Beziehungskrisen (rund 30 Prozent) und Familienkonflikte (15 Prozent), meist in Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit und Suchtproblemen. Die Erfahrungen von Ursula Wegmann sind durchaus unterschiedlich. Am Ende einiger Gespräche stehe die Hoffnung, "daß die Einsamkeit kleiner, der Mut, ein selbständiges Leben zu führen, größer geworden ist". Andere Gesprächsteilnehmer wollten hingegen nur ihre Wut ablassen "auf diese Welt, auf Gott und alles andere".


Hilfsangebote für Frauen
Bei zahlreichen Menschen entlädt sich diese Wut jedoch auch in Gewalt, Gewalt von Männern meist gegen die eigene Ehefrau und die Kinder. Kinderärztin Dr. med. Ellen Knorr, Oberärztin im Krankenhaus Bergen, erläuterte die Ursachen für die Probleme, mit denen Familien auf Rügen nach der "Wende" konfrontiert wurden: Durch ihre Arbeitslosigkeit seien viele Frauen in die Hausfrauenrolle gedrängt worden. "Doch Kinder zu erziehen als Lebensaufgabe ist für sie oft nicht akzeptabel", betonte Knorr. Die allgemeine Sozialberatung wurde zu Zeiten der DDR vorwiegend von den sogenannten Fürsorgern übernommen. Sie besuchten regelmäßig, so Knorr, unaufgefordert jede Familie mit Kindern. In der "Mütterberatung" seien bereits die Babys untersucht worden, sie hätten Vitamine erhalten sowie die erforderlichen Impfungen und seien je nach Bedarf zu Fachärzten überwiesen worden. Die Ärzte hätten, so Knorr, eine genaue Übersicht über den Gesundheits- und Impfstand der Kinder gehabt. Doch trotz dieser umfassenden staatlichen Kontrolle habe "sich einiges abgespielt", was niemand wußte. So sei sexueller Mißbrauch in der DDR generell ein Tabuthema gewesen, räumte Familienhelferin Karin Zimmda ein. In diesem Jahr suchten bisher 25 Frauen Rat bei der von Pro Familia getragenen Beratungsstelle für Betroffene sexueller Gewalt (genannt "Miss"). Dort wird ihnen, ebenso wie in kirchlichen Einrichtungen, geholfen, ein eigenverantwortliches Leben aufzubauen. Die Hilfsangebote reichen von Informationen über sexuelle Gewalt, Erziehungsberatung, Familientherapie bis zur Unterbringung von Kindern und Frauen in Frauenschutzhäusern, um sie gegebenenfalls vor ihren Männern zu schützen.
Männer müssen, so der Leiter der Initiative "Männer gegen Männergewalt", Hartmut Wölfel, häufig zunächst lernen, sich mit ihrem Innenleben zu beschäftigen. Erst wenn sie sich aktiv mit ihren Problemen beschäftigen, sind sie möglicherweise auch bereit, sich mit ihrem Alkoholkonsum auseinanderzusetzen. In MecklenburgVorpommern gibt es rund 90 000 Abhängige. "Fast 20 Prozent aller Verkehrstoten hängen mit Alkohol zusammen", sagte Landespfarrer Roland Springborn. 95 Prozent seiner Klienten (meistens Männer) seien alkoholabhängig, stellte Stephan Lohschelder fest, der Leiter der Suchtberatungsstelle der Diakonie in Bergen. Nur fünf Prozent seiner Klienten hätten Probleme mit sogenannten weichen Drogen, mit Spielsucht oder Medikamenten. Die in der Regel im Anschluß an die stationäre Entgiftung anschließende Therapie arbeitet, wie Lohschelder schilderte, ganzheitlich: Die Angehörigen werden, wenn sie dazu bereit sind, eingebunden; eine Schuldnerberatung der Diakonie befindet sich im selben Gebäude.
Sorgen bereitet Caritas und Diakonie vorwiegend die Finanzierung. Denn die Einsparungen "in allen gesellschaftlichen Bereichen, auch im kirchlichen, engen unsere Arbeit ein", heißt es im Bericht des Caritasverbandes Vorpommern. Trotzdem müssen die kirchlichen Beratungsstellen auch weiterhin "Seismographen für die Nöte anderer" bleiben, forderte Burghardt Siperko, Geschäftsführer des CaritasVerbandes für Vorpommern. Gisela Klinkhammer

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