ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2011Von schräg unten: Nebenwirkungen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Nebenwirkungen

Böhmeke, Thomas

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Es gibt viele Nebenwirkungen. Solche, die mit dem Wetter zusammenhängen, lassen unsere Autos ausrutschen oder machen uns abhängig von Klimaanlagen. Diejenigen, die mit dem Finanzamt verbunden sind, verhindern die Neuanschaffung des betagten Automobils und machen schlechte Laune. Es gibt auch familiäre Nebenwirkungen. Diese sind so bizarr, dass sie Abertausende Romane füllen. Ich kann mitreden: Meine frechen Neffen suchen mich wieder heim. „Onkel Thomas, wir haben etwas über Zweiklassenmedizin gehört. Bist du auch so einer, der Privatpatienten um Tausende Euro abzockt und normale Patienten verbluten lässt?“ Ich hyperventiliere. Ihr seid . . . „Keine Beleidigungen! Wir haben dich was gefragt! Also, wie stehst du zur Zweiklassenmedizin?“ Ich nehme mich zusammen. Ja, in der Tat, ich versorge gerne Privatpatienten. Diese kommen immer mit ihren Unterlagen in die Sprechstunde, einschließlich exakter Medikamenten­dokumentation, bringen das Problem auf den Punkt, haben gezielte Fragen, die sie sich im Vorfeld notiert haben, und sind einfach offener, wenn es um Änderungen des Lebensstils oder Therapietreue geht. Außerdem haben privat Versicherte ein ausgeprägtes Kostenbewusstsein. „Und warum sind die so?“ Vermutlich weil sie aufgrund der später eintreffenden Rechnungen sich dessen bewusst sind, dass es medizinische Leistungen nicht zum Nulltarif gibt, weil für die Erhaltung der Gesundheit die Mitarbeit des Betroffenen erforderlich ist.

„Und die normalen Patienten?“ Nun, da habe ich häufig den Eindruck, dass mit Abgabe der Krankenversicherungskarte auch jegliche Mitarbeit abgegeben wird. Aufstellungen über Medikationen sind selten korrekt – wenn es mich interessiere, könne ich ja den Hausarzt anrufen. Arztberichte werden ebenso selten mitgebracht – falls diese von Bedeutung seien, könne ich ja Kontakt mit den Krankenhäusern und den mitbetreuenden Kollegen aufnehmen. Anamnestische Angaben sind häufig irreführend – denn ich müsse ja als Arzt schließlich wissen, was ihnen fehlen würde. Änderungen des Lebensstils, beispielsweise Gewichtsreduktion, sind nicht machbar – die Knochen seien ja zu schwer. Therapietreue ist einfach zu viel verlangt – denn für die korrekte Einnahme der Medikamente sei schließlich der Arzt verantwortlich. Und Kosten habe ich bitteschön nicht zu scheuen – schließlich sei ja alles umsonst.

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„Und wie ist das mit der Knete, die du bekommst?“ Ja, also . . . ich will nicht leugnen, dass ich für Privatpatienten mehr bekomme . . . äh, gesetzlich Krankenversicherte werden am Ende des Quartals umsonst behandelt, ja, was soll ich sagen . . . „Du willst sagen, dass du doch lieber Private behandelst! Du bist Zweiklassenmedizin! Du bist ein Abzocker!“ Ihr seid eine . . . eine . . . „Sag’s doch, Onkel Thomas, spuck’s aus!“ Ihr seid eine der schlimmsten Nebenwirkungen, die man sich vorstellen kann! Raus mit euch!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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