ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1997Gefährten unserer Einsamkeit

VARIA: Post scriptum

Gefährten unserer Einsamkeit

Pfleger, Helmut

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LNSLNS Für Leo Tolstoi war Schach eine "feine Unterhaltung", für Isaac Bashevis Singer das "fairste aller Spiele", für J.M. Keynes "eine Medizin für Kopfweh" (das ist hoffentlich nicht ironisch gemeint), für Artur Schopenhauer gar "überragte es alle anderen Spiele so sehr wie der Chimborasso einen Misthaufen". Andererseits betrachtete es Sir Walter Scott als "traurige Verschwendung menschlichen Geistes" und der Spötter George Bernard Shaw als "Mittel, um Nichtsnutze glauben zu machen, sie täten etwas Kluges". "Dem einzigen Spiel, das allen Völkern und allen Zeiten zugehört, und von dem niemand weiß, welcher Gott es auf die Erde gebracht, um die Langeweile zu töten, die Sinne zu schärfen, die Seele zu spannen" (Stefan Zweig), stand dessen Vorbild Johann Wolfgang Goethe höchst ambivalent gegenüber. Zwar lehrt er seinen Sohn August Schach und meint zufrieden: "Es geht schon ganz artig damit", sagte aber auch: "Dieses Spiel ist geeignet, allem Dichterischen den Garaus zu machen." Eine tiefgreifende Ambivalenz dem Schach gegenüber zeigte sich bei den großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Schon im frühen Mittelalter schreibt der Dichter Ibn Mu’tazz, Sohn eines schachspielenden Kalifen am Hofe von Bagdad:
"Du, der du mit zynischem Spott unser geliebtes Schach tadelst, wisse, daß hier Geschicklichkeit eine Wissenschaft ist, daß das Spiel Zerstreuung der Trauer bringt. Es besänftigt die Sorgen der Liebenden, es bewahrt den Trinker vor Ausschweifung, es gibt dem Krieger Rat, wenn Gefahr naht und Untergang droht; es gewährt, wenn wir ihrer am meisten bedürfen, Gefährten unserer Einsamkeit."
Vielleicht fühlen sich ja auch Ärzte manchmal so und folgen deshalb nicht zuletzt gerne der Einladung des Deutschen Ärzteblattes zur Schachmeisterschaft unter Kollegen. In Wiesbaden in diesem Jahr wurde Dr. Mehlhorn nicht zuletzt dank einer hübschen, kleinen Kombination gegen seinen Widersacher Dr. Zoch am Schluß gar Zweiter.
Scheinbar ist nichts los, steht Schwarz trotz des Königs in der Mitte mit seiner festen Bauernkette, seinem Mehrbauern und dem Druck auf den "Schwächling" d4 nicht schlecht. Doch mit einem verblüffenden Zug wußte Dr. Mehlhorn als Weißer am Zug eine fatale Ungereimtheit im schwarzen Lager auszunützen. Was war’s?
Lösung:
Weiß profitierte geschickt davon, daß schwarzer König und Dame beide auf der Diagonale b4-e7 stehen - das Läuferopfer 1. Ld6+! eroberte die schwarze Dame. Schwarz gab angesichts der erzwungenen Fortsetzung 1. ...Dxd6 (bei einem Königszug fällt die Dame ersatzlos) 2. Tc7+ Dxc7 3. Dxc7+ mit Verspeisen des Läufers b7 gleich auf.
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