ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 3/1997TEUFELSMOOR: Auf den Spuren der Worpsweder Kunstmaler

SUPPLEMENT: Reisemagazin

TEUFELSMOOR: Auf den Spuren der Worpsweder Kunstmaler

Dtsch Arztebl 1997; 94(46): [11]

Gräfenhahn, Hartmut

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LNSLNS Worpswede - ein Name, der Kunstinteressierten auf der Zunge zergeht. Untrennbar damit verbunden sind die Namen der Maler Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck, Otto Modersohn und nicht zuletzt seiner Frau, Paula Modersohn-Becker. Vor über hundert Jahren ließen sie sich in dem armen Moordorf bei Bremen nieder, angetan von Land, Leuten und von etwas scheinbar Banalem, dem Licht. Vor allem im Frühjahr und im Herbst, wenn die Atmosphäre besonders klar ist, stellt sich diese sagenumwobene Lichtstimmung hier, an der Grenze zwischen See- und Kontinentalklima, ein.
Östlich der Hansestadt Bremen erstreckt sich eine der schönsten Landschaften Norddeutschlands, die, mit einer Ausnahme, platt wie eine Flunder ist. Die Ausnahme ist ein 54 Meter hoher Hügel am Rand von Worpswede, der Weyerberg, eine buchstäblich herausragende Erscheinung. Das waldarme Gebiet erlaubt es nicht nur hier dem Auge, in die Ferne zu schweifen. Eine Gegend, die am schönsten mit dem Rad zu erkunden ist; auf den Spuren der Worpsweder Maler.
Die Attraktivität Worpswedes liegt weniger im Ortsbild, das heute recht inhomogen ist. Ausnahmen bilden da nur die Museen, die Villa Fritz Mackensens und der Barkenhoff, jenes Gebäude, das auf dem weltberühmten Gemälde "Sommerabend auf dem Barkenhoff" dargestellt ist, auf dem Heinrich Vogler sein Haus mit einer musizierenden Gesellschaft abbildete. Den Dichter und Schriftsteller Rilke inspirierte das Anwesen zu dem Hausspruch: "Licht sei sein Los. Ist der Herr nur das Herz und die Hand des Baus, mit den Linden im Land, wird auch sein Haus schattig und groß". Heutzutage finden im Barkenhoff Ausstellungen und Künstlerseminare statt.
Zweifellos liegt der Reiz des Künstlerdorfs in den zahlreichen Kunstmuseen und -galerien. Viele der historischen Werke der Künstlerkoloniegründer werden in der Worpsweder Kunsthalle und der Großen Kunstschau Worpswede der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Zeit für die Besichtigung sollte bei der Tagesplanung nicht zu knapp bemessen werden.
Die Gründung der Künstlerkolonie Worpswede zog und zieht immer noch Künstler jedweder Couleur aus aller Welt an. Dabei gewinnt auch die Fotografie eine zunehmende Bedeutung. Bekannt wurde der Schweizer Fotograf Jürg Andermatt mit seinen Buchpublikationen "Das Teufelsmoor" und "Milchstraße". In seinen Fotografien lichtet er meisterhaft die mystischen Nebelstimmungen ab. Der Lichtbild-Galerie gelingt es, wovon andere Fotografiegalerien nur träumen können: regelmäßig namhafte Fotografen in Ausstellungen zu zeigen. Worpswede hat sich ganz der Kunst verschrieben. Der Ort ist nicht nur Heimat namhafter Künstler, sondern bietet auch dem Laien ein äußerst vielfältiges Kunstkursangebot an. Malerei, Fotografie, Steinhauerei, Holz bearbeiten, Spinnerei, Weberei, Batik, Töpferei, Bastelei, Schmuck herstellen und, und, und.
Nach den Museums- und Galeriebesuchen lassen sich die Eindrücke der Altmeister bei Radwanderungen durch das nahe Teufelsmoor nachempfinden. Birkenalleen durchziehen das flache Land, und meist finden sich gut befahrbare Radwege an den Straßen. Heute weitgehend kultiviert (andere verwenden drastischere Begriffe), hat das Moor nichts Teuflisches mehr an sich. Besonders geheimnisvoll ist es hier allerdings an Nebeltagen im Herbst. Obwohl überwiegend viehwirtschaftlich genutzt, haben sich dennoch einige Naturoasen erhalten.
Der vor hundert Jahren sehr rege Torfstich (Torf diente den Städtern als Brennmaterial) ist an wenigen, leider nicht immer zugänglichen Stellen noch zu sehen. Der Betrachter ist an diesen Orten hin- und hergerissen. Auf der einen Seite ist da der massive, zerstörerische Eingriff in die Natur; andererseits drängt sich der Eindruck einer gewissen Romantik auf, wie man sie in den Bildern der Worpsweder Maler gesehen hat. Abtransportiert wurde der Torf damals auf Torfkähnen. Zahlreiche historische Fotografien und Gemälde zeigen diese Transportschiffe als Motiv. Außerdem wurde das Brennmaterial per Schmalspurbahn nach Bremen gebracht. Der Radfahrer kann an einigen Stellen noch die alten Gleise sehen, denn der kleine Bahndamm ist heute teilweise als Radwanderweg ausgebaut (Jan-Reiners-Weg vom Teufelsmoor über Lilienthal nach Bremen-HornLehe). Nahe der Ortschaft Teufelsmoor ist ein Exemplar dieser Bahn ausgestellt.
Über Lilienthal führt auch der Weg in die künstlerische Zweigstelle Worpswedes, das Wümmedorf Fischerhude. Kultureller Höhepunkt in diesem außerordentlich schmucken Dorf ist das Otto-Modersohn-Museum in einem Fachwerkhaus. Hier findet man den künstlerischen und schriftlichen Nachlaß des Worpsweder Pioniers. Am östlichen Rand der Hansestadt schlängelt sich die Wümme, ein kleiner Fluß, der in der Lüneburger Heide entspringt, durch das flache Land, bis er über die Lesum in die Weser mündet. Keine Begradigung des Flußbetts beschleunigt den Abfluß, und in der kalten Jahreszeit werden die Deichschleusen geöffnet, damit die Wiesen überschwemmt werden. Eine traditionelle Art, Nährstoffe aufzubringen. Der besondere Reiz für Radler liegt in der urwüchsigen Naturbelassenheit, den lieblichen, reetgedeckten Fachwerkbauernhäusern und vor allem in den fahrradfreundlichen und fast autofreien Deichwegen beidseits des Flusses, von dem aus die herrliche Landschaft beobachtet werden kann. Fischreiher und - im Sommer - Störche kreuzen mit ihrer Flugbahn oft den Weg. Viele Stellen laden zum Verweilen und zur Naturbeobachtung ein. In der Ferne schimmert die Silhouette Bremens mit seiner sehenswerten Innenstadt.
Und sollte der Magen knurren, kann man in die Gaststätten und Restaurants auf dem Deich einkehren. Vor allem Liebhaber von Fischgerichten kommen hier auf ihre Kosten. Höhepunkt aller Gaumenfreuden ist aber zweifellos ein abendlicher Besuch im urigen Bremer Ratskeller am historischen Marktplatz. Man lasse sich die ausführliche Karte der Ratskellerweine bringen!
Hartmut Gräfenhahn


Anfahrt nach Worpswede über die A 27, Abfahrt Bremen-Horn, Lilienthal; nach Fischerhude über die A 27, Bremer Kreuz, Abfahrt Bremen-Sebaldsbrück, Oyten.
Beste Jahreszeit: Reizvoll zu jeder Jahreszeit, besonders schön aber im Herbst und Frühling.
Ausrüstung: Ein robustes Fahrrad mit einfacher Gangschaltung, wetterfeste Keidung.
Karten: Marco Polo-Freizeitkarte Nr. 6 (Bremen), 1:100 000, oder ADFC-Radtourenkarte Nr. 6, Bielefelder Verlagsanstalt (BVA).
Literatur: U. Leinigen: Radwanderbuch Bremen, Stöppel-Verlag; A. Dupius-Panther: Radtouren rund um Bremen; Bielefelder Verlagsanstalt (BVA).
Worpsweder Kunsthalle, Bergstr. 17, Tel 0 47 92/12 77, geöffnet täglich 10-18 Uhr. Große Kunstschau Worpswede, Lindenallee 3, Tel 0 47 92/13 02, geöffnet täglich 10-18 Uhr. Barkenhoff, Ostendorfer Str. 10, Tel 0 47 92/39 68, geöffnet täglich 10-18 Uhr. Lichtbild-Galerie, Neu-Bergedorfer Damm 44a, Worpswede. OttoModersohn-Museum, In der Bredenau 95, Fischerhude, Tel 0 42 93/3 28, geöffnet Mo-Fr 10-13 und 14.30-18 Uhr sowie Sa, So 10-17 Uhr.
Verkehrsamt Worpswede, Bergstr. 13, 27726 Worpswede, Tel 0 47 92/95 01 21 oder 95 01 22. Bremer Touristik Zentrale (BTZ), Hillmannplatz 6, 28195 Bremen, Tel 04 21/30 80 00 oder 1 94 33.

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