SUPPLEMENT: Reisemagazin

Vom Zuckerhut zu den Kaimanen

Dtsch Arztebl 1997; 94(46): [4]

Scheiper, Renate V.

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LNSLNS Egal, ob man zum ersten oder zum zehnten Mal auf dem Zuckerhut steht - der Blick ist einfach phänomenal und nutzt sich nie ab. Im Osten der scheinbar erdumspannende, sich zum Horizont wölbende Atlantik, zu Füßen im Dreiviertelrund die weißsandigen, sich volantartig dahinziehenden Buchten, dann die vor Leben überschäumende Stadt, begrenzt vom Corcovado, dem Christusberg. Wir können uns nicht satt sehen, müssen immer wieder die Runde machen. Für ganz Eilige gibt es sogar einen Hubschrauberflug hinauf. Doch beschaulicher ist es, sich die herrliche Aussicht langsam mit der Seilbahn zu "erfahren", die wie ein großes Insekt hinauf- und hinabschwebt. Es sei denn, man zieht es vor, sich den Zuckerhut als Bergsteiger zu erarbeiten. Wie Ameisen hängen die mutigen Kletterer zwischen den Felsen.
Keine Frage, daß wir anschließend durch den hektischen Verkehr zum Gegenstück fahren, dem Corcovado eben mit seiner riesigen Christusstatue auf dem Gipfel. Hier hinauf fährt man gemütlich mit der Corcovadobahn durch dichten, grünen Regenwald, der nur hin und wieder einen Blick durch das dichte Blättergewirr hinunter gestattet. Doch atemberaubend ist der Blick auch hier von der Aussichtsterrasse über Rio mit seinen Bergen, um die herum sich die Stadt windet, und gipfelt - umgekehrt - im Blick auf den Zuckerhut, das Inselgewirr und die weißen Sandstrände.
Das dritte hinreißend Sehenswerte ist natürlich die berühmte Copacabana.

Flanieren
Auch hier ist es egal, ob man diesen weitgeschwungenen Strand mit den knackigen Mädchen und den ewig Volleyball spielenden jungen Männern zum ersten oder zum zehnten Mal sieht. Es ist einfach faszinierend, den Strand oder die Promenade entlangzuflanieren - am besten ohne Kamera, ohne Brieftasche und ohne auffälligen Schmuck, um niemanden in Versuchung zu führen - und das pulsierende Leben zu beobachten. Vor allem ab etwa 19 Uhr, wenn sich allmählich Gaukler und Artisten aller Art einstellen und ihre Künste zur Schau stellen, wenn sich feurige Samba-Tanzgruppen formieren und zu heißen Rhythmen zeigen, was Temperament ist. Die Körper scheinen aus Gummi zu sein. Jeder Versuch von uns Europäern, dabei mithalten zu wollen, wäre reine Parodie. Das Nonplusultra aber an der Copacabana ist das Copacabana Palace Hotel. Es wurde Anfang der zwanziger Jahre gebaut und war das erste Grand Hotel Brasiliens. Wer Rang und Namen hatte und hat, wohnte und wohnt hier, zum Beispiel so illustre Persönlichkeiten wie der Schah von Persien und Soraya, John Eisenhower, Henry Kissinger, Prince Charles und Diana, Nelson Mandela, Nelson Rockefeller, Igor Stravinsky, Leonard Bernstein, auch Brigitte Bardot und Bing Crosby zum Beispiel oder Michael Schumacher.
Das Hotel gehört zu den "Leading Hotels of the World", wurde 1989 von den Orient Express Hotels gekauft und von Grund auf renoviert - natürlich im alten Stil, aber mit modernem Komfort. Ein Genuß besonderer Art ist es, sich das Frühstück auf dem Balkon mit Blick auf den Atlantik und die Copacabana servieren zu lassen - es entgeht einem nichts. Und auch abends kann man noch einen letzten Blick vom Balkon auf das endlose Treiben werfen, untermalt vom Rauschen des Atlantik. Von einer der zwei Präsidenten-Suiten mit Dachterrasse überblickt man die ganze Copacabana sogar aus der Badewanne.
Schöne alte Häuser aus dem vorigen und vom Anfang dieses Jahrhunderts sieht man bei einer Rundfahrt durch die Stadt. Im üppigsten Barockstil prunkt die Kirche Nossa Senhora da Glória do Outeiro auf einem Hügel. Eine wundertätige Marienstatue wird in der bei Gottesdiensten immer übervollen Kirche verehrt. Ein Schmuckstück ist der pompöse Hochaltar. Als unglaublicher Kontrast hierzu steht die supermoderne Kathedrale San Sebastian wie eine ägyptische Pyramide mitten im alten Stadtviertel Carioca. Wie überhaupt die Architektur des berühmten Architekten Oscar Niemeyer immer wieder verblüfft neben und zwischen den alten klassizistischen Bauten.
Rio wuchert am Atlantik weit hinaus entlang der Strände. Ganze Neubauvororte sind entstanden, wo vor Jahren nichts war als Meer, Sand und Öde.

Kontraste
Dort ist in einem weitläufigen Park, in dem Orchideen von den Bäumen ranken und Pinselohr-Äffchen die Stämme rauf- und runterwieseln, ein Privatmuseum entstanden, in dem indianische naive Kunst zu sehen ist aus allen Lebensbereichen. Und es ist ein Erlebnis, im "Barra Grill" außerhalb der Stadt nach alter Tradition sich Rind- und Schweinefleisch am Tisch frisch vom Spieß servieren zu lassen, so viel wie jeder möchte.
Und dann das unglaubliche Kontrastprogramm: Brüllaffen und Nasenbären, Gürteltiere, Schildkröten und Ameisenbären, Füchse, Töpfervögel, Marmortigerdommeln - das ist nicht etwa die Aufzählung eines Zoobestandes, sondern das kreucht und fleucht in freier Wildbahn durch die Büsche, huscht über die Wege, sitzt oder springt in den Bäumen umher. Im riesigen Naturreservat Pantanal im Westen Brasiliens an der Grenze zu Bolivien und Paraguay kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Direkt vor der kleinen Lodge durchquirlen rosa Löffelreiher mit langen, breiten Schnäbeln den Teich nach Schalentieren. Pferde erfrischen sich im warmen Naß. Knallgelbe und rot-weiße Vögel staken durch das Wasser.
Über 100 000 Quadratkilometer Sumpfland sind - je nach Jahreszeit - überflutet (besonders Januar/Februar) oder trocken. In private Farmen ist das Land aufgeteilt; hauptsächlich sind es Rinderzüchter. Dafür muß abgeholzt oder abgebrannt werden. Zwei Prozent aber dieses riesigen Areals sind Naturschutzgebiet. Kein Tier darf hier gejagt, kein Baum gefällt werden. 54 000 Hektar davon hat im südlichen Pantanal ein Privatmann (Roberto Klabin) gekauft und es "Refugio Ecológico Caiman" oder "Pousada Caiman" genannt. Drei Lodges und ein Haupthaus hat er gebaut für Touristen. Streng wird darauf geachtet, daß niemand allein umherstreift. Unglaublich nett und engagiert sind die dort arbeitenden jungen Leute, alle zwischen 20 und 26 Jahre, meist Studenten.
Mit dem kundigen Fahrer Dodo geht’s im Geländefahrzeug in die Natur. Tilo, Biologe und unser Guide, erklärt Natur und Tiere. Zum Beispiel in einem Baum das runde, aus Lehm gebaute Nest eines Töpfervogels. "Wenn er seine Frau mit einem Liebhaber im Bau überrascht, mauert er sie zur Strafe ein", erzählt er uns. Tilo weiß fast alles, spricht fließend deutsch und französisch. 304 Vogelarten wurden in dem Gebiet bisher gezählt. Gravitätisch schreiten die bis 1,70 m großen schwarz-rot-weißen Tuiuiu-Vögel durch die Wiesen, riesige Störche sitzen dicht gedrängt in den Bäumen, leuchtend blaue Hyazinth-Aras fliegen vorbei.
Endlich sehen wir Kaimane, wie die Krokodilart hier heißt. Sie liegen faul um einen Tümpel oder im Wasser; Vögel laufen zwischen ihnen durch. "Nur wenn ein Tier versehentlich auf einen Caiman tritt, schnappen sie zu. Sonst leben sie friedlich nebeneinander", erklärt Tilo. Unfaßbar. "Sie werden nämlich gefüttert, damit sie keine Touristen angreifen". Aha. Wir dürfen aussteigen. Dodo lockt die Kaimane mit einem Stock. Schwerfällig stemmen sie ihre gepanzerten Leiber auf die kurzen Beine und kommen angelaufen. Sie denken, es gibt was zu fressen. Enttäuscht plumpsen sie wieder auf den Bauch. Unfaßbar, daß wir so nah rangehen können.
Dann machen wir einen spannenden Waldspaziergang. Ohne Tilo sähen wir kaum die Hälfte. Ein riesiger Brillenkauz hockt auf einem Ast, schaut uns mit großen, runden Bernsteinaugen wie mahnend an. "Mensch, macht bloß keinen Blödsinn in unserem Revier", scheint er zu sagen. Würgefeigen umschlingen hohe Bäume, die dann absterben. Termiten haben gelernt, wegen der Überschwemmungen ihre Bauten auf Bäumen zu errichten. Nandus, eine Straußenart, ziehen vorbei. Nasenbären schnüffeln über die Wiese, Waschbären tummeln sich im Gras.
Großartig werden wir von Jané bekocht in der Lodge. Abends sehen wir bei einer Caipirinha (Limonen mit Zuckerrohrschnaps) Filme und Dias, und Tilo beantwortet unsere Fragen. Nach einem Vormittag auf Pferderücken überrascht uns am Nachmittag eine Bootsfahrt auf dem Aquidauana. Am Ufer knabbern Wasserschweine - wie riesige Bisamratten - büschelweise ihr vegetarisches Abendbrot. Kaimane, denen es am Ufer in der Abendluft zu kühl wird, platschen ins warme Wasser und tauchen ab. Dazwischen ein amputierter Kaiman, dem vielleicht im Kampf ein Kollege ein Bein abgebissen hat. Bromelien leuchten signalrot insektenanlockend vor dem satten Grün des Waldes. Brüllaffen toben durch die Wipfel der filigranen Bäume.
Auf der Rückfahrt bei Vollmond schleicht ein Jaguar vor uns über den Weg, schaut uns erstaunt an und geht weiter. Später bleiben wir stehen, schalten den Motor ab und hören ein tausendstimmiges Froschkonzert, das in mindestens 15 verschiedenen Sing- und Klangarten die laue Nacht erfüllt. Es ist ein Paradies. Renate V. Scheiper


Lufthansa und Varig fliegen im Code-Sharing-Abkommen täglich von allen deutschen Flughäfen mit LHAnschluß via Frankfurt nach Rio. Airtours bietet den Hin- und Rückflug an ab 1 649 DM.
Eine Nacht im exklusiven Copacabana Palace Hotel bei Airtours ab 121 DM pP im DZ. Preis einer PräsidentenSuite auf Anfrage. Gebührenfreie Reservierungen Copacabana Palace Hotel: Tel 01 30/81 89 23.
Rio ist Ausgangs- und Endpunkt des drei- oder viertägigen Ausfluges ins Pantanal. Flug von Rio nach Mato Grosso mit dem Varig Brasil-Airpass II für 350 US-$. Dieser Airpaß ist nur in Deutschland buchbar im Zusammenhang mit dem LH- oder Varig-Transatlantikflug.
Drei Nächte in der Caiman Lodge im Refugio Ecológico Caiman/Pantanal inklusive Transfer vom/zum 250 km entfernten Flughafen Mato Grosso ab 1 023 DM pP im DZ. Bucht man vier Nächte im Copacabana Palace Hotel mit 5 Tagen Rio-Programm, 3 Nächte in der Caiman Lodge inklusive aller Flüge, kommt man auf circa 3 800 DM pP im DZ.
Reisezeit: Ganzjährig. Malaria-Prophylaxe empfehlenswert.
Buchtips: APA-Guides "Brasilien"; Knaur: "Brasilien auf eigene Faust. Abenteuer zwischen Amazonas und Mato Grosso"; Polyglott: "Rio de Janeiro/São Paulo."

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