ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1997Krankenhaus-Report '97: Sparpotential durch Verweildauerverkürzung

POLITIK: Leitartikel

Krankenhaus-Report '97: Sparpotential durch Verweildauerverkürzung

Clade, Harald

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LNSLNS Ein Einsparpotential in Höhe von 2,3 Milliarden DM pro Jahr hat das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (WIdO), Bonn, für die 2 325 Krankenhäuser (rund 594 000 Betten) ausgerechnet, wenn die Patienten früher aus der vollstationären Versorgung entlassen und die ambulante und vorstationäre Versorgung intensiviert würden. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V. hat diese Aussagen des "Krankenhaus-Report ’97" als "unseriöses Trickspiel" zurückgewiesen. Sie stünden offenbar im Zusammenhang mit den Budgetrunden.


Die Krankenkassen machen im Vorfeld der aktuellen Pflegesatz- und Budgetverhandlungen erneut Druck auf die Krankenhäuser, und zwar mit zwei Aktionshebeln: einerseits mit einem unter den Spitzenverbänden der Krankenkassen abgestimmten Strategiepapier, das bereits im August publik gemacht wurde, andererseits mit dem Ende Oktober veröffentlichten "Krankenhaus-Report ’97", der in diesem Jahr bereits zum fünften Mal in Form eines 328 Seiten starken mit Tabellen gespickten Readers erschienen ist.
Der Krankenhaus-Report geht davon aus, daß bei einer besseren Abstimmung und Integration von ambulanter und stationärer Versorgung insbesondere an den Schnittstellen zwischen beiden Leistungsbereichen, vor allem im hochspezialisierten Bereich, erhebliche Wirtschaftsreserven stecken, die dringend mobilisiert werden müßten. Andererseits wird die Rechnung erneut an der Fehlbelegungsdebatte festgemacht, deren Volumen immer noch zwischen 18 und mehr als 20 Prozent liege, so die Krankenkassen-Experten. Diesem Argument hat unverzüglich die Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V. mit dem Hinweis widersprochen, daß zumindest seit 1995 die Zahl der Fehlbeleger rapide abgenommen habe und zu Lasten der gesetzlichen Pflegeversicherung abgerechnet werde, wie eine Studie des Forschungsinstituts Infratest Gesundheitsforschung, München, bereits vor Jahresfrist belegt habe. Das AOK-Institut unterstellt, daß die durchschnittliche Liegedauer der Patienten in den Krankenanstalten auch im internationalen Vergleich immer noch zu hoch sei, obwohl die Verweildauer inzwischen bei 11,4 Tagen liegt (1996) - eine Verweildauer, die vor 15 Jahren noch 19,7 Tage betrug - bei 174,3 Millionen Pflegetagen und 15,2 Millionen stationären "Fällen". Die Kassen-Rechner gehen davon aus, daß im Durchschnitt die Entlassung um zwei Tage vorgezogen werden könne. Daraus wird flugs hochgerechnet, daß sich die Zahl der Gesamtpflegetage um 2,9 Prozent verringern könnte. Mit der Vermeidung der angeblichen Fehlbelegung, früherer Entlassung und "Umbettung" von Pflegebedürftigen in Pflegeheime könnten somit 2,3 Milliarden DM gesamtwirtschaftlich und je Jahr gespart werden. Weitere Ersparnisse ergeben sich, wenn bei leichteren Fällen völlig auf eine ärztliche oder Selbsteinweisung "intra muros" verzichtet würde.
Der Report plädiert für eine Überwindung der "starren Grenzen" zwischen ambulantem und stationärem Sektor und fordert eine sektorübergreifende Planung und Versorgung. Verlagerungspotential in den ambulanten Bereich bestehe insbesondere bei solchen Patienten, die gegen Ende ihres klinischen Aufenthaltes nur noch wenig pflegerische und ärztliche Betreuung benötigen. Minimalen Pflegeaufwand in den letzten fünf Tagen des Klinikaufenthaltes verursachen nach Ermittlungen von WIdO 15,2 Prozent aller stationären Fälle. Seit 1993 ist deren Anteil um 8,9 Prozentpunkte zurückgegangen. Dies sei ein Indiz dafür, daß die Krankenhäuser damit begonnen haben, die Verweildauer am Ende des Aufenthaltes zu reduzieren, ein Hinweis darauf, daß noch Reserven bestünden. Ohnedies würden die gesetzlichen Auflagen nicht strikt beachtet werden, daß das Krankenhaus nur in medizinisch indizierten Fällen beansprucht werden darf ("Soviel ambulant wie möglich, soviel stationär wie nötig").


Blockade der Verzahnung
Prof. Dr. med. Dr. h. c. Michael Arnold, Gesundheitsökonom, Emeritus der Universität Tübingen, erklärt die Tatsache, warum eine bessere Verzahnung und Integration der Versorgung bisher nicht oder nur in geringem Umfang erfolgt ist: "Der Status quo bleibt erhalten, weil fast alle beteiligten Akteure - seien es Ärzte, Krankenhäuser, die Medikal-Industrie, Krankenkassen oder auch die Patienten nicht an einer Änderung interessiert sind. Wer gut verdient oder optimal versorgt wird, möchte, daß es so bleibt, wie es ist. Nur die Arbeitgeber streben als einzige Gruppe im eigenen Interesse eine rigide Ausgabendämpfung an. Einer Mobilisierung der im System vorhandenen Wirtschaftlichkeitsreserven stehen außer den verschiedenen Individualinteressen aber auch sachliche Schwierigkeiten (zum Beispiel die eindeutige Bestimmung des medizinisch Notwendigen) und innere Widersprüche (Kollektiv- versus Individualinteressen) entgegen." Arnolds Ausweg: "Daher sollte die Praxis, allen alles zu gewähren, überdacht werden. Die Normen zur Umverteilung der Gesundheitsgüter müssen der wirtschaftlichen Lage angemessen sein und jetzt wieder an knappere Ressourcen angepaßt werden."


Budget-Denken
Die Autoren Dr. rer. pol. Dominik Graf von Stillfried und Dr. med. Eleni Jelastopulu sind der Ansicht, historisch gewachsene Strukturen und die noch dominierende berufsorientierte vertikale Versäulung der Kran­ken­haus­struk­tu­ren verhinderten eine ökonomisch indizierte engere Kooperation zwischen den Sektoren. So stünden beispielsweise in Deutschland, anders etwa als in Großbritannien, die niedergelassenen Fachärzte mit den Fachärzten in den Krankenhäusern in direkter Konkurrenz. Zudem sei es ausgabenträchtig, Doppelstrukturen und doppelte Facharztkapazitäten ambulant/stationär vorzuhalten. Die Initiativen zur besseren Verzahnung scheiterten bisher vor allem am bestandsschutzorientierten "Budgetdenken" sowohl der niedergelassenen Ärzte als auch der Krankenhäuser - wohl auch an der bisher stark fürsorglichen Schützerrolle der Länder und staatlicher Regulative zugunsten der Krankenhausträger. Dies lasse sich an den erfolglosen Verhandlungen um einen gemeinsamen "Budget-/Honorartopf" für das ambulante Operieren belegen. Solange die Vergütungen und Honorierungen unterschiedlich sind und die Wettbewerbsbedingungen auseinanderlaufen, würden so falsche Anreize für das Gesamtsystem gesetzt. Dr. Harald Clade


Michael Arnold, Dieter Paffrath (Hrsg.): Krankenhaus-Report ’97. Schwerpunkt: Sektorübergreifende Versorgung, Verlag Gustav Fischer, Stuttgart, 1997, 328 Seiten, kartoniert, einschließlich CD-ROM, 68 DM

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