ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1997Herztransplantation bei Neugeborenen und Säuglingen: Derzeitiger Stand im Kontext der Erfahrungen am Kinderherzzentrum Gießen

MEDIZIN: Aktuell

Herztransplantation bei Neugeborenen und Säuglingen: Derzeitiger Stand im Kontext der Erfahrungen am Kinderherzzentrum Gießen

Dtsch Arztebl 1997; 94(47): A-3178 / B-2464 / C-2240

Michel-Behnke, Ina; Bauer, Jürgen; Thul, Josef; Hagel, Karl-Jürgen; Dapper, Friedhelm; Schranz, Dietmar; Kroll, Johannes; Knothe, Christoph; Bohle, Rainer Maria; Stastny, Barbara; Will, Joachim; Krämer, Ulrike

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LNSLNS Die orthotope Herztransplantation ist eine akzeptierte Therapie für Kinder und Erwachsene mit einer Herzerkrankung im Endstadium. Innerhalb der letzten Dekade wurde die Herztransplantation als Palliation auch bei Neugeborenen und Säuglingen erfolgreich angewandt. Diese Altersgruppe stellt derzeit schon nahezu die Hälfte der zur Herztransplantation vorgesehenen Patienten im Kindesalter dar. In den wenigen Zentren mit umfangreicher Erfahrung ermöglichte eine verbesserte perioperative Behandlung eine höhere Fünf-JahresÜberlebensrate als nach einer Herztransplantation bei älteren Kindern und Erwachsenen. Lange Wartezeiten sind jedoch weiterhin für eine hohe präoperative Sterblichkeit verantwortlich. Die Entscheidung zur Transplantation im Säuglingsalter wird somit wesentlich von der limitierten Spenderverfügbarkeit, der präoperativen Behandlung und den verbesserten Ergebnissen chirurgischer Alternativen beeinflußt.


Nahezu 30 Jahre sind seit der ersten erfolgreichen Herztransplantation (HTX) beim Menschen vergangen. Die Prognose der Herztransplantierten hat sich jedoch erst seit 1982 durch die Einführung von Cyclosporin A als Immunsuppressivum dramatisch verbessert. Bis Anfang 1996 wurden 34 326 Herztransplantationen registriert (12). Der Anteil von Transplantationen im Kindes- und Jugendalter betrug etwa zehn Prozent. Die Fünf-JahresÜberlebensrate wurde bisher mit etwa 70 Prozent angegeben (18) und konnte inzwischen auf 76 Prozent angehoben werden.
Die erste erfolgreiche HTX bei einem Neugeborenen wurde von Bailey und Mitarbeitern, Loma Linda, USA, im Jahr 1985 durchgeführt (3). Die zunehmende Transplantationserfahrung dieser Arbeitsgruppe führte dazu, daß von einer Fünf-Jahres-Überlebensrate von 80 Prozent für Herztransplantationen im Säuglingsalter und für Transplantationen in der Neonatalzeit von sogar 84 Prozent berichtet wurde (4). Für die überraschend guten Ergebnisse der HTX bei Neugeborenen scheinen das noch in Entwicklung befindliche Immunsystem und die damit möglicherweise höhere Toleranz gegenüber dem fremden Organ wesentlich mitverantwortlich. Die Leistungen von Bailey und Mitarbeitern waren Anlaß, auch an der Justus-Liebig-Universität Gießen Mitte 1988 ein Programm "Herztransplantation im Kindesalter" mit besonderem Schwerpunkt für das Neugeborenen- und Säuglingsalter zu etablieren.
Die palliative Maßnahme einer Herztransplantation zur Behandlung einer terminalen Herzinsuffizienz im Neugeborenen- oder Säuglingsalter, ob als Folge einer erworbenen Herzerkrankung oder einer angeborenen Herzfehlbildung, bedarf einer individuellen Entscheidung. Mit den umfassend zu informierenden Eltern sind der natürliche Krankheitsverlauf der Kinder gegenüber den Konsequenzen einer HTX oder bei einigen Neugeborenen mit angeborenen Herzfehlern auch gegenüber alternativen Palliativoperationen abzuwägen. Die Entscheidung zur Herztransplantation bei Neugeborenen oder Säuglingen wird durch die limitierte Verfügbarkeit von Spenderherzen, den damit verbundenen Problemen der Wartezeit, durch die perioperativen Behandlungsmöglichkeiten, die Bedeutung der Langzeitbetreuung, aber auch von den zu erwartenden Fortschritten der Grundlagenforschung beeinflußt.


Indikation
Eine Indikation zur Herztransplantation besteht prinzipiell für jedes Kind mit einer Herzerkrankung, die auf eine maximale konservative Therapie refraktär ist oder für die keine chirurgische Behandlung zur Verfügung steht, um ein qualitativ normales Leben zu ermöglichen. Während der letzten zehn Jahre stieg die Zahl von Kindern mit komplexen angeborenen Herzfehlern ständig an, die primär oder nach einer vorangegangenen Palliativoperation herztransplantiert wurden. Zu Beginn der Transplantationsära im Kindesalter waren Kardiomyopathien in über 80 Prozent der Fälle die Indikation zur HTX. Im Jahr 1995 waren nach Mitteilungen der "International Society for Heart and Lung Transplantation (ISHLT)" Herzmuskelerkrankungen und angeborene Herzfehler in nahezu gleichen Anteilen die zwei Hauptindikationen für eine HTX im Kindesalter (11). Die Zahl der im ersten Lebensjahr Herztransplantierten wuchs in den USA in einem Zeitraum von fünf Jahren von 39 Säuglingen 1988 auf 108 im Jahr 1993. Die Zahl der zur Herztransplantation vorgesehenen Säuglinge stieg im gleichen Zeitraum von 72 auf 200 Patienten. Die steigende Zahl von Herzempfängern im Säuglingsalter resultierte aus der Strategie einiger Zentren, die Herztransplantation für Neugeborene mit hypoplastischem Linksherz als primäres Behandlungsregime anzubieten. In einer amerikanischen Multizenterstudie mit 23 beteiligten Kliniken lag bei den zur Herztransplantation vorgesehenen Säuglingen unter einem halben Jahr bei 86 Prozent ein kongenitaler Herzfehler vor, davon hatten allein 59 Prozent der Patienten ein hypoplastisches Linksherz (18). Am Kinderherzzentrum der Justus-Liebig-Universität Gießen wurden bis zum 31. Dezember 1996 insgesamt 73 Säuglinge im Alter von weniger als einem Jahr mit der Frage nach einer Herztransplantation evaluiert. Bei zwölf Patienten mit hypoplastischem Linksherz wurde aus medizinischer und/oder sozialer Indikation gegen eine Herztransplantation und für eine palliative Operation nach dem Norwood-Verfahren (20, 21) entschieden. Bei sechs Kindern lehnten die Eltern nach ausführlichen Aufklärungsgesprächen eine Transplantation oder eine organerhaltende Norwood-Operation ab. Fünf Kinder wurden aus medizinischen Gründen von der Warteliste zur Transplantation genommen. Weitere 14 Patienten verstarben während der Wartezeit auf ein Spenderherz. Insgesamt wurden von Juni 1988 bis Ende 1996 bei 36 Neugeborenen und Säuglingen 37 Herztransplantationen durchgeführt (Grafik 1). Bei 26 Neugeborenen lag ein hypoplastisches Linksherz vor, bei vier Patienten eine Endokardiofibroelastose, drei Kinder hatten eine Kardiomyopathie, drei weitere Kinder verschiedene komplexe Herzfehler (Grafik 2).


Behandlung im Vorfeld
Aus den in Grafik 2 zusammengefaßten Diagnosen, die in unserem Patientenkollektiv zu einer HTX führten, leitet sich für die meisten Kinder eine im Vergleich zu älteren Kindern oder Erwachsenen divergente Behandlungsstrategie im Vorfeld ab. Patienten mit einer primären Myokarderkrankung bedürfen nach Ausschluß einer behandelbaren Grunderkrankung (zum Beispiel Carnitinmangel) einer individuell angepaßten medikamentösen Therapie. Obgleich sich auch bei Säuglingen mit einer Kardiomyopathie eine Kombinationstherapie mit Digitalis, ACE-Inhibitoren und Diuretika bewährt hat, kann der Nutzen eines bBlokkers mit zusätzlich antiinflammatorischer Komponente (23) nicht ohne weiteres von den Erfahrungen im Erwachsenenalter auf das Säuglingsalter übertragen werden. Ziel einer Multizenterstudie müßte es sein, den möglichen Nutzen einer additiven b-Blockertherapie für Säuglinge mit Kardiomyopathie zu prüfen. Gleiches gilt für die chronische oder akute Anwendung von Wachstumshormonen (8, 31).
Werden intravenös infundierte Inotropika, meist eine Kombination von Katecholaminen und PhosphodiesteraseInhibitoren, zur Aufrechterhaltung der Herzkreislauffunktionen notwendig oder bedarf es gar der Aufrechterhaltung des myokardialen Perfusionsdruckes mit zusätzlichen a-Mimetika, ist die Zeit bis zu einer HTX extrem limitiert und die Erfolgsrate der HTX deutlich reduziert (15). Neben der extrakorporalen Membranoxygenierung stehen zunehmend auch miniaturisierte ventrikuläre Unterstützungssysteme zur Verfügung (19).
Ein Großteil der Neugeborenen und jungen Säuglinge, die auf eine HTX warten, haben jedoch keine Kardiomyopathie, sondern eine Ductus-arteriosus-Botalli-abhängige Herzerkrankung. Daher ist die Behandlung mit einer Prostaglandin-E1-Dauerinfusion zum postnatalen Offenhalten des Ductus arteriosus die wichtigste Primärmaßnahme. Zusätzlich ist bei offenem Ductus artiosus eine optimale Balance von pulmonalem (Qp) und systemischem (Qs) Blutfluß zu gewährleisten. In einer solchen Situation weist eine arterielle Sauerstoffsättigung zwischen 75 und 80 Prozent in der Regel auf ein ausgeglichenes Qp/Qs-Verhältnis hin. Hohe Sauerstoffsättigungen über 90 Prozent indizieren eine Lungenüberflutung mit systemischer Minderperfusion. Die Folgen sind eine Laktatazidose mit konsekutivem Multiorganversagen. Besteht eine prostaglandinrefraktäre Stenose im Ductus arteriosus, ist eine interventionelle Stentimplantation die Therapie der Wahl. Die von uns bisher bei acht Neugeborenen mit hypoplastischem Linksherz vorgenommene Intervention wird jedoch mittlerweile auch wegen der Möglichkeit, in familiärer Umgebung auf eine Herztransplantation zu warten, und auch als Faktor zur Kostenreduktion propagiert (28).
Insgesamt hat derzeit die Wartezeit einen nicht akzeptablen Einfluß auf die Gesamtüberlebensrate der für eine Herztransplantation vorgesehenen Patienten. Dies gilt insbesondere für Neugeborene und Säuglinge (15). Von den bis Ende 1996 insgesamt 56 in Gießen zur Herztransplantation akzeptierten Neugeborenen und Säuglingen verstarben auf der Warteliste 25 Prozent. Bei 36 Patienten wurden 37 Herztransplantationen nach einer mittleren Wartezeit von 52 Tagen (maximal 280 Tage) vorgenommen.
Schätzungen gehen davon aus, daß etwa 10 bis 20 Prozent der Kinder mit angeborenen Herzfehlern während ihres Lebens von einer HTX profitieren könnten. Die palliativ operierten Patienten, die zunehmend einer HTX bedürfen, sind solche mit einer Vorhofumkehroperation bei Transposition der großen Gefäße oder mit einer Fontanoperation beziehungsweise einer totalen cavopulmonalen Konnektion mit einem anatomisch oder funktionell univentrikulären Herzen (13).


Spender
Die häufigste Todesursache der Spender war ein Unfall. Peripartale Asphyxie, eine Hirnblutung, ein plötzlicher Kindstod, eine tödlich verlaufene Meningitis, aber auch Kindesmißhandlungen waren bei drei bis fünf Fällen die Todesursache. 46 Prozent der Spender wurden aus dem europäischen Ausland gemeldet.
Im Gegensatz zu Erwachsenen liegt bei Spendern im Säuglings- und jungen Kindesalter oftmals ein primäres Ereignis vor, welches unmittelbar zum Hirntod führt. Amerikanische Studien weisen auf ein damit verbundenes hohes Risiko einer assoziierten hypoxisch-ischämischen Schädigung der Spenderherzen hin (7). Erhöhte Blutspiegel von kardialem Troponin I beim Spender korrelierten in hohem Maße mit einem postoperativen "graft"-Versagen (9). Wieweit beim Spender erfaßte Troponin-I-Spiegel die bisher klinischen und echokardiographischen Daten zur Beurteilung der Eignung eines Herzens zur möglichen Organspende stützen können, muß noch in umfangreicheren Untersuchungen evaluiert werden. Nach dem Hirntod kommt es oftmals trotz engagiertem Management mit Beatmung, intravasalem Volumenersatz, Ausgleich von metabolischen Entgleisungen und pharmakologischer Unterstützung der Hämodynamik zu einer progredienten Funktionseinschränkung möglicher Spenderorgane. Erst verbesserte Kenntnisse über die Pathophysiologie des Hirntodes, besonders die Auswirkungen des "autonomen oder adrenergen Sturms", sowie der endokrinen Folgen und deren Einfluß auf die potentiellen Spenderorgane dürften zur Prävention einer nachfolgenden Organschädigung beitragen (22, 32).


Operative Technik und perioperative Behandlung
Die chirurgische Technik der HTX entsprach bei den Säuglingen mit Kardiomyopathie weitgehend der von Shumway und Mitarbeitern (29) und für die Neugeborenen mit hypoplastischem Linksherz der von Bailey und Kollegen modifizierten Methode (2). Die HTX bei hypoplastischem Linksherz ist technisch anspruchsvoll, da die Aorta des Empfängers mittels eines langen Aortensegments des Spenders bis über den Aortenisthmus erweitert werden muß (10) (Grafik 3). Am Kinderherzzentrum Gießen erfolgt die immunsuppressive Behandlung nach einem standardisierten Protokoll. Präoperativ erhalten die Patienten 5 mg/kg Ciclosporin A. und 1 mg/kg Azathioprin. Intraoperativ wird Prednisolon in einer intravenösen Dosis von 10 mg/kg appliziert. Postoperativ erfolgt primär eine intravenöse Dreifachkombination von Ciclosporin A (1 bis 2 mg/kg Kg/24 h), Azathioprin (1 mg/kg Kg/24 h) und Prednisolon (3 mg/kg Kg/24 h). Nach wenigen Tagen erfolgt die Umstellung auf eine orale Applikation mit einem Zielspiegel (monoklonaler Vollblutspiegel) für Ciclosporin von 250 ng/ml. Die Dosis von Azathioprin wird der Leukozytenzahl (3 000 bis 8 000/µl) angepaßt.
Prednisolon konnte bei allen Kindern bis Ende des dritten Monats nach HTX ausschleichend abgesetzt werden. Eine Zweifachtherapie mit Ciclosporin A und Azathioprin wurde als Langzeitbehandlung fortgeführt. Bei Kindern, die innerhalb der ersten sechs Lebenswochen transplantiert wurden, besteht die Immunsuppression ein Jahr nach HTX in einer Monotherapie mit Ciclosporin A mit Talspiegeln um 100 ng/ml.
Kontraindikationen zur Herztransplantation aus medizinisch-technischen Gründen haben sich mit dem Erfahrungsgewinn deutlich reduziert. Somit ist bei einem ausreichend entwickelten pulmonalen Gefäßbett ohne fixierte pulmonale Hypertension bei den meisten komplexen angeborenen Herzfehlern eine orthotope Herztransplantation möglich. Eine einheitlich definierte Obergrenze eines pulmonalen Gefäßwiderstandes, der als Kontraindikation für eine Herztransplantation im Säuglingsalter gilt, existiert nicht. Herztransplantationen sind bei Kindern auch mit nur einseitiger Pulmonalarterie und gegenseitiger kollateralarterieller Lungenperfusion sowie bei Patienten mit totaler Lungenvenenfehlmündung und nicht möglicher biventrikulärer Korrektur erfolgreich vorgenommen worden (25, 27). Ein hoher pulmonalarterieller Gefäßwiderstand galt für eine orthotope Herztransplantation deshalb als eine absolute Kontraindikation, da nach Transplantation ein normaler, dünnwandiger rechter Ventrikel auf eine hohe rechtsventrikuläre Nachlast nicht vorbereitet ist. Bei dem Spenderherz eines Neugeborenen oder jungen Säuglings sind jedoch aufgrund der noch trainierten rechten Herzkammer während der Fetalzeit andere pulmonalarterielle Gefäßwiderstände akzeptabel, als dies bei älteren Spenderherzen der Fall ist. Andererseits ist auch unter dem Gesichtspunkt des Lungengefäßwiderstandes ein Größenverhältnis von Spender zu Empfänger (S/E-Ratio) von größer als eins im Einzelfall bis zu einem Verhältnis von drei bis vier für Empfänger mit pulmonalem Hochdruck besser als ein kleines Spenderherz mit einer S/E-Ratio von unter eins.
Die zur Verfügung stehenden medikamentösen und apparativen (right ventricular assist device) Möglichkeiten erlauben bei Patienten, die unter Inotropika und maximaler präoperativer Vasodilatatortherapie (16) einen pulmonalen Gefäßwiderstand von < 6 Wood/E aufweisen, in jedem Fall eine Herztransplantation. Kinder mit Werten von 6 bis 9 Wood/E unterliegen bei orthotoper HTX einem höheren Risiko. Patienten mit noch höheren Widerstandswerten sind zwar im Einzelfall auch schon erfolgreich orthotop transplantiert worden, als Alternative bieten sich aber auch eine heterotope Herztransplantation oder eine Herz-Lungen­trans­plan­ta­tion an. Letztere stellt derzeit im Säuglingsalter jedoch noch keine therapeutische Option dar.


Ergebnisse
Aufgrund einer sich exzellent entwickelnden chirurgischen Technik, einer verbesserten myokardialen Protektion sowie einer optimierten perioperativen Behandlung ist es in Gießen seit 1994 gelungen, die perioperative Überlebensrate auf nahezu 100 Prozent zu steigern (Grafiken 1 und 4). Bis 1993 bestand im Vergleich zu älteren Kindern oder Erwachsenen infolge der perioperativen Sterblichkeit eine deutlich höhere Gesamtletalität herztransplantierter Säuglinge. Im Zeitraum 1988 bis einschließlich 1992 wurden elf Kinder unter einem Jahr transplantiert. Fünf Patienten verstarben. Mit einer neuen Strategie zur Behandlung der postoperativ persistierenden pulmonalen Hypertension gelang es, die Überlebensrate nach Herztransplantation signifikant zu verbessern (5). Ein Kind von seit 1993 insgesamt 25 transplantierten Neugeborenen und Säuglingen verstarb 400 Tage nach der Transplantation im Rahmen einer Gastroenteritis an einer Abstoßungsreaktion. Überwiegend fanden jedoch Abstoßungsepisoden (22 von 31) innerhalb der ersten vier Wochen, im Mittel 12 Tage nach der HTX, statt. In drei Fällen wurde bioptisch eine humorale Rejektion nachgewiesen, ein Kind verstarb an dieser Komplikation.
Insgesamt blieben 16 Kinder (44 Prozent) abstoßungsfrei. Ein weiteres Problem in der früh-postoperativen Phase waren vier symptomatische Zytomegalie-Infektionen, von denen ebenfalls eine tödlich verlief. Die mittlere Überlebenszeit der herztransplantierten Säuglinge beträgt derzeit am Kinderherzzentrum Gießen etwas mehr als zwei Jahre mit einem Maximum von 8,5 Jahren. Die eigenen Daten sollten jedoch im Kontext der umfangreicheren Erfahrungen von Loma Lina, USA, mit der weltweit größten HTX-Serie von Neugeborenen und Säuglingen mit einem hypoplastischen Linksherz (26) beurteilt werden. Im Zeitraum von November 1985 bis November 1995 wurden an dem dortigen Zentrum 142 Patienten mit hypoplastischem Linksherz transplantiert. Die Überlebensrate ein Monat, ein Jahr, fünf Jahre beziehungsweise sieben Jahre nach HTX wurde mit 91 Prozent, 84 Prozent, 76 Prozent und 70 Prozent angegeben. Darüber hinaus berichtete Bailey selbst (persönliche Mitteilung), daß herztransplantierte Säuglinge, die fünf Jahre eine HTX überleben, mit einer Wahrscheinlichkeit von 92 Prozent auch zehn Jahre überleben werden.


Langzeitbetreuung
Die Notwendigkeit zur derzeit noch lebenslangen Immunsuppression ist eines der entscheidenden Argumente, das gegen eine Herztransplantation im Kindesalter angeführt wurde. Die tatsächliche Inzidenz der zellulären Abstoßung nach einer Herztransplantation im Säuglingsalter ist derzeit nicht bekannt. Analysen werden durch die relativ niedrigen Transplantationszahlen und die Altersheterogenität erschwert (30). Wiederum ergaben Untersuchungen aus dem Kollektiv von Loma Linda, USA, daß zwar eine derjenigen bei älteren Kindern und Erwachsenen in etwa entsprechende linearisierte Abstoßungsrate besteht, jedoch der Schweregrad der Abstoßungsreaktionen bei herztransplantierten Neugeborenen und jungen Säuglingen wesentlich geringer ausgeprägt ist. Der Prozentsatz tödlicher Abstoßungsreaktionen lag bei drei Prozent (6). In einer weltweiten Statistik wurde 1993 eine tödlich verlaufende Abstoßungsreaktion nach Herztransplantation im Kindesalter mit 18 Prozent angegeben (14).
In unserem Kollektiv von Neugeborenen und Säuglingen verstarben bisher zwei Patienten an einer Abstoßungsreaktion, was einem Anteil von fünf Prozent entspricht. Insgesamt war somit die Abstoßungsreaktion nach dem früh-postoperativen Rechtsherzversagen die zweithäufigste Todesursache. Abstoßungen nach dem dritten Monat nach Transplantation traten nur in vier von 31 Fällen auf. Die Abstoßungsdiagnostik bei herztransplantierten Säuglingen findet in den meisten Zentren überwiegend mit nichtinvasiven Methoden statt. Bei unseren Patienten wurde nur jede dritte Abstoßungsepisode durch eine Myokardbiopsie diagnostiziert. Zur endgültigen Beurteilung des derzeitigen immunsuppressiven Therapieregimes bleiben die Langzeitergebnisse hinsichtlich einer latent chronischen Abstoßungsreaktion mit Koronaropathie und die tatsächliche Inzidenz von malignen Erkrankungen abzuwarten (24). Aufgrund der zunehmenden Zahl von Kliniken, die Transplantationen durchführen, bleibt die Erfahrung pro Zentrum begrenzt. So gab es beispielsweise in den vergangenen Jahren keine neuen verwertbaren Daten über die Anwendung neuer immunsuppressiver Behandlungsregime für Herztransplantationen im Säuglingsalter. Ein Wechsel von Ciclosporin A zu neuen Immunsuppressiva, wie ihm die Arbeitsgruppe in Pittsburgh mit Tacrolimus (FK 506) für die HTX im Kindesalter durchführte und damit die Substanz jetzt zum generellen Gebrauch zur HTX bei älteren Kindern und Erwachsenen befähigte, ist aufgrund des Nebenwirkungsprofils nicht ohne weiteres auf die HTX im Säuglingsalter zu übertragen (1). Im Einzelfall könnte jedoch bei ciclosporinresistenter Abstoßung oder bei der Notwendigkeit zu einer längeren hochdosierten Steroidtherapie eine Behandlungsergänzung mit Tacrolimus bestehen.
Unser derzeitiges Ziel, frühzeitig auf eine Langzeittherapie mit Steroiden zu verzichten und im Rahmen von Abstoßungsreaktionen nur kurzfristige, hochdosierte Steroidtherapie zu verabreichen, hat sich nicht zuletzt auch im Hinblick auf die körperliche Entwicklung der herztransplantierten Kinder bewährt. Die somatische Entwicklung der transplantierten Säuglinge verlief bisher mit einer Ausnahme perzentilengerecht. Einen signifikanten Effekt der Herztransplantation im Neugeborenen- und Säuglingsalter auf die Überlebensrate von Kindern mit kongenitalen Herzfehlern und erworbenen Herzerkrankungen wird es nur dann geben, wenn es zu einer deutlichen Erweiterung des Spenderpotentials kommt. Dazu bedarf es entweder einer gesellschaftlichen Umorientierung, oder aber die immunbiologische Grundlagenforschung führt zu solchen Fortschritten, daß eine spenderspezifische Transplantattoleranz entwickelt wird, die keine Immunsuppression mehr benötigt oder die Xenotransplantation zur Realität werden läßt.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-3178-3182
[Heft 47]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck und über die Internetseiten (unter http://www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.


Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Dietmar Schranz
Kinderherzzentrum, Abteilung Kinderkardiologie
der Justus-Liebig-Universität
Feulgenstraße 12
35392 Gießen

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1.Grafik 1: Neugeborene und Säuglinge mit Herztransplantation (HTX) von 1988 bis 1996. (Helle Balken = Gesamtzahl/Jahr; dunkle Balken = Anteil verstorbener Patienten)
2.Grafik 2: Diagnosen bei 36 Patienten mit Transplantation innerhalb des ersten Lebensjahres. (HLH = hypoplastisches Linksherz, EFE = Endokardfibroelastose, KMP = Kardiomyopathie)
3.Grafik 3: Schema des hypoplastischen Linksherzens vor und nach Transplantation. Grau unterlegt sind die Anteile des Spenderherzens.
4.Grafik 4: Überlebenswahrscheinlichkeit nach Herztransplantation im Säuglingsalter. Dargestellt sind die Gesamtgruppe (n = 36) sowie die Zeiträume 1988-1993 und 1994-1996.

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