ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1996Schilddrüsenoperationen: Chirurgen und HNO-Ärzte streiten um Kompetenzen

POLITIK: Aktuell

Schilddrüsenoperationen: Chirurgen und HNO-Ärzte streiten um Kompetenzen

Glöser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie und der Berufsverband Deutscher Chirurgen kritisierten kürzlich HNO-Ärzte, die in zunehmendem Umfang Patienten an der Schilddrüse operieren. Dies verstoße gegen das ärztliche Berufsrecht, lautete das Hauptargument. Im Gegenzug verwies die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie darauf, die Weiter­bildungs­ordnung sei "Sache des Deutschen Ärztetages und nicht einseitig vorgetragener Meinungen".


Die zivile und politische Öffentlichkeit wird begierig und mit Häme die von Ihnen gewählte kollegiale Umgangsform zur Kenntnis nehmen, in Publikationen Vorwürfe zu erheben, ohne zuvor den Standespartner anzusprechen." Mit dieser Reaktion begegnete die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie einer kritischen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und des Berufsverbandes Deutscher Chirurgen zu Schilddrüsenoperationen durch HNO-Ärzte.
In der im Januar 1996 in den Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie veröffentlichten Stellungnahme vertraten die Chirurgen die Auffassung, daß nach ärztlichem Berufsrecht nur der Chirurg bzw. Viszeralchirurg fachlich qualifiziert sei, Eingriffe an der Schilddrüse und den Nebenschilddrüsen vorzunehmen. Operationen an der Schilddrüse seien für HNO-Ärzte fachfremde Leistungen, da diese Erkrankungen in der alten wie auch in der neuen Muster-Weiter­bildungs­ordnung der Bundes­ärzte­kammer nicht im Gebiet der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde aufgeführt seien. "Wer sich nicht an dieses Gebot hält, verletzt seine ärztlichen Berufspflichten", konstatierte die Führungsspitze der Organisationen.
Zudem vertraten die Chirurgen den Standpunkt, daß Gebietsärzte der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in der Regel keine Kenntnisse und Erfahrungen in der Diagnose, Therapie und Nachsorge von Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsenerkrankungen haben würden. Als Folge einer inadäquaten Therapie seien nicht selten weitere Operationen notwendig.
Diese Vorwürfe nahm die HNO-Ärzteschaft unter der Leitung von Prof. Dr. med. Wolfgang Draf mit "großem Erstaunen über Inhalt, Stil und akademische Seriosität" auf. In einem Schreiben an den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Prof. Dr. med. Rudolf Pichlmayr, äußerten sie die Ansicht, Fragen zur Weiter­bildungs­ordnung fielen in den Kompetenzbereich des Deutschen Ärztetages und nicht in den einzelner Organisationen.
Außerdem wies das Präsidium darauf hin, daß die kritisierten HNO-Ärzte ausgewiesene Kopf-Hals-Chirurgen seien, die eine entsprechende Aus- und Weiterbildung absolviert hätten. "Zweckmäßig wäre es für ihre Fachgesellschaft, darüber nachzudenken, warum offensichtlich zunehmend Patienten zu Operationen an der Schilddrüse Hals-Nasen-Ohren-Operateure aufsuchen." Dies hänge vielleicht damit zusammen, daß Patienten Wert darauf legten, wer die Behandlung von Komplikationen durchführe, heißt es weiter.
Auf scharfe Kritik stieß die von den Chirurgen ausgesprochene Empfehlung an die Kostenträger, bei der Übernahme von Behandlungs- und Nachfolgekosten die vorgebrachten Kritikpunkte zu berücksichtigen: "Hier begibt sich die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie ohne Not zusätzlich auf juristisches Problemfeld." Abschließend forderten die HNO-Ärzte die Chirurgen auf, "interpräsidiale Gespräche unverzüglich nachzuholen". SG

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote