ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1997Sekundäre Pflanzenstoffe: Neue Studien zur Krebsprotektion

VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

Sekundäre Pflanzenstoffe: Neue Studien zur Krebsprotektion

Hahne, Dorothee

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Schätzungen des National Cancer Institute zufolge beeinflußt die Ernährung 35 Prozent aller Krebserkrankungen. Welche Rolle speziell der Ballaststoffkomplex des Roggens als Krebsschutzfaktor spielt, untersuchen skandinavische Wissenschaftler im Rahmen des NordFood-Programms. Dieses Programm wird unterstützt vom Nordisk Industrifond, einem Zusammenschluß von Firmen aus fünf skandinavischen Ländern.
Wie Prof. Herman Adlercreutz (Universität Helsinki) auf einem Pressegespräch in Köln berichtete, essen finnische Frauen sehr viel mehr Getreideballaststoffe als Amerikanerinnen - vor allem aus Roggen. Gleichzeitig erkranken Finninnen seltener an Brust- und Dickdarmkrebs als Amerikanerinnen. Als krebsprotektive Faktoren scheinen die im Verbund mit unlöslichen Ballaststoffen vorkommenden sekundären Pflanzenstoffe eine wichtige Rolle zu spielen, insbesondere die Phytoöstrogene.
Adlercreutz konnte in der Schale des Vollkornroggens die zu den Phytoöstrogenen gehörenden Lignane nachweisen. Entscheidend für ihre Wirkung ist, daß die pflanzlichen Lignane von der Darmflora im Dickdarm in die humanen Lignane Enterolacton und Enterodiol umgewandelt werden.
Es ist bekannt, daß weibliche Hormone, insbesondere das Östrogen, das Brustkrebsrisiko erhöhen. An diesem Punkt scheinen die Lignane einzugreifen. Adlercreutz konnte in vitro zeigen, daß Enterolacton und seine Vorstufe Matairesinol in Anwesenheit physiologisch wirksamer Mengen Östradiol das Wachstum von Brustkrebszellen hemmen. Diese Wirkung beruht wahrscheinlich auf einer kompetitiven Hemmung an den Östrogen-Rezeptoren. Auch steigern Lignane die Produktion des sexualhormonbindenden Globulins (SHBG). Je höher die Konzentration von SHBG, desto niedriger ist der Gehalt an biologisch aktiven, freien Östrogenen und Androgenen.


Roggenvollkorn bevorzugen
Ballaststoffreiche Ernährung hat auch Einfluß auf das Prostatakarzinom: Eine Diät mit Roggenkleie konnte das Wachstum von Prostatatumoren verlangsamen. Dies zeigte Prof. Göran Hallmans (Universität Umea) an 125 Ratten mit implantierten Prostatatumoren. Der genaue Mechanismus ist nicht bekannt. Sicher spielen die Lignane eine Rolle: Denn Enterolacton hemmt in Zellkulturen das Wachstum von Prostatakrebszellen.
Außerdem hemmen Lignane ein wichtiges Prostataenzym, die Alpha-5-Reduktase. Sie wandelt Testosteron in 5Alpha-Dihydrotestosteron um; letzteres gilt als wirksamer Stimulator für das Wachstum des Prostatakrebses. Auch die Epidemiologie spricht für einen Einfluß der Roggenkleie auf die Häufigkeit des Prostatakarzinoms: In Finnland kommt Prostatakrebs in jenen Regionen seltener vor, in denen viel Roggenbrot verzehrt wird. Daß Ballaststoffe auch beim Dickdarmkrebs protektiv wirken, haben viele epidemiologische und experimentelle Studien bewiesen. Ballaststoffe erhöhen die Stuhlmenge und beschleunigen die Dickdarmpassage; sie senken die Konzentration toxischer fäkaler Verbindungen und verringern die Kontaktzeit möglicher Kanzerogene mit der Dickdarmschleimhaut. Je höher die Stuhlmenge, desto kürzer ist die Transitzeit. Roggen liegt in puncto Stuhlwirksamkeit an der Spitze der Getreideballaststoffe: Ein Gramm Roggenballaststoff führte zu einem "bulking effect" von sechs Gramm Stuhl, berichtete Prof. Walter Feldheim (Kiel). Ballaststoffe aus Obst und Gemüse sind weit weniger effektiv.

Lignane
Inzwischen mehren sich die Hinweise auf eine protektive Wirkung der Lignane bei Dickdarmkrebs. Untersuchungen an Krebszellen und in Tierversuchen ergaben, daß lignanhaltige Nahrungsmittel das Wachstum des Kolonkarzinoms hemmen. Außerdem besitzen auch Dickdarmkrebszellen Östrogenrezeptoren. Laut Adlercreutz ist es möglich, daß die schwach antiöstrogen wirkenden Lignane die Wirkung der Östrogene auf das Krebswachstum blockieren. Dr. Dorian Weipert (Bundesanstalt für Getreide-, Kartoffel- und Fettforschung, Detmold) empfahl, vor allem Produkte aus Roggenvollkorn zu essen, da sich der überwiegende Teil der Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe in den äußeren Randschichten des Roggens befindet. Dorothee Hahne

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote