ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1996Arzt im Praktikum: Identitätskrise

POLITIK: Die Glosse

Arzt im Praktikum: Identitätskrise

BR

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LNSLNS Ein Arzt ist ein Arzt ist ein Arzt ... es sei denn, er ist Arzt im Praktikum. Dann nämlich darf er sich keineswegs "Arzt" nennen, sondern muß öffentlich bekennen, daß ihm der letzte Schliff noch fehlt.
Das jedenfalls meint die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen, die – unter Androhung berufsrechtlicher Schritte im Falle einer weiteren Mißachtung – einem AiP untersagt hatte, die Berufsbezeichnung "Arzt" im Briefkopf zu führen. Dazu sei er erst nach Ableistung der AiP-Zeit und dem Erhalt der Approbation berechtigt. Bis dahin müsse "zum Schutze des Publikums", so die Ermahnung weiter, der Ausbildungsstand des Mediziners "auch in der Berufsbezeichnung zum Ausdruck kommen". Und die laute eindeutig "Arzt im Praktikum".
Der so Gemaßregelte nimmt den Fehdehandschuh auf und führt die Bundesärzteordnung (BÄO) ins Feld, deren Paragraphen ihn seiner Meinung nach bestätigen und ihm die Bezeichnung "Arzt" zubilligen. Tatsächlich spricht Paragraph 10 Absatz 6 jedem AiP die Rechte und Pflichten eines Arztes zu, inklusive des Führens der Berufsbezeichnung.
Die hessischen Standesvertreter bleiben standhaft und können sich bei ihrer Auslegung des Gesetzestextes der Unterstützung ihrer bayerischen Kollegen sicher sein; unfairerweise fallen ihnen jedoch die Kammern Niedersachsen, Brandenburg, Berlin und Saarland in den Rücken, die dem Streiter für ärztliche Titulierung recht geben. Das Bundesministerium für Gesundheit, in höchster Not angerufen, entscheidet schließlich: Der AiP darf sich "Arzt" nennen. Ein Politikum erster Güte also, denn wird hier die Autonomie der Länder beschnitten? Werden wir bald auf den Straßen Demonstrationen unter Titelentzug leidender Jungärzte aus Bayern und Hessen erleben, die ihre Rechte einfordern? Und vor allem: Darf der rebellische AiP noch vor Ablauf seiner Praktikumszeit das Ende der von ihm ausgelösten Diskussion miterleben?
Klarheit herrscht nämlich nur scheinbar; denn das hessische Ge­sund­heits­mi­nis­terium hat erneut in Bonn angefragt, ob die Entscheidung nicht doch anders ausfallen könne.
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